Ein Gedanke sagte mir noch: Du irrst dich, es hat nur der Sturmwind ihr Lied zerrissen, und drum tönt es so, wie wirr durcheinanderklingende Schreie! — Aber nein! Ganz deutlich, jeder Täuschung entrückt, wahr und wirklich, klang es nun abermals durch die Finsternis aus der Ferne zu mir her! Sie jauchzten und jodelten wie junge Menschen in froher Trunkenheit! Und da war es in mir wie ein klares Sehen, wie ein festes und heiliges Wissen: daß Soldaten, die mit solchem Liede und mit solchem Jauchzen in eine stürmische Nacht hinausmarschieren, der Gefahr und dem drohenden Tod entgegen — daß solche Soldaten siegen müssen! Gleichviel, wann!
11.
16. Februar 1915.
Vor wenigen Tagen war es. Niemand sprach davon, daß man einen Angriff der Franzosen erwarte. Aber es lag was in der Luft, nicht nur deshalb, weil die feindlichen Geschütze seit zwei Tagen lebhafter als sonst über die fernen Waldhügel herüberdonnerten. Auch am Verhalten der Feldgrauen fiel mir etwas auf. Ich glaube, militärisch nennt man es »erhöhte Bereitschaft«.
Mit Anbruch der Nacht war für mich der Besuch einer weit entlegenen Artilleriestellung verabredet, zu der es am Tage keine Zufahrt gibt. — Acht Uhr vorüber. Ich saß in einer engen, finsteren Sache, wie ein Sträfling in seinem Zellenwagen. Das kleine Kupee hatte keine Glasscheiben, sondern Brettfensterchen mit winzigen Ausschnitten, durch die ich manchmal ein wässeriges Sternchen flüchtig aufschimmern sah.
Nach zwei Stunden hält der Wagen. Ich bin im Hof einer großen Ferme. Alle Läden geschlossen, nirgends ein Licht. Nur droben am klar gewordenen Himmel brennen die vielen Sterne. Die Haustür wird geöffnet, und die freundlichen Stimmen dunkler Gestalten begrüßen mich. Dann sitzen wir in der etwas schummerigen Stube, und der Zigarrenrauch schwimmt in geschlängelten Fäden um das sparsame Flämmchen der Petroleumlampe. Die Offiziere sind heiter wie sonst; in dieser Heiterkeit ist eine Ruhe, die alle Spannung meiner Nerven beschwichtigt. Mir ist sehr wohl an diesem Tisch. Im Geplauder frag' ich einmal: »Da ist doch hier in der Gegend eine von den Franzosen kaputt geschossene Villa, deren Turm neulich noch ganz war? Da droben sitzt doch immer ein Beobachter. Steht der Turm noch? Oder ...« Um den Tisch geht ein Lachen herum. Und der junge Artilleriehauptmann schmunzelt: »Gott sei Dank, er steht noch! Da droben sitze doch ich immer! Wenn Sie morgen nachmittag zu mir hinaufkommen wollen? Ich denke, da werden Sie etwas sehen!«
Während wir weiterschwatzen, hör' ich etwas: manchmal klingt es wie eine Karfreitagsklapper; dann wieder, als kollerten viele Holzkugeln über eine steile Treppe herunter; oder als würden hundert Teppiche geklopft. Jede Sekunde klingt es anders und bleibt doch immer das gleiche. »Was ist das?« — »Noch ist es kein Angriff. Aber möglich, daß es einer wird.«
Wir treten in den schwarzen, vom Sternenhimmel überfunkelten Hof hinaus. Nun vernehm' ich es deutlich. So hatt' ich es noch nie gehört, auch nicht im Schützengraben. Was da so unregelmäßig hämmert in der Nacht, ist wie das Zähneklappern eines frierenden Riesen. Hoch über uns fahren kurze Zischlaute durch die Luft: die »Hochgänger«, die von den zerrissenen Salven der Franzosen zwei Kilometer weit über den schwarzen Waldgrat herüberfliegen. Auf dem Dach geht eine Schieferplatte in Scherben, und die Splitter bröseln in den Hof herunter. Dieses ziellose Gepulver in der Finsternis hat etwas unsagbar Aberwitziges. »Schießen denn da die Unseren auch?« — »Nein. Die warten, bis es notwendig wird.« — »Aber auf was schießen denn die Franzosen, jetzt, in der Nacht?« — Ein Lachen. »Auf nichts. Vielleicht glauben sie, eine Patrouille zu sehen. Oder es ist wieder ein Bluff, mit dem sie uns herauslocken möchten. So machen sie es oft. Aber die Unseren sitzen fest und warten ruhig, bis die Franzosen kommen. Dann kracht es bei uns. Das hat einen ganz anderen Ton!« —
Diese Erklärung gab mir ein äußerst behagliches Zufriedenheitsgefühl. Mit ihm vereinigte sich das Bild der Schützengräben, die ich gesehen — und die deutsche Seßhaftigkeit in diesem Maulwurfskriege begann mir als etwas sehr Notwendiges und Vorteilhaftes einzuleuchten. Bei gleichen Kräften eine unzerbrechbare Mauer verteidigen, ist schon der Sieg — mit dem Kopf gegen unbeugsame Steine rennen zu müssen, ist schon die Niederlage, noch ehe der letzte Kampf beginnt. Die festen Stellungen, die hier seit Monaten geschaffen und mit jedem Tage stärker ausgebaut wurden, können nur durch eine große Übermacht überrannt werden. Eine solche Übermacht werden die Franzosen auch mit englischer Hilfe niemals wieder haben! Aber wir werden sie haben! Bald! Dann wird die Stunde der Entscheidung im Westen gekommen sein! —
Am Morgen schien die Sonne aus blauem Himmel heraus. War dem frierenden Riesen warm geworden? Er hatte seinen klapprigen Zähneschauer eingestellt. Nur ab und zu noch klangen einzelne Schüsse von der feindlichen Stellung herüber.