Paul de Lagarde sagte (ich zitiere aus dem Gedächtnis): »nur ein Gott Christus geht uns an, der Mensch Christus wäre in hohem Grade langweilig.«
Harnack aber lehrt: »Jesus hat den Menschen die höchste Religion gegeben, nicht weil er Gott war, sondern weil er den Menschen den höchsten Begriff von Gott gegeben hat.«
Delitzsch bekämpft die Lehre, daß die Bibel das Werk göttlicher Offenbarung und einer Verbalinspiration sei. »Unglaube ist für die Orthodoxie, was Lessing gelehrt, was Goethe geschrieben hat, Unglaube so ziemlich die ganze moderne Literatur. Als ungläubig wurde Fichte vom sächsischen Konsistorium angeklagt. Nahezu alle großen Denker und Dichter sind des Unglaubens beschuldigt worden. Und vom Standpunkt der Kirche nur mit Recht; denn sie glaubten nicht, was die Kirche geglaubt wissen wollte. In der katholischen Kirche wird in gemessenen Zwischenräumen ein Gelehrter und wieder einer wegen Unglaubens belangt und mit Exkommunikation bedroht, bis er sich »löblich unterwirft«; in der evangelischen Kirche erlebt man Jahr für Jahr Maßnahmen gegen Geistliche, die das Apostolikum nicht buchstäblich nehmen.«
(Vossische Ztg. 1906. Nr. 425.)
Lessing hat seinen Nathan umsonst gedichtet. Noch immer gibt es gebildete Deutsche, die »den rechten Glauben« allein zu besitzen wähnen.
Friedrich Naumann hat buchstäblich recht, wenn er sagt: »Es gibt keinen einheitlichen Glauben mehr, nicht einmal in ein und derselben Konfession. Jeder Kopf glaubt etwas anderes. Ich will nicht sagen,« fährt er fort, »daß heute weniger geglaubt wird, als früher, aber es wird unregelmäßig geglaubt. Die Glaubensbegriffe decken sich nicht mehr … Der vielfältige Glaube ist unbequem zu verwalten, aber er ist wahrhafter als die Einförmigkeit.«
Ein Glaube, der nicht wahrhaftig ist, ist ein Widerspruch in sich, ist geradezu sündhaft, sittenverderbend, männertötend in dem Sinne, daß er ihnen das Mark der mannhaften Gesinnung aufzehrt. Ein solcher Scheinglaube ist schlimmer als gar kein Glaube.
Wenn unsere Kirchen die Kraft nicht mehr haben, ihre Gemeinde zu begeistern, Hingabe an ihre Lehren zu erwecken, dann haben sie sich eben überlebt. Nichts aber ist törichter, als den Menschen einen Vorwurf daraus zu machen, daß sie nicht mehr glauben. Zum Glauben kann man weder sich selbst, noch einen anderen zwingen. Glaube ist nicht einmal lehrbar. Wenn die Gemeinden den Trost nicht mehr suchen, den ihnen die Kirchen geben wollen, dann werden sie sich an andrer Stelle Trost suchen.
»Es ist nun eine offenbare Tatsache, daß die großen Massen der Gemeinden der Kirche entfremdet und voll Haß und Feindschaft gegen die christliche Religion erfüllt sind.« Das ist das Bekenntnis eines Protestanten, dessen Zeugnis keinen Zweifel zuläßt, des Vorsitzenden der Berliner Kreissynode.
Sein Bericht hebt hervor, daß die Agitation der Sozialdemokratie für den Massenaustritt aus der Landeskirche anscheinend größeren Erfolg gehabt hat als früher. Im vorigen Jahre wurden 254 Austritte in dieser Diözese gegen 104 im Jahre vorher gezählt. In diesem Jahre sind bis Ende April 458 Austritte teils vollzogen, teils angemeldet.