IV.
Befähigungsnachweis.
»Heiße Doktor und Magister gar
Und ziehe schon die dreißig Jahr –«
Meine Leser werden aber gemerkt haben, daß mir trotzdem die Frage Sorge macht, ob ich, da ich eben »nur« Lehrer und Staatsbürger, nicht Staatsmann bin, auch den Beruf dazu habe, in einer so ernsten nationalen und politischen Angelegenheit öffentlich zu sprechen und Kritik zu üben. Daher mein vielleicht vergeblicher Versuch eines Befähigungsnachweises. Der Deutsche braucht einen solchen, sonst ist ihm selbst nicht wohl und sicher zumute. Es ist das ein Stück deutscher Gewissenhaftigkeit, die sich freilich ins Philisterhafte und ins Chinesentum auswächst. Man empfindet auch das Lächerliche und Hemmende dieses Zustandes immer deutlicher und gibt ihm lauten Ausdruck.
»Leider ist es ja wahr,« sagt Heinrich Steinhausen, »daß immer noch Menschen unter uns etwas sein und etwas bedeuten wollen, die keine Berechtigungs- und Abgangszeugnisse aufzuweisen haben, wie das jüngst von Literaten, Schriftstellern, überhaupt Federherren bekannt geworden ist. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel und die ist und bleibt: Ohne Schein kein Sein, ohne Schule kein Schein, also ohne Schule kein Sein, sondern das Nichts. Dieser Schluß ist demantfest.« Immer wieder, schreibt die »Neue freie Presse« in Wien, wird der Versuch gemacht, den Spielraum des Talents durch Befähigungsnachweise einzuengen, durch ein System von Prüfungen, durch einen geregelten Stufengang. Der Gewerbsmann will durch die Kautelen des Befähigungsnachweises sich den Konkurrenten vom Halse schaffen, den Lebenskampf, in dem nur der Tüchtigste besteht, mildern. Der Staat erzieht sich durch ein kompliziertes System von Prüfungen seine Beamten, schreibt ihnen den Studiengang vor und läßt sie langsam von Stufe zu Stufe vorrücken. Das Leben wird reglementiert und in bestimmte Ordnungen gezwängt. Aber es gibt etwas, was stärker ist als alle diese Beschränkungen: das ist das Talent. Es braucht einen gewissen Spielraum zu seiner Entwicklung, es gedeiht am besten in der Freiheit, mitten im vollen Leben. Gerade die stärksten Talente werden den Drang in sich fühlen, von den markierten Wegen des Lebens abzuweichen und sich durch Gestrüpp und Wildnis einen Weg zu bahnen. Dieser Kampf mit dem Leben, dem man Aug ins Aug blickt, diese Auserprobung aller Kräfte, dieses mutige Ringen erzieht kräftige, energische, kühne Menschen, und solche sind es, die das moderne Leben braucht, dessen Schauplatz so weit geworden ist, dessen Aufgaben so groß und mannigfach sind.
Wir verlangen aber in Deutschland nach wie vor, daß einer erst seine Papiere vorzeige, ehe wir ihn hören und ihm glauben wollen. Die Amerikaner tun das nicht und kommen damit schneller voran. Sie sehen sich den Mann, sehen sich seine Arbeit an und danach urteilen und entscheiden sie.
Keine Frage, daß unser ganzes Berechtigungswesen veraltet und verzopft ist. Dabei wuchert es aber gerade jetzt in beispielloser Üppigkeit. Es werden dadurch eine Menge bester Kräfte lahmgelegt und – was vielleicht noch schlimmer ist – es werden die durch ihre Examen Privilegierten unmäßig überschätzt und dadurch zu selbstbewußt und viel zu einflußreich.
Aus allen Berufsklassen bleiben fähige Köpfe allein deshalb ausgeschlossen, weil sie den üblichen Instanzenweg der Fachbildung nicht durchgemacht haben. Überall steht ihnen der anspruchsvolle Fachmann im Wege, der seine Zeugnisse und sonstigen Papiere in Ordnung hat, dabei aber eine Null sein kann, eine dicke, fette, korrekte, runde Null, und oft auch ist. Die Abgestempelten sind nicht immer die wahrhaft Großen. Es läßt sich auf jedem Gebiete des Kulturlebens nachweisen, daß es in der Regel die Außenstehenden, die Nichtfachmänner sind, die den Fortschritt bringen. Sieht man z. B. die Geschichte der Pädagogik durch, so findet man das mit Staunen bestätigt. Die Bahnbrecher waren fast sämtlich ungeprüfte Leute, ohne Staatsexamina, ohne »Fakultäten«, überhaupt ohne eine amtliche Lehrberechtigung. Man denke an Hume, an Rousseau, denke vor allem an Pestalozzi. Dieser seltene Mann, der Theologe, dann Jurist werden wollte, es später als Landwirt versuchte, rief erst im vierzigsten Lebensjahre das entscheidende Wort: »Ich will Schulmeister werden!« – Keine Behörde im heutigen Deutschland würde eine solche »gescheiterte Existenz« mit irgendeinem Lehramte betrauen. Er müßte sein Heil als Literat versuchen und würde auch da schwer Gehör finden, schon weil er keine Examina hinter sich hat.
Heute verzeihen es die waschechten Zünftler dem Literaten nicht, daß er im großen Stile über Erziehung zum deutschen Volke zu sprechen wagt, wenn er vorher »nur« Volksschullehrer war. Der echte Fachmann belächelt solchen Übermut und weist den Gedanken weit von sich, als könne er von einem solchen Menschen etwas lernen. Die Folge ist, daß der selfmademan – außer auf dem rein wirtschaftlichen Gebiete – fast gar nicht vorkommt. Jammerschade! Denn das sind die Besten! Da kommen wir wieder auf unsere Mannhaftigkeit. Es ist unmännlich, feig und kurzsichtig, daß wir stets »Schriftliches« verlangen, um einen Menschen gelten zu lassen. »Auch noch Geschriebenes forderst du Pedant?« Der beste Befähigungsnachweis ist die Tat.
Maximilian Harden war Schauspieler. Darauf wurde er Literat. Auf diesem Boden herrscht noch gottlob freie Konkurrenz. Da kann sich ein Talent seinen Platz noch selbst bestimmen, braucht sich nicht von irgendeinem breitschultrigen Vordermann Licht und Luft und alle Entwicklungsmöglichkeiten rauben zu lassen. Von der Kunstkritik ging er über zur Politik. Heut ist er eine Macht auf beiden Gebieten. Wer hat ihn dazu gestempelt?