So sprach der größte Denker, der je auf einem deutschen Throne saß. Sollen wir nun seine Worte mißachten oder ihm folgen? Sollen wir alle Glaubensschwankungen unserer Regierungen und Behörden mitmachen?
Jeder Hof findet natürlich in seiner Umgebung Anhänger seiner Überzeugungen. So auch der Große Friedrich.
Geh. Reg.-Rat Dr. Hahn schreibt darüber (Friedrich der Große S. 241): »Es konnte nicht verborgen bleiben, daß die Leugnung der christlichen Wahrheiten in seinem vertrautesten Kreise eine begünstigte Stätte fand und die verrufensten Schänder alles Heiligen, z. B. der berüchtigte Schriftsteller Bahrdt, von ihm mit offenen Armen aufgenommen wurden, auch die frivolsten Verächter des Christentums sich seiner Gunst erfreuten« usw. – Man male sich einmal aus, wie heute unsere Behörden denken, glauben und handeln würden, wenn Friedrich der Große deutscher Kaiser wäre! Ein großes ehrenwertes Volk läßt sich aber in seinem tiefsten und unantastbarsten Wesen durch amtliche Verfügungen nicht treffen und umstimmen.
Die katholische Kirche erklärt mit dreistem Munde: »Wenn Wissenschaft und Forschung in die Bahnen positiven Glaubens gelenkt sind, dann wird dem, was heute von vielen Vertretern einer ungläubigen Wissenschaft erstrebt wird, ein Ziel gesetzt werden können.«
Demgegenüber ist zu sagen, daß vor der Wissenschaft die christliche Religion überhaupt nicht mehr bestehen kann. Denn die Wissenschaft kann die Gottheit Christi nicht anerkennen.
Der greise Darwin hatte recht, als er schrieb: »Wissenschaft hat mit Christus nichts zu tun, außer insofern, als die Gewöhnung an wissenschaftliche Forschung einen Mann vorsichtig macht, Beweise anzuerkennen.« – »Was mich selbst anbetrifft,« fügte er hinzu, »so glaube ich nicht, daß jemals irgendeine Offenbarung stattgefunden hat. Im betreff eines zukünftigen Lebens muß jedermann für sich selbst zwischen widersprechenden unbestimmten Wahrscheinlichkeiten die Entscheidung treffen.« (Dowe, 5. Juni 1879.)
Wer hat den Glauben? Niemand weiß es; jeder nimmt ihn für sich in Anspruch: Katholik, Protestant, Jude, Heide, Mohammedaner, Buddhist, Dissident, Kirchliche und Unkirchliche. Innerhalb der allein seligmachenden Kirche entschied höher die Inquisition über die Glaubensechtheit. Unzählige starben auf dem Scheiterhaufen, die man heute würde unbehelligt leben lassen. Ihres Unglaubens wegen wurden von der Kirche Galilei verfolgt, Giordano Bruno verbrannt. Unser Protestantismus ist für die Katholiken Unglaube. Wir behaupten: »Der Protestantismus ist nichts anderes als eine andere Form derselben wahren Religion, in der es möglich ist, Gott in demselben Grade zu gefallen, wie in der katholischen Kirche.«
Aber der unfehlbare Papst hat diesen Satz in seinem Syllabus vom 8. Dezember 1864 (§ 3, 18) als Irrtum verdammt.
Kant wurde seines Unglaubens wegen unter Wöllner von der preußischen Regierung an der weiteren Aussprache über Religionsfragen gehindert. Unser Kaiser aber bezeichnet jetzt Kant als einen der von Gott erleuchteten Männer.