Dem Deutschen aber ist das englische Recht noch namentlich dadurch lehrreich: was wir heutzutage in Deutschland erstreben, die schöpferische Kraft der Rechtsprechung, das ist in England schon jahrhundertelang geworden. Das Heil der Rechtspflege liegt da nicht in dem wörtlichen Auslegen der Gesetze, nicht in dem ständigen abgöttischen Sichverbeugen und Sichverneigen vor den gesetzlichen Ausdrücken sondern in dem kühnen Erfassen der im Gesetz und Rechtsleben waltenden Rechtsvernunft. Gerade in dieser Beziehung hat die englische Rechtsprechung Hohes, vielleicht das Höchste erreicht. Sie hat gezeigt, wie unrichtig es ist, eine solche schöpferische Tätigkeit der Gerichte zu scheuen. Welche Fülle von klarer Lebensbeobachtung, von gesundem Sinn, von feinem Takt, von rechtlicher Weisheit und kerniger Kraft ist in den englischen Entscheidungen des 18. und 19. Jahrhunderts niedergelegt! Wie weiß sich hier die Rechtspflege den Bedürfnissen des Falles anzupassen, wie klar und tief alle Geheimnisse des Lebens zu ergründen und allen Einzelheiten gerecht zu werden! Das soll für uns ein ständiges Vorbild sein!«

Wie nur der gentleman ein solches edles Recht schaffen konnte, so konnte auch unter einem solchen Rechte allein der gentleman wachsen und sich erhalten. Denn alle Kraft eines Volkes wurzelt in seinem Rechte. Unser römisch-germanisches Recht macht die Deutschen zu Tausenden rechtlos, unterwirft sie der Tyrannei des Kapitals, und des Buchstabens, der von der Menschenwürde nichts weiß und stumme Unterwerfung des Lebendigen unter das Tote fordert. – Ich könnte kleine Musterproben englischer Rechtssprechung geben, die mit wenigen Strichen den Gegensatz grell anschaulich machen würden. Aber es führt hier zu weit. Genug an der Erkenntnis, daß der gentleman nur möglich ist unter englischem Rechte. Dieses Recht ist wirklich ein Schutz und eine Zuflucht jedes Engländers, der lebhafte Ausdruck des Volksbewußtseins und Volkswillens, ist ein Stück England selbst, nicht Fremdkörper, ist der Stolz der Bürger, nicht sein Spott und Fluch!

Unter diesem Gesetze gedieh auch eine vernünftige Erziehung. Als ich auf diese vor Jahren als vorbildlich hinwies, bespöttelte man die Geschmacklosigkeit, als könnten wir von John Bull etwas lernen. Heute schreibt Wilhelm Münch mit viel tieferer Einsicht: »Selbst das uns so nahe englische Vorbild, von dem wir ja glücklicherweise manches in den letzten Jahrzehnten übernommen haben und hoffentlich noch mehr übernehmen werden, kann nicht etwa als ganzes und unbedingt unsere Wahl werden.« Gewiß nicht! Will auch niemand.

Doch zurück zum gentleman!

Der gentleman lügt nie. Eine einzige offenkundige Lüge bringt selbst den Knaben um alle Reputation bei seinen Mitschülern; der gentleman ist nicht laut und vorlaut, hält sich gemessen und würdevoll. Es gehört zum gentleman auch, daß er körperlichem Sporte huldigt, irgendeiner Kirche angehört, Klubs und öffentliche Versammlungen besucht, bestimmte Hüte, Handschuhe, Hosenschnitt nach der Mode, ebenso Stiefel, Bartfrisur u. dgl. habe. Der gentleman führt beim Essen das Messer nicht zum Munde, nimmt keinen Senf zum Hammelbraten, grüßt nicht durch Hutabnehmen, sondern nur mit der Hand. Er hat Tausend kleine Pflichten zu befolgen – aber er trägt diesen beschwerlichen Dienst gern, denn er erkauft sich damit das Köstlichste, was ein Mensch haben kann, Selbstachtung und die Achtung der Mitmenschen. Die politische Überzeugung kommt dabei nicht mit in Rechnung. Man kann liberaler und ebensogut konservativer gentleman sein. Man braucht in England keine Titulaturen; denn es genügt ja, daß man gentleman ist. Dadurch gewinnt der Verkehr seine gefälligen und festen Formen. Kurz, es ist etwas Köstliches mit diesem gentleman. Ein Kind ist leicht zu lenken, wenn das ganze Volk so fest geprägte Begriffe und unwandelbare Formen für das hat, was den Wert des Mannes ausmacht. Ich glaube, diese großartige Kulturleistung – die Herausbildung eines schönen Mannesideals – trägt das Hauptverdienst an allen weiteren kulturellen Errungenschaften der Engländer. Zumal die Erfolge in der Kolonisation fremder Völker dankt England gewiß größtenteils dem gentleman. Man kann in den Augen der Engländer auch als Ausländer gentleman sein, freilich nicht eben leicht. Am sichersten ist schon, ganz englisches Wesen anzunehmen. Und so zwingend ist dieses Erziehungsgebot, daß sich ihm wirklich selbst reife Männer die aus fremden Ländern kommen, willig beugen. Kein Volk der Erde hat dem etwas Gleichwertiges an die Seite zu stellen.


VII.
Ergebnis.

Der um die Betätigung seiner mannhaften Triebe betrogene Deutsche wurde immer wieder auf sein Gemütsleben hingewiesen. Man machte ihm weis und er glaubte es schließlich selbst, daß er von Natur mit einem besonderen Beruf nur für diese Seite des Lebens ausgestattet sei. Man behandelte ihn von Staats und Kirchen wegen wie ein krankes Kind, das vom Fenster seines armseligen Kämmerleins aus zusehen muß, wie sich draußen auf der Wiese die gesunden Bengel tummeln und balgen, wie sie singen und springen und sich die reifen Äpfel von den Bäumen schütteln. Trauernd sinkt das kranke Kind in sich zurück, baut sich im Innern seine schöne Märchenwelt und lernt ein Glück in der Selbstbeschränkung und in der Entsagung finden. Es pflanzt sich seine Blümchen auf dem Fensterbrett und fängt sorgsam die matten Sonnenstrahlen auf, die sich bis in diesen versteckten Winkel hereinwagen. So wurde aus dem Deutschen, der von Haus aus ein recht gesunder, handfester Draufgänger war und das Leben sehr praktisch und real zu leben wußte, ein Stubenhocker, ein Betbruder, ein Dichter und Denker. Bescheidenheit und Demut wurden seine Tugenden, die stille, behaglich erwärmte, enge Stube des Kleinstädtchens wurde seine Welt, in der ihm tatsächlich das Herz aufging.

Niemand führt uns in diese Stimmungssphäre besser ein als der schlichte, kindlich-fromme Ludwig Richter, der Verherrlicher des äußerlich engen, aber dabei innerlich tiefen sächsischen Philisterlebens; Richter, der nach seinen eigenen Worten darzustellen trachtet: »in aller Sichtbarkeit der Menschen Lust und Leid und Seligkeit, der Menschen Schwachheit und Torheit, in allem des großen Gottes Güt' und Herrlichkeit«, dem es aber nie in den Sinn kam, Äußerungen menschlichen Wagemutes, Trotzes und Kampfes darzustellen. Sein Leben war von einer rührenden Hingabe und Selbstlosigkeit, Schlichtheit und Demut, durchwärmt von einem stillen Glücke und deshalb groß, ja erhaben in seiner Beschränkung. Aber – füge ich hinzu – ein Volk, das seines Sinnes lebte, wäre dem Untergang geweiht.