Der Gelehrte ist eben bei uns zugleich in erster Linie Beamter. Damit kommen wir auf einen Typus, der heute in Deutschland herrschend und tonangebend ist.

Gewiß, der Gelehrte hatte und hat in Deutschland nach wie vor einen mächtigen Einfluß. Solange unsere Lehrer ihren Stolz darin suchen, Gelehrte zu sein, nehmen sie an dieser Stellung ehrenden Anteil. Aber unser Lehrerstand ist noch jung. Er hat noch seine Not, sich selbständig neben dem der Offiziere und Juristen zu behaupten, hat keine alten gefestigten Formen und Anschauungen, die ihn im öffentlichen Urteil schützen, hat kein äußeres Ansehen, keine äußere Macht als Erbe empfangen: fast muß ein jeder Lehrer in der Öffentlichkeit sich seine geachtete Stellung erst selbst erkämpfen, die man dem jungen Leutnant oder Juristen als selbstverständlich einräumt. Deshalb jetzt der Zusammenschluß der Lehrer. Sie wollen durch Massenwirkung, durch eine Vertretung ihrer Standesinteressen den Wert jedes einzelnen heben, deshalb vor allem auch ihr Streben nach Beamtenqualität. Ob das ein richtiger Weg ist? Je mehr die Standes-Kasten- und Herdentriebe gepflegt werden, um so leichter versinkt der einzelne in der großen Masse, um so weniger wird er Lust und Beruf in sich verspüren, seine Eigenart zum Durchbruch zu bringen. Parteiwesen, Kasten-, Cliquen-, Trustwirtschaft – all diese Zusammenschlüsse sind die Pflege des Besten, der Persönlichkeit, feindlich. Dem Lehrerberufe, in dem nur der Mann in seiner Eigenart Großes vermag, ist diese Entwicklung und Pflege des Standesbewußtseins zunächst wohl nötig, auf die Dauer aber gewiß von Schaden. Alle großen Lehrer waren Eigenbrodler. Geist läßt sich nicht uniformieren oder zu gleichen Rationen auf Tausende verteilen. Auch hier gilt das stolze Wort: »Selbst ist der Mann!«

Man wird auch beobachten, daß die zur Vertretung ihrer Standesinteressen vereinigten Berufsarten den einzelnen Mann, der eigene Gedanken und Ziele verfolgt, nicht schützen, sondern lieber als Sonderling fallen lassen oder gar verfolgen. Wo Majoritätsbeschlüsse entscheiden, da gedeihen keine selbständigen Köpfe, noch weniger aber da, wo Gesinnungen und Leistungen amtlich vorgeschrieben werden.

An Stelle der gelehrten Bildung müssen wir in der Erziehung die Mannhaftigkeit als Ziel setzen.


X.
Fragen ans Gewissen.

»Sagen Sie, Herr Professor Gurlitt, Sie sind doch selbst klassischer Philologe: Können Sie es mit Ihrem Gewissen verantworten, daß Sie in dieser Weise gegen die Schule eifern, der Sie Ihre eigene Ausbildung verdanken, an der Sie selbst mehr als 20 Jahre gewirkt haben? Können Sie das?«

»Ja – kann ich!«

»Wissen Sie denn, daß Herr Geheimer Regierungsrat Dr. Matthias, Vortragender Rat im Ministerium, den Sie doch selbst so sehr schätzen, wissen Sie, daß der Ihr Treiben verurteilt?«