Allmählich wird der Geschützdonner seltener und verstummt beinahe ganz. Die grauen Dünste in der Landschaft zerflattern und verschwinden. Die Sonne ist rot geworden, Felder und Wälder gluten oder liegen in schwarzblauem Schatten. Das Telephon trillert, der Hauptmann wird zum Hörrohr gerufen. »Jawohl, Herr General, der Ballon ist niedergegangen.« Ein langes, leises Geräusch im Apparat, ähnlich dem Krächzen eines Grammophons, bevor es zu spielen beginnt. Da sieht der Leutnant, der den Platz am Scherenfernrohr einnahm, daß der Fesselballon wieder hochgeht. Die Meldung wird ins Telephon gegeben. Wieder beginnt im goldschönen Abend dieses Brüllen und Dröhnen, das die Lüfte erschüttert, gleich dem Donner eines grauenvollen Gewitters. Wieder die ruhige Zahlensprache und die kurzen Worte. Meldung um Meldung kommt, Meldung um Meldung fliegt zu den Batteriestellungen und zum Divisionsstabe. Ich möchte lauschen, möchte diese Ziffern und Worte deuten, aber immer muß ich schauen und suchen.
Der Geschützkampf, der sich bisher in größerer Entfernung abspielte, scheint sich näher heranzuziehen. Auf zwei Kilometer steht plötzlich ein gewaltiger, grauschwarzer Rauchbaum in einem Acker. Ein Krachen, daß mir die Ohren klingen. Schlag um Schlag. Eine ganze Reihe von solchen Rauchbäumen fährt aus der Erde heraus, dicht bei einem Wallstrich unserer Schützengräben. Der Granatenregen kommt von zwei französischen Batterien; ihr Feuer wird vom Fesselballon geleitet; sie schießen gut; in gerader Zeile setzen sie eine Granate dicht neben die andere. Immer muß ich an die Unseren in dem mit Flammen und Eisen überschütteten Graben denken, und während mir das Gesicht brennt, rinnen mir kalte Schauer durch das Herz.
Die Sonne ist schon drunten, immer grauer wird die Dämmerung, immer dichter dieses Dunstgewoge. In dem engen Dachkäfig des Turmes ist es schon so dunkel geworden, daß man die Karte beim Messen nimmer ablesen kann; man muß sie mit einem elektrischen Taschenlämpchen beleuchten. Die Worte, die ich höre, lassen mich vermuten, daß die eine der beiden feindlichen Batterien — eine Waldbatterie — jetzt gleich unter deutsches Feuer genommen wird. Nach der anderen sucht der Hauptmann mit dem Scherenfernrohr. »Da drüben, dreihundert Meter westlicher, muß sie stehen, aber die Stellung verschwimmt im Dunst.« Ich spähe durch mein Glas — und ein Zufall will es, daß ich in der Dämmerung die Stichflamme eines feuernden Geschützes erkenne. Im Scherenfernrohr sieht der Hauptmann noch den Feuerstrahl von zwei weiteren Geschützen. Durchs Telephon fliegt der Bereitschaftsbefehl zu den Mörsern. Aber bis im Dunkel des Turmkäfigs bei Laternenschein die Richtung auf der Karte gemessen und die Entfernung, achttausend Meter, berechnet werden konnte, ist draußen der Abend schon so tief gesunken, daß das Feuer der Mörser dem Feind ihre Stellung verraten würde. Das Telephon trillert. »Die Mörser bleiben in Richtung. Schluß.« Eine andere Meldung geht zum Stab. Und plötzlich dröhnen viele deutsche Schüsse rasch ineinander — weit aus den Lüften hör' ich etwas wie das ferne Sausen eines wackligen Eisenbahnzuges — und dort, wo die feindliche Waldbatterie gestanden, seh' ich etwas Furchtbares und Wildschönes aufbrennen. Sieben oder acht Granaten müssen es gewesen sein, die innerhalb zweier Sekunden auf die gleiche Stelle gefallen sind. Für meine Augen sah es aus, als wär's nur eine einzige Flamme, die wie ein riesiges Irrlicht zuckend und sinnlos umherhüpfte. Eine schwere Wolke wirbelt da drüben in die sinkende Nacht hinauf, die Stelle umhüllt sich mit Dunst — und dann erst, da alles für den Blick schon verschwunden ist, hört man den dröhnenden Explosionsdonner und sein Echo.
Eine ruhige Stimme sagt: »Die ist erledigt. Die andere kommt morgen dran!«
Nun tiefes Schweigen in der Dunkelheit. Kein Schuß mehr. Nichts.
Ich kann nicht sprechen. Ganz stumm bin ich. Und während ich mich in der Finsternis des Turmes über die Leitersprossen hinuntertaste, kommt mir eine Erinnerung aus meiner Kinderzeit. Damals, 1864, sah ich in einem Guckkasten die Beschießung der Düppeler Schanzen. Das war anders!
Wir reiten durch die still gewordene Nacht. Zwischen den erwachenden Sternen glänzt die feine Goldspange des zunehmenden Mondes. Das ganze Rund seiner Scheibe ist als bläulicher Hauch zu erkennen. Sein Licht wird wachsen mit jedem Tag, wird schön und vollkommen werden. Ich fühle diesen Gedanken wie ein Gleichnis für den deutschen Sieg.
Auf der dunklen Straße begegnen uns die langen Züge der zu ihren Quartieren heimkehrenden Verstärkungstruppen; ihr Eingreifen ist nicht nötig geworden; der Vorstoß, den die Franzosen versuchen wollten, zerflatterte, bevor er noch richtig begonnen hatte.
Die Feldgrauen, die in der Finsternis an uns vorübermarschieren, singen nicht; sie reden mit ruhigen, halblauten Stimmen; und die Funken ihrer Zigarren und Pfeifen wehen leuchtend in die Dunkelheit hinaus, gleich schwärmenden Glühwürmchen einer Frühlingsnacht.