Die Offiziere waren aus der Ferme verschwunden; ein junger Doktor sollte mich führen. Vor dem Hause ging es lebhaft zu. Feldgraue kamen über die Lehmwege hergewatet, jeder mit sechs kleinen Kesseln, um von der Feldküche das Frühstück für die Kameraden im Schützengraben zu holen. Die Schüsse, die sich noch hören ließen, wurden übertönt vom friedlichen Geräusch einer Dreschmaschine, die den französischen Weizen für den deutschen Appetit ausklopfte. Zwölf Bauernweiber lupften die Garben, bedienten die Maschinen und banden das ausgedroschene Stroh. Bei ihnen stand zur Aufsicht ein braunbärtiger deutscher Unteroffizier, der sein Pfeiflein rauchte und gemütlich dreinguckte, solange die Weiber tüchtig schafften; wurden sie faul, dann nahm er die Pfeife aus den Zähnen und sagte energisch: »Trawalliöh!« Worauf die Weiber wieder sehr fleißig wurden. — Besser so, als daß ein französischer Korporal unseren deutschen Bauernfrauen befehlen dürfte: »Harbeiiitet!«
Manchmal donnerte irgendwo ein Kanonenschuß, während wir in den glänzenden Vormittag hinauswanderten. Wir mußten gedeckte Schleichwege suchen, durch Pfützen waten, durch dornige Wäldchen kriechen. Auf einem großen Teiche sahen wir ein deutsches Idyll: eine mit Weizengarben beladene Zille kam auf dem Wasser herangeglitten; vier Feldgraue saßen auf der Strohladung des Schiffleins, und zu dieser netten Fahrt blies einer die Mundharmonika; warme Sonne umglänzte das hübsche Bild, das doppelt zu sehen war: in der Luft und im spiegelnden Wasser. Dazu der französische Kontrast: ein grauenvoll verwüstetes Gehöft! Welch ein entzückendes Landhaus mit Obstwiese und Blumengarten, mit Fischzucht und Weihern, mit Rosenhecken und Lauben muß das gewesen sein, ehe der Krieg begann! Und jetzt ein wüstes Durcheinander von verkohlten Balken, von Brandschutt und zerstückelten Mauern!
Ein Rauschen in den Lüften — ein Flieger! Ich fand ihn mit dem Glas. Ein deutscher Doppeldecker! Wie etwas ganz Feines und Zierliches flog er zweitausend Meter hoch im Blau. Da begann auch schon die Kanonade von der französischen Stellung her, ein feindliches Maschinengewehr erhob seine langsame Unkenstimme: »Tack, tack, tack, tack ...«, und neben der Sonne pufften in langer Reihe die grauen Kugelwölklein der Schrapnellschüsse aus dem blauen Nichts heraus. In meiner Seele war ein heißer Schrei: »Fliege, fliege, du deutscher Bruder da droben, erfülle deine kühne Pflicht, laß dich nicht herunterholen vom Haß deiner Feinde!« Er flog und flog, immer blieben die Explosionswölklein weit hinter ihm zurück. Geradhin und ruhig segelte er wie ein wilder Schwan, der die Tiefe verachtet. Keiner von den hundert Schüssen, die nach ihm abgefeuert wurden, konnte ihn auch nur zum leisesten Ausbiegen von der Richtung seines Erkundungsfluges zwingen. Im Glanz der Sonne, den meine Augen nimmer ertrugen, verschwand er. Ich mußte zwei Worte flüstern: »Deutscher Flug!« Aus diesen Silben und ihren Bildern wuchsen mir stolze, hoffnungsfrohe Gedanken heraus. —
Ein zerrissener Wald, in den die Mittagssonne steil herunterglänzte. Hier sah ich etwas Neues: einen von den großen Mörsern, die vor wenigen Tagen hierhergebracht wurden. Steht ein Mensch neben solch einem metallenen Ungetüm, so sieht er aus wie ein Zwerg neben einem Nashorn. An der Kugel, die dieser deutsche Kampfgigant über zehn Kilometer schleudert, haben vier Feldgraue zu schleppen. Und solcher Kugeln stehen Hunderte aufgeschichtet, jede in ihrem binsenen Moseskörbchen! Ich frage: »Wird geschossen?« — »Vor dem Abend kaum. Der Feuerbefehl muß von der Turmstelle kommen.« Also von dort, wo ich in einer Stunde sein werde!
Bei dem weiten Umweg über die Felder zappelt mir die Ungeduld in den Beinen. Hinter einer Deckung erwarten uns die beiden Pferde. Wir reiten los. Da beginnt auf einem langgestreckten Höhenzuge der frierende Riese heftig mit den Zähnen zu klappern. Immer rascher klingt es ineinander, fast ist es schon ein ununterbrochenes Salvenrollen. Und in vielen Richtungen fangen die Geschütze zu dröhnen an, vorerst nur französische. Jeder Schuß ist ein doppelter Donner: Abschuß und Granatenschlag. Wir lassen die Pferde rennen, um so rasch wie möglich unser Ziel zu erreichen. — Da ist es!
Auf einem von winzigen Waldflecken umhuschelten Hügel stand einmal ein kleines Dorf. Jetzt ist es ein Schutthaufen, den alles Leben verlassen hat. Nicht weit davon liegt die Trümmerstätte der kastellartigen Villa mit dem hohen Turme, der noch immer steht. Wer diesen Turm erbauen ließ, muß Ritterträume gehabt haben à la Don Quixote! Vom Haus ist nimmer viel übrig, und auch der Turm ist ausgebrannt bis in die zerrissene Blechkuppel hinauf. Sein Inneres ist eng und dunkel; von den vier verbrannten Turmböden sind nur noch ein paar verkohlte Balkenstümpfe vorhanden. In diesem leeren Mauerdarme haben die deutschen Pioniere acht Leitern hin und her übereinander gebunden. Draußen der ruhelose Geschützdonner, im Turme das Schweigen. Aber ganz in der Kuppel droben trillert ununterbrochen die Klingel eines Telephons. Und ruhige Stimmen tönen herunter; immer wieder höre ich die beiden Worte: »Turmstelle hier!«
Während der Doktor die beiden Pferde irgendwo versorgt, beginn' ich zu klettern. Durch schießschartenähnliche Fensterchen fällt spärliches Licht herein; das hilft mir, die Leitergriffe zu finden. In der dunklen Höhe stoße ich mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Über mir eine lachende Stimme: »Herein!« Ein schmales Falltürchen wird geöffnet. Zwei feste Hände greifen herunter und ziehen mich vollends hinauf. Ein freundlicher, aber kurzer Gruß des jungen Hauptmanns — ich bekomme in dem kleinen Dachkäfig ein Winkelchen, wo ich stehen muß, ohne mich viel rühren zu können — dann geht die ernste militärische Arbeit weiter, mit raschen und knappen Schlagworten, die mir, da fast immer in Zahlen geredet wird, eine unverständliche Sprache sind. Außer dem Hauptmann ist noch ein Leutnant da, ein Unteroffizier zur Bedienung des Telephons und einer zur Meßarbeit auf der Karte, die über ein Brett gespannt ist. Zwischen dem Mauerbord und der Dachkuppel ist eine handbreite Lücke; da kann man hinausgucken, kann sogar den Feldstecher dazwischenstecken. Und während bei jedem schweren Granatenschlag das Gemäuer des Turmes leise schüttert, beginne ich zu schauen, durchwühlt von einer heißen Erregung, die mir fast den Atem erwürgt.
Was ich sehe, ist ein Bild von unsagbarer Schönheit, ein wundervolles, im Gold der Abendsonne leuchtendes Land. Als ich noch da drunten war, da sah ich Hügel und Wälder; jetzt seh' ich nur einen ebenen Felderschild mit dunklen Flecken, aus denen sich höhere Bäume zierlich oder seltsam geformt herausheben. Zerstörte Dörfer und zertrümmerte Gehöfte sehen aus wie kleine, gesprenkelte, sonderbare Blumen. Gleich den niederen Versatzstücken einer Theaterdekoration schieben sich die Konturen von Gehölzen und Ortschaften durch- und hintereinander, alles wie niedliches Spielzeug. Ich sehe geschlängelte Bäche und schnurgerade Straßenzüge, sehe weit in südlicher Ferne den blitzenden Lauf der Somme mit ihren Sümpfen und Kanälen, und sehe — vergleichbar einem endlosen, vielgewundenen, doppelten Kupferkettchen — die von Osten kommenden und gegen Norden ziehenden Linien der deutschen und feindlichen Schützengräben. Über allem der blaue Himmel mit seiner niedersteigenden Sonne; und in der Tiefe ein feines, wunderlich zu Streifen gestaltetes Nebelziehen, das sich unter dem ruhelosen Donner des Geschützkampfes mehr und mehr zu verstärken scheint.
Dieses herrliche Land da drunten? Ist das ein Herzogtum ohne Volk? Nirgends ist ein Mensch zu entdecken, nirgends ein Bauer auf den Feldern, nirgends ein Wagen, der sich bewegt, nirgends ein Tier der Erde! Alle Schönheit da drunten ist leer und öde. Nur manchmal, unter dem aufschreckenden Granatendröhnen, flattern braune, dichte Schwärme von Wandervögeln nahe bei meinem Ausguck vorüber, wie Wolken von dürren Blättchen, die der Sturmwind treibt.
Mir werden Lippen und Zunge trocken, und vor Erregung fiebert mir jeder Nerv im Leib. Immer spähe ich durch das Glas nach den Schützengräben, bei denen der Riese mit den Zähnen schauert. Ich gewahre nichts, nichts, nichts, keinen Rauch, keinen Feuerblitz, keine Bewegung, nichts! Und immer dieses Donnern und Brüllen in der Luft! Gierig suche ich mit dem Glas die bald umschleierte, bald wieder von Sonne leuchtende Leere ab. In weiter Ferne, auf etwa vierzehn Kilometer, gewahre ich vor einem Waldstreif vier kleine, weiße Punkte, als hätte man da ein paar Taschentücher zum Trocknen aufgehängt. Jetzt bewegen sie sich langsam und schweben aufwärts und werden größer, ein feindlicher Flieger. Das Telephon klingelt und die ruhige Stimme des jungen Hauptmanns, der beim Scherenfernrohr sitzt, gibt eine Meldung in Ziffern. Der Flieger, den ich mit dem Glas beobachte, macht plötzlich eine Schwenkung, und ich sehe einen zweiten erscheinen. Ist das ein Deutscher? Der den Franzosen verfolgt? Beide verschwinden im Dunst. Während ich suche, kommt mir eine kleine blaugraue Kugel mit langem Schwänzlein ins Glas: ein französischer Fesselballon. Unbeweglich hängt er in der Luft, etwa zwölf Kilometer von uns entfernt. Nun gleitet er zur Erde hinunter und verschwindet hinter einem Waldstreif. Beim Scherenfernrohr ein kurzes, heiteres Lachen: »Dem war unser Flieger nicht geheuer!«