Sein Buch: »Der Deutsche und seine Schule« ist in mehr als einer Beziehung ein Markstein in der Entwicklung der neuesten deutschen Kultur, in Form und Inhalt, im ganzen Ton, und vollends in den angedeuteten Zielen. Es ist vor allen Dingen ein Ich-Buch.
Kenner der vorliegenden Frage und der einschlägigen Literatur werden wahrscheinlich nach den gegebenen Proben große Gesichtspunkte, Tiefe der Auffassung vermissen; sie werden vielleicht finden, daß Gewichtigeres in zwingenderer Form, mit mehr Zusammenhang und Schärfe vorgetragen wurde. Gewiß, es ist kaum Neues im Buche Gurlitts zu finden; der Gedankengehalt wäre vielleicht auf wenigen Seiten darzustellen gewesen. Aber wer in aller Welt verlangt nach neuen Gesichtspunkten und tief durchdachten Sätzen, wo es gilt, einleuchtende Wahrheiten so laut als nur möglich in die Welt hinauszuschreien, daß auch die Schwerhörigsten, Gleichgültigsten sie hören müssen? Seit Macaulay ist alles Gescheite gegen das Gymnasium vorgebracht worden, aber niemals von so kundiger, so berufener Seite und vielleicht nie in so unmittelbar-anschaulicher, so wirkungsvoll-überzeugender Weise.«
Leon Keller im »Neuen Wiener Tagblatt«.
Der bekannte pädagogische Schriftsteller Oberlehrer Dr. Otto Anthes schreibt in dem »Hauptorgane des deutschen Lehrervereins«, in der »Pädagogischen Zeitung« (4. Januar 1906):
»Es mehren sich die Zeichen, daß die Pädagogik drauf und dran ist, ihr Haupt, das sie nun lange genug in das niedere Gestrüpp der Kleinigkeitskrämerei geduckt hat, wieder zu erheben und in die frische Höhenluft hinaufzuwachsen, in der sie allein gedeihen kann. Sie will nicht mehr ein Handwerk sein wie jedes andere auch, das man ausüben kann, wenn man seine Griffe und Kniffe weg hat; sie will eine freie Kunst werden. Sie strebt aus der philisterhaften Enge, in der die Spießer das große Wort führen, hinaus in die Weite, wo Persönlichkeiten wirken können. Man sieht allmählich ein, daß noch verzweifelt wenig getan ist, wenn man dem jungen Deutschen Lesen und Schreiben und all die anderen schönen Dinge, die zur »Bildung« gehören, in möglichst kurzer Zeit beigebracht hat; es bricht sich wieder die Erkenntnis Bahn, daß die Erziehungskunst berufen ist, dem Vaterland den größten Dienst zu leisten, der ihm geleistet werden kann: daß sie berufen ist, ihm starke und fröhliche Menschen zu schaffen.
Auf dieser Linie marschiert Gurlitts Buch.«
In der »Preußischen Schulzeitung« (10. Februar 1906) fand sich ein nicht minder zustimmender Bericht von Mariaschk, der mit den Worten schließt:
»Möchte der Volksschule auch einmal ein so tapferer Anwalt erstehen, der mit eiserner Faust alle ihre Fesseln zerschlüge: Herrschaft der Kirche, Bevormundung der Lehrer, peinlich detaillierte Lehrpläne usw. und der ihre Pforten einer neuen Lehre und einem freieren Geiste öffnete!«
[11] Leipzig, B. Elisches Nachfolger. 2. Aufl. 1906. 328 Seiten.
[12] R. Scheibes Verlag. Berlin N. 37, Templinerstr. 14.