Jene Zeit, die der Unkundige sich gerne als geistig unfrei denkt, gestattete selbst dem jüngsten Lehrer das freie Manneswort. Und so erhielt es sich bis an unsere Zeit heran, bis aus Zentralisationsbedürfnis der Beamtencharakter und damit Beamtengehorsam höhere Wertung erhielt, als die mannhafte, wenn auch unbequeme Überzeugung eines selbständigen Kopfes. Da wurde denn die Verfügung erlassen, daß die Programmabhandlungen sich möglichst eng an die Schulaufgaben anzuschließen und vor der Drucklegung einer Begutachtung von seiten des Schulleiters zu unterziehen hätten. Die höhere deutsche Lehrerschaft ließ diese wie andere Demütigungen ohne einen Laut der Klage, ohne ein Wort des Widerspruches über sich ergehen, ließ sich geduldig einen Backzahn nach dem anderen ziehen. Jetzt geht der Oberlehrer mit seinem Manuskripte zum Herrn Direktor, läßt es sich wie ein braver Tertianer durchsehen, und nachdem alle irgend bedenklichen Stellen ausgemerzt sind, setzt der Direktor sein imprimatur darunter. Daher denn die jetzigen Schulprogramme höchst sachlich, ruhig, lehrhaft und höchst langweilig sind: nahrhafte Haferschleimsuppen und gezuckerter Milchgrieß.
Unsere Zeit wird künftigen Geschlechtern trotz aller Betriebsamkeit und staunenswerten Kleinarbeit als pädagogische Wüste erscheinen.
Nur ein Gebiet gibt es, auf dem der Deutsche allzeit frei geschaltet hat. Das ist das der Musik. Da ist er denn auch unbestritten Herr der Erde; da huldigen ihm alle Völker.
In der Musik konnten sich deutscher Freiheits- und Tatendrang ungehemmt ausleben. Beethovens und Wagners gewaltige Trotz- und Siegesfanfaren unterlagen keiner Zensur, da hatte die Macht der Kirche und des Staates keine Handhabe. Töne stehen gottlob noch nicht unter polizeilicher Aufsicht. Da sieht man denn auch, daß wir Deutschen nicht unmännlich, nicht unselbständig, auch nicht Klassizisten sind, daß unser Geistesleben von Hellas und Rom nichts in sich aufgenommen hat. In dieser wahrsten, weil von keiner weltlichen oder kirchlichen Macht beschränkten Lebensäußerung der Volksseele bekennt sie sich selbst mit Stolz als selbstherrlich und unerreichbar hochstehend.
Richard Wagner hat das Abiturientenexamen an einem Gymnasium bestanden – aber wann erinnert er wohl auch nur mit einer Note an diese Schulvergangenheit? Das klassische Altertum ist durch seine Seele gezogen, ohne darin irgendeinen Lebenskeim zurückzulassen. Dasselbe gilt übrigens von dem Maler Moritz von Schwind. Auch er blieb völlig immun gegen die klassische Seuche und wurde dadurch der bedeutendste Seelenkünder deutschen Naturempfindens.
Wir Deutschen sind stets gegängelt und irregeführt, und groß sind nur die geworden, die ihre Schule überwanden. Den wenigsten gelang es und gelingt es heute. Es ist ein harter Kampf, wie eine Neugeburt. Wem es aber gelingt, der ist – gerettet.
Anstatt, daß wir von den Erziehungsmächten auf unsere eigene Flur geführt würden, drängte man uns immer und immer wieder in fremde Länder und machte unser Herz heimatlos. Stets sollte uns irgendeine ferne, unbekannte, unverstandene, aber »heilig gesprochene Vergangenheit« das Leben selbst ersetzen. Was aber die Geologen und Biologen längst wissen, das sollten auch Theologen und Pädagogen endlich lernen, daß es nämlich in der Welt keine Rückkehr gibt. Die Griechen wußten es schon, denn Heraklit hatte gelehrt, daß du nie in denselben Fluß steigen kannst. Denselben Sinn hatte wohl auch der Spruch: ρόδον παρέλθὼν μηκέτι ζήτει πάλιν (Wenn du an an einer Rose vorbeigegangen bist, so suche nicht wieder nach ihr) – ein Wort, so tief, daß es des Heraklit würdig scheint.
Wir Deutschen haben aber von den Griechen, die wir zu lieben vorgeben, nie etwas gelernt und sollten in der Schule von ihnen nicht viel anderes lernen als ihre Grammatik, von der sie selbst wenig wußten und über die nachzudenken sie klüglich einigen wenigen Sophisten überließen.
Wir Deutschen lernen überhaupt schwer und, weil in unserer Erziehung keine Einheit und Vernunft herrscht, vergessen wir auch wieder, was wir einmal gelernt haben. So haben wir z. B. die Lehren des Großen Fritz vollständig verloren. Denn der lehrte in Übereinstimmung mit seinem großen Lehrer Voltaire religiöse Duldung, Toleranz, Aufklärung und rief Freidenker nach Preußen.
»Kommen Sie in ein Land, wo man Sie liebt, und wo es keine Religionseiferer gibt,« schrieb er an Voltaire, und bei anderer Gelegenheit: »Hier muß jeder nach seiner Fasson selig werden, der Regierung können alle Religionen gleich sein, nur muß jeder ein guter Bürger sein, mehr verlange man nicht von ihm.« Und in dem Fürstenspiegel: