Syn. D. Stöcker warnt dringend, die gegenwärtige Agitation zum Austritt aus der Kirche zu unterschätzen. Sie habe einen anderen Charakter als die früheren Austrittsbewegungen. Jetzt treten nicht bloß Sozialdemokraten, sondern auch Angehörige bürgerlicher Kreise aus, weil ihnen die Kirchensteuer nach und nach zu hoch erscheint und sie in dieser Beziehung durch die öffentlichen Angriffe auf die Kirchensteuer noch bestärkt werden. Die Sozialdemokraten unter Hinweis auf die erfolglosen Bestrebungen zur Erringung des Wahlrechts für den Landtag – was die Kirche doch nichts angeht –, zum anderen unter Hinweis auf das Schulgesetz und zum dritten auf die Kirchensteuer. »Das sind«, sagte Stöcker, »ganz andere Motive als früher, die Lage ist weit gefährlicher und die einzelnen Punkte sind weit aufreizender als früher. Es kommt schon vor, daß ein Meister zusammen mit 17 oder 18 Gesellen austritt, daß ein ganzes Haus von Familien den Austritt erklärt. Auch die psychologische Situation ist anders als früher; früher hatten die Stadtmissionare bei ihren Besuchen in den Familien der Austretenden noch Erfolg, jetzt aber stoßen sie auf Wut, Haß und Verbitterung. Zweifellos hat die jetzige Bewegung einen viel stärkeren und bösartigeren Charakter als früher. Es ist bedauerlich, daß weite Kreise so zur Kirche stehen, und wer es mit der letzteren wohl meint, sollte sich in Weisheit, Behutsamkeit und Besonnenheit hüten, den Haß gegen die Kirche und die kirchlichen Einrichtungen noch zu schüren und der Agitation noch Nahrung zu geben. Die Sache«, sagte er abschließend, »ist sehr bedenklich und zeigt, daß wir auf der schiefen Ebene des Abfalles des Volkes von der Kirche weit vorgeschritten sind

Das also sind die Wirkungen einer Kirche, die ihre Glaubensgemeinde trösten und beglücken sollte, die mit allen staatlichen Mitteln gestützt wird und für die Unsummen erzwungener Steuern verausgabt werden!

Die wahre Ursache dieser Ablehnungen, Mißstimmungen und Austritte aus der Landeskirche sehen die frommen Herren natürlich nicht und suchen sie in Äußerlichkeiten. Das beweist nur, daß sie das deutsche Volk nicht kennen, dasselbe Volk, das vor 400 Jahren mit staunenswertem moralischen Mute von der alleinseligmachenden Kirche zu Luther abfiel, dasselbe Volk, das eben erst in blutigen Kriegen seine sittliche Kraft vor den Blicken aller Welt erprobt hat.

Es war wenigstens ein Versuch, den wahren Problemen auf den Grund zu kommen, als dem unduldsamen Fanatiker Stöcker, der in des Großen Friedrichs Staate nie mehr hätte möglich werden sollen, von dem Syn. Rechnungsrat Burghard (Heiligkreuz) erwidert wurde: »Ich freue mich, daß Herr Stöcker sich in der Behandlung der Gegensätze zwischen Positiven und Liberalen jetzt geändert hat. (Heiterkeit.) Früher wurden wir Liberalen als gleichberechtigte Glieder der Kirche nicht anerkannt, wir waren gut genug, Steuern zu zahlen, im übrigen sollten wir den Mund halten. Jetzt, wo die Not sich zeigt, sollen wir auch mithelfen. Wenn die Agitation auch zum Austritt an das Landtagswahlrecht und das Schulgesetz anknüpft, so hat das wohl darin seinen Grund, daß die Leute sagen: Diejenigen, die uns das Wahlrecht nehmen und das Schulgesetz geben, sind die Hauptstützen der orthodoxen positiven Kirchenpartei. (Sehr richtig!) Hofprediger Stöcker sagt uns, wir sollen beileibe nicht von der Kirchensteuer sprechen. Es ist das ein eigentümliches Verlangen. Nachdem wir Liberalen in der Stadtsynode erklärt haben, daß wir die Verantwortung für die Erhöhung der Kirchensteuer nicht übernehmen, werden wir natürlich nun nicht einfach den Mund halten!«

Als Stöcker darauf sagte, er habe abweichenden Glauben nie als Unglauben bezeichnet und sei viel besser als sein Ruf, quittierten ihm die Hörer, wie die Zeitungen berichteten, hierfür mit »Unruhe« und »Heiterkeit« und das in einer Synodalsitzung! – Wir wissen sehr wohl, weshalb die alten Kirchen leer stehen. Wir wollen es mit den Worten Gustav Frenssens sagen:

»Es geht wieder ein Sehen durch unser Volk, die drei gewaltigen Mächte, die es aus sich selbst erzeugt, die Obrigkeit, die Religion und die Sitte zu verjüngen. Es geht ein Wille und Wunsch durchs Volk, zur Natur zu kommen, zu einer schlichten schönen Religion, zur sozialen Gerechtigkeit, zu einem einfachen, edlen, germanischen Menschentum.«

Hören wir noch ein zweites modernes Bekenntnis:

»Jesus hat den modernen Christen weder das Weltbild gegeben, das sie jetzt besitzen, noch den Gottesbegriff, den sie jetzt umfassen, noch den Lebensweg, den sie jetzt gehen. Aber ein Glaube, dem man weder buchstäblich folgen kann, noch im Geiste ganz in sich aufnehmen will, sondern den man nur nach Behagen und Erfordernis gebraucht, dieser Glaube ist nicht mehr eine gottgegebene Religion und das Christentum ist allen denen entbehrlich, die wissen, daß Sünden und Sorgen zum Entwicklungslauf gehören. Das Kreuz ist nicht mehr ihr Sinnbild.« (Ellen Key »der Lebensglaube«.)

Ich kenne auch die Einwände der »Positiven«. Der »Reichsbote« hat mich selbst schon einmal mit seiner Aufklärung beehrt. In einem Aufsatze über »Radikalismus« wurde mit Grausen gemalt, daß durch solchen Subjektivismus die Gesellschaft und der Staat in seine Atome zerfallen müsse. Ein großer Irrtum: England und Nordamerika mit ihrem stark entwickelten Sektenwesen halten geistig besser zusammen als unsere kirchlich zentralisierten Staaten. In jenen glücklichen Ländern läßt man tatsächlich jeden nach seiner Fasson selig werden und erlöst sogar die Schulkinder aus dem Glaubenszwange. Man scheint also dort erkannt zu haben, welche Achtung man der persönlichen Überzeugung eines freien Bürgers schuldig ist, daß ein Mensch nicht den oder jenen Glauben hat, daß vielmehr umgekehrt dieser oder jener Glaube den Menschen habe. Man schafft sich doch seinen Glauben nicht willkürlich, sondern er wächst uns von innen heraus als eine Naturnotwendigkeit. Was aber geht den Staat mein Glaube an? Ich trage ihn ja still in mir herum, niemandem zuleide.

Hat Deutschland irgendeinen Nachteil bisher z. B. von dem Positivismus des Bundes für »freie Denker und ernste Wahrheitssucher« gehabt? (Dr. H. Molenaars Jahrb. Bd. V. »Religion der Menschheit«.) Oder von dem Bunde der Monisten? Liegt Verbrecherisches, Gemeingefährliches in ihren Glaubenssätzen? Man höre und prüfe gerecht: