Dieser obligatorische und streng überwachte Badebetrieb ist ein gesegnetes Mittel gegen Krankheiten und Verlausung, ein wunderwirkender Erneuerungsbrunnen für die körperliche Spannkraft unserer Soldaten. Aber der Krieg schlägt Wunden, und die Mühsal des Dienstes ist eine so harte, daß sie trotz aller hygienischen Fürsorge schließlich doch manchem Feldgrauen die feste Gesundheit erschüttert. Wie diese Verwundeten und Erkrankten in unseren Feldlazaretten betreut werden, das glauben wir in der Heimat zu wissen. Es hat mich aber doch ein frohes, dankbares Staunen befallen, als ich dieser Tage das Lazarett von Caudry besuchte. Vor vier Monaten war das noch eine französische Spitzenfabrik. Jetzt steht da ein deutsches Lazarett von so mustergültiger Ordnung und Einrichtung, daß man Riesenkräfte haben möchte, um es vom französischen Boden wegzuheben und in eine deutsche Stadt hineinzustellen. Da sieht man nichts mehr, was den Anschein des in Eile und notdürftig Adaptierten hat, alles ist so, als wär' es von Anfang für sanitäre Zwecke gebaut und eingerichtet.
Die vom üblichen französischen Schmutz versumpften Höfe wurden mit gepflasterten Wegen durchzogen, alle Gebäude und Räume spiegeln von Sauberkeit, alle Mauern sind weiß getüncht und sehen aus, als wären sie mit frischgewaschener Leinwand überzogen. Von der nächsten Bahnstation wurde ein Geleise bis vor die Tür des Lazaretts gelegt, damit die Verwundeten und Kranken ohne Gerüttel und Plage hergebracht werden können. Die innere Einrichtung ist gegliedert wie in jedem großen städtischen Spital. Neben der Amtsstube und den Zimmern der Ärzte und Schwestern ist die Apotheke, ein zahnärztliches Atelier, der Operationssaal und die Röntgen-Kammer. Alle Wirtschaftsräume, die appetitlichen Vorratshallen, die große Küche, die Spülkammer, die Wäscherei, der Trocknungsraum und die Bügelstube, das alles ist praktisch und bequem aneinander gereiht zu einem zusammenhängenden Ganzen. Im Oberstock sind die Nähstuben für Anfertigung der Lazarettkleidung und Bettwäsche, sowie die Handwerksräume, die Schneiderwerkstatt und Schusterei, wo die Uniformen und Stiefel der eingebrachten Verwundeten gesäubert und ausgebessert werden. In einem großen Dachraum liegen diese neu hergerichteten Soldatenhüllen mit Helmen und Waffen in langen Reihen, Nummer an Nummer, und warten auf das genesene Leben, das wieder in sie hineinschlüpfen und wieder dem Vaterlande dienen soll. Das stille Bild dieser Kriegsgarderobe hat etwas tief Ergreifendes. Und unter solch einem feldgrauen Kleiderbündelchen seh ich nur einen braunen Soldatenstiefel stehen. Wo mag der andere geblieben sein? Und der Fuß, der dazu gehörte?
Das Lazarett hat zwölfhundert Betten. Alle waren schon in Gebrauch. Jetzt, Gott sei Dank, sind nur fünfhundertsiebzig belegt. Tritt man in einen dieser breiten und langen Bettsäle, so hat man nicht den Eindruck eines Krankenraumes. Man glaubt: das ist eine weiße, luftige Erholungshalle, durch deren große Deckenfenster eine Fülle ruhigen Lichtes hereinströmt. Die meisten der Genesenden sind schon außer Bett; sie plaudern oder schreiben Briefe, lesen oder spielen und tragen die hellen, sauberen Lazarettkittel, die aus requirierten belgischen Stoffen von französischen Näherinnen gefertigt wurden. Alle Betten sind weiß — gute eiserne Bettstellen mit Drahtfederung und dreiteiligen Matratzen — und zu Häupten eines jeden Bettes hängt ein Täfelchen mit dem Namen des Bettgastes und dem Datum seiner Ankunft. Nur in wenigen Gesichtern ist noch die Blässe des überstandenen Leidens, fast in allen schon die gute Farbe der wiederkehrenden Gesundheit. Ich spreche mit vielen, auch mit solchen, die noch liegen müssen. Nie hör' ich eine Klage, nie einen Laut des Mißmutes, höre nur gutmütige, herzhafte, auch heitere Antworten, und in allen, wie verschieden sie auch klingen, ist immer der gleiche Sinn: »Jetzt darf ich bald wieder antreten!«
Bei einem von denen, die noch liegen, zeigt die weiße Bettdecke eine Form, als wäre unter ihr etwas nicht mehr vorhanden, was zu einem ganzen Menschen gehört. Ob es der ist, für den der einsam gewordene Stiefel aufbewahrt wird? Ich bring' es nicht fertig, diesen Kranken nach seiner Verwundung zu fragen, drücke stumm seine Hand und nicke ihm zu; auch er lächelt und nickt, aber seine Augen werden ein bißchen feucht. Und gleich beginnt eine Schwester heiter und herzlich mit ihm zu plaudern. Von solchen Schwestern in ihren dunklen Kleidern sind etwa zwanzig in dem großen weißen Saal — ernste und dennoch freundliche Frauen- und Mädchengesichter mit guten Augen — man möchte einer jeden in deutscher Dankbarkeit die hilfreichen Hände küssen.
In mir ist eine Stimmung, die sich wunderlich mischt aus tiefer Erschütterung und glücklichem Aufatmen. Was könnte einen Deutschen froher machen, als mit eigenen Augen sehen zu dürfen: so werden unsere leidenden Soldaten gepflegt und wieder dem Leben entgegengeführt.
Es fällt mir schwer, dieses weiße Heiligtum der deutschen Lebenserneuerung zu verlassen. Auf der Schwelle muß ich zögern, muß das Gesicht drehen. Und da fällt mir etwas auf, was ich vorher nicht bemerkt hatte, etwas mir Unverständliches; über die Decke des langen Saales, in welchem früher die Spitzenwebstühle standen, zieht sich eine Transmissionswelle mit vielen Riemenscheiben hin; und diese Welle läuft, ganz leer, ohne Riemen, lautlos. Mein liebenswürdiger Führer, General v. Nieber, der mit den Ärzten seiner Etappe dieses mustergültige Kriegslazarett geschaffen hat, erklärt mir die sonderbare und anscheinend zwecklose Sache: »Wenn die Welle längere Zeit unbeweglich liegt, rosten die Lager und verderben. Drum lassen wir alle Transmissionen abwechselnd jeden Tag eine Stunde lang laufen. Wenn der Besitzer dieser Fabrik wieder heimkommt, soll er sein Eigentum so weit in Ordnung finden, als es der Krieg und die Fürsorge für die Unseren erlaubte.«
Ein deutsches Wort! Ob es von dem Fabrikbesitzer — »il est parti!« — bei der Heimkehr den verdienten Dank erfahren wird? Ich besorge: der wird nur entdecken, was der Krieg ihm verdarb, und wird für das, was deutsche Gewissenhaftigkeit ihm unverdorben bewahrte, kein sehendes Auge haben.
Nicht weit von Caudry, in Le Cateau, befinden sich die ebenso musterhaft eingerichteten Genesungsheime für Mannschaften und Offiziere, umgeben von einem lückenlosen Apparat für gute Ernährung. Da ist alles herbeigeschafft, was dem Erstarken der Gesundheit dienen kann. Und weil frische Eier für Rekonvaleszenten sehr bekömmlich, aber im geflügelverschlingenden Kriege und dazu noch im Winter äußerst selten sind — es wurde einmal für dreißig Eier ein Automobil in Tausch gegeben und für ein halbes Pfund Butter ein ganzes Veloziped — drum haben die deutschen Ärzte in Le Cateau eine geheizte Hühnerzucht installiert. Ein großer Scheunenraum wurde in ein Warmhaus für tausend Hennen verwandelt, und ein beharrlich glühender, von einem Drahtgitter umzogener Ofen redet dem gackernden Völklein der gefiederten Französinnen mit lieblichen Wärmestrahlen zu, recht viele, viele Eier für unsere genesenden Feldgrauen zu legen. Zwanzig gallische Hähne befördern das nützliche Werk. Überraschenderweise vertragen sie sich sehr gut miteinander; sie haben der Friedensarbeit so viel zu verrichten, daß sie der angeborenen Kriegslust völlig vergessen.
Hinter diesem heiteren Bildchen steht eine ernste Wahrheit. Wieviel deutsche Hände mußten sich rühren in ruhelosem Fleiß, wieviel kluge Gedanken mußten in deutschen Gehirnen aufglänzen, wieviel Geduld mußte sich in hilfreiche Arbeit verwandeln und wieviel energischer Wille mußte umgesetzt werden in wirksame Tat, bis innerhalb weniger Monate ins Leben gerufen war, was ich auf Schritt und Tritt hier leuchten sehe als ruhmvollen Sieg der deutschen Regsamkeit und des deutschen Wesens.
Verlag von Adolf Bonz & Comp. in Stuttgart