21. Februar 1915.
Wenn wir daheim den militärischen Tagesbericht studieren und dabei die häufig wiederkehrende Stelle finden: »Im Westen hat sich nichts Wesentliches ereignet« — dann pflegen wir uns in Mißmut und Unbehagen mit der Erörterung von Dingen und Taten zu beschäftigen, die nach unserer Meinung notwendig geschehen müßten, aber unbegreiflicherweise unterlassen werden. Keine von unseren Vorstellungen vom Kriege ist so ungerecht wie diese! Gerade in den Zeiten, in denen wir Daheimgebliebenen nichts von Siegen zu hören glauben, wird hier im Felde so viel tüchtige, musterhafte und erfolgreiche Arbeit geleistet, daß ich Glücklicher, der ich diese rastlose deutsche Tat jetzt mit eigenen Augen sehen darf, jeden Tag mit dem frohen Gefühl beschließe: »Heute hab' ich wieder einen großen deutschen Sieg gesehen!«
Wie die »Ruhepausen« in den Schützengräben aussehen, wie hier in bewundernswerter Ausdauer jede Minute bei Tag und Nacht benutzt wird, wie man schaufelt und schanzt und unsere Stellungen in unzerbrechbare Erdfestungen verwandelt, wie man mit äußerster Kraftanstrengung alles erzwingt, was die Gefahr für unsere Feldgrauen vermindern und ihre namenlose Mühsal etwas erträglicher machen kann — davon habe ich schon erzählt. Nun laßt mich heute davon sprechen, wieviel stille deutsche Siege hinter der Front erfochten werden. Und je weniger Nervengeprickel in den Schilderungen dieser von keinem militärischen Tagesbericht verkündeten Siegesarbeit sein kann, um so aufmerksamer müßt ihr daheim gerade diese Bilder betrachten. Sind die Siege an der Front die weithin läutenden Türme unserer Kraft, so ist die Arbeit hinter der Front das Fundament, auf dem sie errichtet werden und das sie trägt.
Vor allem will ich da erzählen, was unsere deutschen Mütter und Frauen mit tröstendem Aufatmen hören werden: in welcher Weise hier im Feld für Ernährung, Unterkunft und Gesundheit ihrer Söhne und Männer gesorgt wird. Wie es mit solchen Dingen bei den Heeren unserer Gegner gehalten wird, das weiß ich nicht. Aus eigener Anschauung muß ich aber glauben: so, wie bei uns, kann es nirgends sein! Was ich hier gesehen habe, das kann nur deutsche Schulung, nur deutsche Umsicht und Fürsorge fertig bringen!
Ich will einen typischen, das Ganze im kleinen illustrierenden Einzelfall herausgreifen, den ich selbst mit angesehen habe. Ein Rekrutennachschub von dreitausendfünfhundert Mann war angemeldet, und es hieß: in vier Tagen kommen sie, und bis dahin muß alles Nötige für die Unterkunft der Leute fertig sein. Am Mittag des vierten Tages war es fertig! Die Bahnzüge kamen, einer flink hinter dem anderen, und entluden dieses junge Gewimmel der Feldfrischen. Hier, tief in Feindesland, sechs oder sieben Kilometer hinter der Front, an der gekämpft wird, funktioniert dieser gewaltige Bahnbetrieb mit der gleichen Ordnung und Pünktlichkeit, wie wir sie bei uns daheim in friedlichen Zeiten kennen. Eine lange Reise macht hungrig. Also das erste: die Leute müssen satt werden. In einer von allem Französischen gesäuberten Güterhalle sind in langen Reihen die hölzernen Tische und Bänke aufgeschlagen. Wer es sieht, denkt an einen Münchner Bräukeller. Die »Gulaschkanonen« dampfen, und in einem qualmenden Nebenraum sind Backsteinherde mit eisernen Kesseln gebaut — in diesen Kesseln, die aus einer Spinnerei stammen, wurde früher die französische Seide gedünstet; jetzt siedet da drin für unsere Deutschen das belgische Ochsenfleisch. Der Krieg nimmt, was er brauchen kann und was ihm nützlich ist. Und nun sitzen die paar tausend Feldgrauen auf den langen Holzbänken, lachend und schwatzend, und jeder bekommt sein festes Mahl, jeder seinen Krug Bier, gutes Bier, das hier von deutschen Brauern für die Unseren gesotten wird.
Vom Bahnhof marschieren die Gesättigten zu ihren Quartierstellen, und wenn sie von der nahen Front her den ersten Kanonendonner hören, blitzen ihre Augen vor Ungeduld. Wo sie hinkommen, in Häusern, Meierhöfen, Fabriken oder Schulen, finden sie alles zu ihrer Unterkunft bereit; auf jeder Türe steht angeschrieben, wieviel Mann hier wohnen sollen. Fünfzehnhundert werden untergebracht in einer großen Tuchfabrik. Vier riesige Webersäle mit guter Luft und hellen Oberlichtfenstern. Aus drei von diesen Sälen wurden die mechanischen Webstühle herausgeschleppt und im vierten dicht aneinander gerückt; ein bißchen schnell hat es gehen müssen; wenn der »abgereiste« Fabrikant dereinstens heimkehrt, wird er geraumer Zeit bedürfen, um diesen eisernen Hexenknäuel wieder auseinander zu dröseln. Die drei freigemachten Säle sind verwandelt in Schlafräume; was in der Umgegend an Bettstellen noch aufzutreiben war, wurde hier zusammengetragen; daneben lange Reihen von Lagerstätten auf dem mit Brettern belegten Boden: für jeden Mann ein doppelter Strohsack, eine wollene Decke, ein Kissen, ein Handtuch; jeder hat sein Brettregal für den kleinen Kram, und die ganzen Räume sind durchzogen von Lattengestellen für Waffen, Mäntel und Tornister. Jeder Feldwebel bekommt separat seinen Bretterverschlag, der verwandelt ist in ein wohnliches Stüberl. Auch die Kochherde mit Geschirr, die Waschküchen und Desinfektionsräume, alles steht schon zum Gebrauche bereit. Und das alles wurde herbeigeschafft und fertiggestellt in vier Tagen. Wie schwatzlustig man sein mag, beim Anblick einer solchen Arbeitsleistung wird man still.
Ehe die Neugekommenen ruhen dürfen, müssen sie sich säubern. Und da hab' ich ein Bild gesehen, das mir mein Lebenlang in froher Erinnerung bleiben wird. Die Tuchfabrik, in der die Fünfzehnhundert einquartiert wurden, hat eine mächtige Wäschereihalle. Die Maschinen, die Rohrleitungen, die Transmissionen, die Treibriemen, alles ist noch da. Aber jede Wasserpumpe ist in eine Badebrause umgezaubert, und in den tiefen, halbstubengroßen Holzkufen, in denen früher die neugewobenen Tücher gesotten und ausgewaschen wurden, sitzen jetzt unsere deutschen Jungen im dampfenden Wasser, ein Dutzend in jeder Kufe, die Arme und Köpfe von Seifenschaum bedeckt, rippelnd und scheuernd und plätschernd, munter und schreivergnügt wie pritschelnde Dorfbuben.
Aus diesem Bild redet eine so gesunde Lebensfreude heraus, daß ich sie nicht zu schildern vermag. Und beim Anblick dieser lustigen Köpfe und dieser blinkweißen Jünglingsschultern mußte ich mich der schwarzgrau gewordenen Gesichter und Fäuste jener dreiundfünfzig toten Franzosen erinnern, die seit acht Wochen vor dem feindlichen Schützengraben von Maricourt liegen, verlassen von ihren Brüdern, verlassen von ihrer pietätlosen Heimat! Wie zwischen einzelnen Menschen, so gibt es auch zwischen Völkern sieghafte Unterschiede. Aber wir, natürlich wir, sind die »Barbaren«, und Frankreich »marschiert an der Spitze der Zivilisation«!
Wie ich Unterkunft, Verpflegung und Hygiene unserer Truppen hier an einem Einzelfall im kleinen geschildert habe, so wird es innerhalb der Möglichkeitsgrenzen im großen durch das ganze deutsche Heer gehalten, immer nach dem Grundsatz: Die Gesundheit des Soldaten ist sein Schild und seine stärkste Waffe.
In jedem mit deutschen Truppen belegten Städtchen, sogar in jedem Dorfquartier wurde eine Badegelegenheit eingerichtet. Wo nur zwanzig Feldgraue beisammen sind, gibt es wenigstens ein mit Blech ausgeschlagenes Fußbad und eine Warmwasserdusche. In Peronne wurde eine militärische Badeanstalt installiert, in der immer hundert Mann gleichzeitig baden können. Ein Erquicken ist es, das anzusehen: wie die Leute, die nach der Ablösung aus dem Schützengraben dreckig da hineinwandern, frisch und sauber wieder herauskommen, jeder mit dem zusammengewickelten Handtuch unter dem Arm. In dieser Badeanstalt gibt es sogar ein elektrisches Lichtbad zur Bekämpfung der Schützengraben-Rheumatismen — eine große Warenkiste, deren Deckel mit einem Halsausschnitt versehen ist, und deren Inneres mit Wachsleinwand tapeziert und mit Glühlampen behängt wurde.