»So? Tut mir leid. Mir hat er nichts derart gesagt. Im Gegenteil. Er hat mir zu dem Erfolge meiner ersten Broschüre Glück gewünscht und sie in seiner Monatsschrift warm besprechen lassen.«

»Wissen Sie nicht, daß er von ›literarischen Sturmvögeln‹ schrieb, die sich nicht scheuten ins eigene Nest zu hofieren?«

»Ja, das habe ich einmal gelesen, aber nicht auf mich bezogen.«

»Aber es geht auf Sie. Man ist ermächtigt worden, Ihnen das zu sagen.«

»Man? – wer ist das? Wer ist dieser Mann, der zu solchem Botendienste sich hergeben könnte? – Zudem – nein! unmöglich! So spricht kein hochgestellter preußischer Beamter zu einem ohnmächtigen Unterstellten! Der hat andere Mittel, ihm seinen Willen und sein Urteil kund zu tun. Wird wieder gelogen sein, wie so vieles heute.«

»Ja, aber wie wollten Sie sich gegen dieses Urteil, falls es wirklich auf Sie gemünzt wäre, rechtfertigen?«

»Höchst einfach! Erstens ist das Gymnasium nicht mein Nest – nie gewesen. Sie könnten mit gleichem Rechte einem Gefangenen sagen, er solle sein Nest, nämlich das Gefängnis, ehren. Ich mußte in das Gymnasium gehen, weil mich meine Eltern dort hinschickten und weil ich sonst in Deutschland nichts hätte erreichen können. Es hat aber niemals ein Mensch danach gefragt, ob ich in diesem angeblichen Neste mich irgend wohl und warm gebettet fühlte. Mein Nest? Sonderbar! Mein Nest ist mein Elternhaus, – auf das lasse ich nichts kommen. Mein Nest ist mein Vaterland, dem ich in Treue diene.

Als ich Lehrer wurde, dachte ich in meiner Einfalt, man könnte da nach eigenen Überzeugungen leben und wirken, dachte nicht, daß in diesem Neste Gesetze herrschen, so streng und unausweichlich wie auf dem Kasernenhofe. Aber auch hier ist es in 25 Jahren niemals irgendeinem Menschen eingefallen, mich zu fragen, wie es mir denn in meinem sog. Neste gefalle. Ich würde ihm geantwortet haben: ›Sehr mäßig‹.

Ich bin dem Gymnasium entwachsen. Ist das so schwer zu verstehen? Muß ich heute noch Hoffnungen und Überzeugungen hegen, die vor 30 Jahren mein Tun bestimmten? Habe ich nicht über meine innere Entwicklung ehrlich Rechenschaft abgelegt? Bin ich denn auf irgendeine Schulgattung eingeschworen? Was für eine Philisterei, von mir zu verlangen, daß ich mein Lebtag überzeugter Gymnasiast sein und bleiben müsse! Hat sich nicht ringsum die ganze Welt gewandelt? Mich geht Deutschland und die deutsche Jugend an, die Schulgattungen aber als bloße Mittel zum Zwecke sind mir Nebensache.

Zweitens: Von Beschmutzen kann gar keine Rede sein. Wohl aber erlaubte ich mir, darauf aufmerksam zu machen, daß in dem schönen Nest viel alter Unrat liegt, und daß es hohe Zeit wird, den alten Schmutz hinauszuschaffen, sonst könnte man mit dem ›Simplizissimus‹ sagen und singen: