Der unfreie Deutsche fand vielfach seinen Trost in der Kneipe beim Schoppen Bier. Da sah ihn die weise Behörde auch recht gerne sitzen. Am Stammtisch trank er sich seine Bierleber und sein Bierherz an, wurde satt und genügsam. »Laßt dicke Männer um mich sein,« war noch stets der Wunsch aller Autokraten. Sie lieben die Mageren und Hohläugigen nicht, die zuviel denken. Im Bier ersäuft der Deutsche seinen jugendlichen Tatendrang und jeden Untertanenärger. Beim Biere durfte man große Worte ertönen lassen, denen keine Taten zu folgen brauchten. Beim Biere konstruierte sich der Studio seinen idealen Bierstaat, der zu nichts als zu wackerem Saufen verpflichtete. Bierselig ist die ganze Poesie Victor Scheffels, der immer erst einen tüchtigen Schluck nehmen mußte, ehe seine Muse erwachen wollte. Im Biere erlosch leider auch der Ingrimm des liebenswürdigen Fritz Reuter. Ich schätze ihn unendlich hoch und danke ihm Stunden wahren Glückes – so sinnig, so echt und gesund sind seine Dichtungen –, aber ich kann ihm nicht nachempfinden, daß der so Mißhandelte wieder heiter und zufrieden werden konnte. Ich würde es natürlicher und auch männlicher gefunden haben, wenn er sein Leben der Rache und dem Kampfe für Deutschlands innere Befreiung geweiht hätte. Er war eben auch einer der unzähligen von der eigenen Mutter Germania gebrochenen, um ihr Bestes, ihr mannhaftes Herz, betrogenen Kinder. Auch er lernte schließlich beim Biere lachen und scherzen, während sein edles Herz verblutete.
Es war ein – allerdings vergeblicher – Protest gegen diesen Geist des Entsagens gewesen, der dem deutschen Volk erst aufgezwungen, dann zum Bedürfnis geworden war, als Schiller »in tyrannos« auftrat. Auch sein ganzes Leben war ein Ringen mit den Fesseln des deutschen Kleinmuts, kleinbürgerlicher Selbstgenügsamkeit und ein Trieb, aus den niedrigen Stuben mit ihrem schwülen Dunst und den »engen Gesprächen« hinaus in die freie weite Luft zu kommen.
Er hatte dem Leben wieder Schwung gegeben, den Mut zur Tat, die frohe Lust am Dasein, die Begeisterung zum Heldentod. Aber es erging ihm wie noch immer den Deutschen, die mehr und Besseres sein wollten, als still genügsame und fügsame Untertanen. Es erging ihm, wie dem Vogel, der dem Käfig entschlüpft, nun ins Freie eilen will, aber bei jedem frischen Anflug mit dem Kopf an einer harten Glasscheibe anschlägt. Er träumte von den herrlichen Alpen, von dem weiten, lockenden Meere, von dem sonnigen Süden, von einem großen, stolzen Volke, er rief es aus: »Wir wollen frei sein, wie die Väter waren«, aber auch seine Welt blieb eine Traumwelt, ein die ganze Menschheit umfassender Rausch und Freudentaumel, ein himmelstürmender Gedankenbau, dem eine Wirklichkeit nicht entsprechen wollte. Er sah nicht mit Augen all die Herrlichkeit der Erde, der seine Seele erglühte, sah vor allem kein großes stolzes Vaterland und verzehrte seine edle Natur im Kampfe und Kleinkrieg mit körperlichem Leiden, den traurigen Folgen einer echt deutschen Stuben-Erziehung, materieller Not und unzureichender Körperpflege.
Wir Deutschen sind allzeit schlecht erzogen und schlecht behandelt worden. Wir sind noch heute das unfreieste Kulturvolk der Erde. Wir leben noch immer als Untertanen und lassen uns regieren, anstatt daß wir unsere Geschicke selbst leiten lernten. Wir glauben noch, so gut es gehen will, was uns irgendeine Kirchenbehörde als rechte Seelenkost zubereitet, wir lassen uns von Zeit zu Zeit wie ungezogene Kinder bei den Ohren nehmen, lassen uns eine herbe Strafpredigt halten und nehmen sie ohne Trotz entgegen.
Wollen wir unsere besten Männer nennen, – Schiller, Arndt, Jahn, Heine, Reuter, Richard Wagner, Bucher, Miquel, Kinkel, Schurz, Laube etc. –, so müssen wir von Staat und Kirche Verfolgte nennen. Unsere Kultur- und Literaturgeschichten nehmen sich aus wie Kriminalberichte. Die besten Kräfte unseres Volkes müssen immer darauf verwandt werden, uns vor uns selbst zu schützen. Kein Wunder, wenn uns andere Völker zuvorkommen. Wenn wir die größten Namen im Gebiete des deutschen Geisteslebens im XIX. Jahrhundert suchen, so fallen auf die kleine Schweiz mit ihren freiheitlichen Einrichtungen im Verhältnisse weit mehr als auf das große Deutschland. Der größte Pädagoge – Pestalozzi – ein Schweizer, der größte Maler – Böcklin – ein Schweizer, der größte Schriftsteller – Gottfried Keller – ein Schweizer. Ebenso leben wir jetzt auf den wichtigsten Gebieten fast schon ausschließlich von Pump: Carlyle, Ruskin, Emerson, Walt Whitman, Björnson, Ibsen, Tolstoi, Gorki gelten uns mehr als unsere schriftstellernden Landsleute.
Und dieses Mal nicht deshalb, weil wir eine Sucht nach dem Fremdländischen hätten – nein, es lebt gerade jetzt in uns der lebhafte, starke Wunsch zur Heimatkunst, zur Selbstbestimmung zu kommen – aber jene fremden Autoren haben uns tatsächlich über unser eigenes Denken und Fühlen, für unsere eigenen geistigen Bedürfnisse mehr zu sagen. Sie sind nicht klüger, aber sie sind innerlich freier, gefestigter, selbstvertrauender.
Wie anders sollte man erklären können, daß z. B. die Erziehungschriften der Schwedin Ellen Key in Deutschland rein verschlungen werden, während hervorragende deutsche Pädagogen kaum Gehör finden. Ellen Key »Essays« sind in 11 Tausend, »Das Jahrhundert des Kindes« in 26 Tausend, »Über Liebe und Ehe« in 28 Tausend Exemplaren bei uns verbreitet. Dagegen haben der im preußischen Ministerium an führender Stelle wirkende Geh. Regierungsrat Dr. Matthias, ebenso wie der gleich anerkannte Pädagoge, Universitätsprofessor Geh. Rat Wilhelm Münch für ihre Werke, die wohl in Fremdsprachen überhaupt nicht übersetzt wurden, in Deutschland nur eine Verbreitung von 1–3 Auflagen, wobei alle höhere Schulen schon selbstverständlich als Abnehmer gelten müssen.
Die Pädagogik der höheren deutschen Lehrer aber, die nicht an leitender Stelle stehen, ist völlig mit Unfruchtbarkeit geschlagen. Sie wagt sich an die Lebensprobleme nicht einmal heran, getraut sich nicht von dem zu sprechen, worum sich doch die ganze Erziehungspraxis und Erziehungsweisheit drehen sollte. Der Erziehungsbeamte versagt eben vollständig:
In früheren Zeiten boten die Abhandlungen, die den Schulprogrammen beigefügt wurden, den Lehrern, die eigene Gedanken hatten, Gelegenheit, diese in die Öffentlichkeit zu bringen.
Wenn wir die Programme lesen, die z. B. der blutjunge Herder veröffentlicht, so staunen wir über den rückhaltlosen Freimut und den geradezu übermütigen Reformationseifer, mit dem er den damals herrschenden Schulbetrieb geißelte. Ich habe aber in den eindringlichsten Lebensbeschreibungen Herders keine Zeugnisse dafür gefunden, daß ihm diese offene Aussprache verübelt worden wäre, Feindschaften und Schaden gebracht hätte. Heute sind diese Herderschen Abhandlungen vielleicht die einzigen unter vielen tausenden älterer Zeit, die noch Bedeutung haben und in dem pädagogischen Kampf unserer Tage wieder zu Worte kommen.[7]