»Ihr Fürsten seid das Haupt der bürgerlichen Religion eures Landes. Diese besteht in Rechtlichkeit und allen sittlichen Tugenden. Es ist eure Pflicht, sie ausüben zu lassen, besonders Menschenliebe, welches die Haupttugend jedes denkenden Wesens ist. Die geistliche Religion überlasset dem höchsten Wesen! Die Politik eines Fürsten verlangt meiner Meinung nach, daß er den Glauben seines Volkes nicht berühre und vielmehr, so gut er kann, die Geistlichkeit seiner Staaten und seine Untertanen zur Sanftmut und Duldung anleite.«

So lehrte man vor 150 Jahren vom Throne herab. Wir aber erhielten ein reaktionäres Volksschulgesetz, den Seminaristen werden Ibsen und andere große Wahrheitskünder als Gesinnungsschädlinge verboten und engherzige Geistliche wollen die jungen Leute allein auf die Bibel, als einzigen Lebensquell, verpflichten. Umsonst hatte Voltaire sich gerühmt:

»Ils condamnaient le pape et voulaient l'imiter.
L'Europe par eux tous fût longtemps désolée.
Ils ont troublé la terre, et je l'ai consolée.
J'ai dit aux disputants l'un sur l'autre acharnés;
Cessez, impertinents, cessez, infortunés!«


VIII.
Die Kirchen als Erzieher zur Mannhaftigkeit.

Die tiefsten sittlichen Kräfte des Menschen liegen in seiner Religion. Die Macht, die über den Glauben der Menschen Herr wäre, müßte das Größte auf Erden wirken können. Eine solche Macht hat jederzeit die Kirche angestrebt, die katholische und nicht minder die protestantische, und dabei auf die Hilfe der politischen Mächte vertraut – leider!

Wie weit müßten wir in Deutschland gekommen sein, wenn die Überzeugungen und Regierungsgrundsätze des Großen Friedrich von Preußen allzeit bis heute Beachtung und Nachfolge gefunden hätten! Dieser Weise auf dem Throne sprach als seinen Grundsatz aus: »Die bürgerliche Regierung kräftig zu handhaben und jedem die Freiheit des Gewissens zu lassen. Immer König zu sein und nie den Priester zu spielen, das«, sagte er, »ist das sicherste Mittel, um den Staat vor Stürmen zu bewahren, die den dogmatischen Geist der Theologen fortwährend zu erregen suchen.« Ja, dieser fürchterliche dogmatische Geist der Theologen! Was für unsagbares Leid hat uns der schon auf Erden gebracht! Und das alles aus lauter Liebe und Barmherzigkeit, alles zur größeren Ehre Gottes!

Es ist eine der häufigsten, aber unerwiesensten Behauptungen, daß der Bestand unseres Reiches, die sittliche Wohlfahrt unseres Volkes und vor allem auch seine kriegerische Tüchtigkeit gebunden seien an das, was man mit einem ganz allgemeinen und heute kaum noch definierbaren Worte »den Glauben« nennt. Einen solchen allgemeinen Glauben haben wir in Deutschland nicht mehr. Deshalb kann und darf der Glaube auch von Kirche und Staat nicht zwangsweise gelehrt werden, will man nicht einer rein mittelalterlichen und zudem völlig unfruchtbaren Gewissensvergewaltigung das Wort reden. Kein Kaiser oder König ist Herr über unseren Glauben, ebensowenig der Staat oder irgendeines seiner Organe. Schon deshalb nicht, weil ihr eigener Glaube mit menschlichem Irrtum durchsetzt ist. Der heilige Augustin sagte schon: »nihil tum voluntarium est quam religio«, »nichts unterliegt so sehr dem eigenen Willen wie der Glaube«.

Ich berufe mich aber lieber auf Königsworte, an denen bekanntlich nicht gerührt und gerüttelt werden darf. Friedrich der Große schrieb an Voltaire: »Die Priester sind von den ältesten Zeiten an Heuchler und Betrüger gewesen. Welcher Nation und Religion sie auch sein mögen, sie sind vom gleichen Schlage. Immer wollen sie sich eine despotische Gewalt über die Gemüter anmaßen – das macht sie zu Verfolgern derer, welche es wagen, die Wahrheit zu sagen. Sie sind immer bereit, den Bannstrahl zu schleudern, um die Feinde ihres Ehrgeizes zu zerschmettern.« – – An einer anderen Stelle schreibt er mit einem Haß und auch mit einem Mißverständnisse über den Ursprung und das Wesen der christlichen Religion, die fast ebenso erstaunlich sind, wie die Mannhaftigkeit seiner Überzeugung: »Die Gründung der christlichen Religion hat wie die aller Herrschaften einen schwachen Anfang gehabt. Ein Jude, aus der Hefe des Volkes, von zweifelhaftem Ursprünge, der unter die Abgeschmacktheiten der hebräischen Propheten Moralvorschriften mischte, dem man Wunder beilegte und der zum Tode verurteilt wurde, ist der Held dieser Sekte. Zwölf Fanatiker verbreiteten sie. Als die Christen ihre Liebesmahle heimlich einnahmen, wurden die Beherrscher argwöhnisch. Die Frommen trotzten den Verboten des Senats, stürzten Götzenbilder um, und daher entsprangen die Verfolgungen, deren die Kirche sich rühmt. Die Priester sammelten die Gebeine der Hingerichteten, und heilige Betrüger führten die Anrufung der Heiligen ein. Als Konstantin sich der Politik wegen zum Beschützer der Kirche erklärte, sah man neue Dogmen aufsprießen. Man machte Jesus zum Gotte und für den heiligen Geist erfand man das Mittel, dem Beginne des Johannisevangeliums die Worte: ›Im Anfange war das Wort, und das Wort war Gott‹ hinzuzufügen. Dieser Betrug wurde Dogma. Die Betrüger waren Päpste. Die Finsternis ward dichter von Jahrhundert zu Jahrhundert. Ein verwegener Mönch, namens Luther, empörte sich gegen Rom. Nichts ist so erbittert und unerbittlich als theologischer Haß. Nach unendlichen Schrecken erlangte Deutschland die Freiheit des Gedankens. Wer sieht nicht, daß die Kirche ein Werk der Menschen ist? Welche erbärmliche Rolle lassen sie ihren Gott spielen! Er schickt seinen einzigen Sohn in die Welt. Dieser Sohn ist Gott. Er opfert sich selbst, um sich mit seiner Kreatur zu versöhnen! Er macht sich zum Menschen, um das verdorbene Menschengeschlecht zu erlösen. Was geht hervor aus einem so großen Opfer? Die Welt bleibt so verdorben wie sie war. Dieser Gott, welcher spricht: ›es werde Licht!‹ sollte er sich unzulänglicher Mittel bedienen? Ein Akt seines Willens genügt, um das Übel aus der Welt zu schaffen, um den Nationen einen Glauben einzuflößen, der ihm gefällt. Nur Bornierte mögen Gott ein Verfahren beilegen, welches seiner unwürdig ist, indem sie ihn ein Werk unternehmen lassen, das ihm nicht gelingt.«