»Also, das wäre Verbrechen, daß einst Properz mich begeistert,
Daß Martial sich zu mir auch, der Verwegene gesellt? …«
diesem, als er sich nach den Zeiten zurücksehnte:
»Da man deine Tempel noch bekränzte, Venus Amathusia.«
Aber dem Gymnasialdirektor, der im Pastorenrocke umgeht, der für innere Mission, für den Kampf gegen den Schmutz in Bild und Wort eintritt, den »es stets tief geschmerzt hat, daß sich Goethe so weit vergessen konnte, die Römischen Elegien zu dichten«, der nichts gelten lassen will, was nicht »sittlich« ist, sittlich nämlich in dem Pastorensinne gleichbedeutend mit keusch, der deshalb einen Rousseau, Voltaire, Hebbel, Ibsen u. a. als unsittlich abweist und ihnen Kulturwert abspricht, dieser Herr kann die Antike nicht ehrlich bewundern: denn sein Horaz, sein Ovid, selbst sein Homer, sie alle sind ja in seinem Sinne unsittlich und werden dadurch nicht besser, daß er seinen Schülern die verfänglichen Stellen unterschlägt und ihnen den Horaz zu einer Art heidnischen Kirchenheiligen macht.
Einen solchen Schwindel durchschaut sofort jeder noch nicht ganz um seinen Verstand gebrachte Primaner. Jedenfalls nehme ich das zu seinen Ehren an. Wer Horaz mit Traktätchenfrömmigkeit liest und das Gedicht an Lalage, um daran den tiefen sittlichen Stand des jungen römischen Kaiserreiches anschaulich zu machen, für den hat Horaz nicht gelebt. Der würde sich eine solche geistige Mißhandlung ebenso energisch verbeten haben, als wenn sich jemand daran gemacht hätte, auch an seinem Leibe eine solche Entmannung vorzunehmen.
Alle Sittlichkeitsbestrebungen in Ehren! Ich mache sie zum Schutze der unmündigen Jugend selbst mit, aber dann auch reinliche Überzeugungen! Dann weg aus der Schule mit der Verhimmelung antiker Sittengröße! »Zwei Zungen stehen schlecht in einem Munde.« (Walther.) Es ist mir unmöglich geworden, Schriften, die im Geiste unserer alten Gymnasien geschrieben sind, überhaupt noch zu lesen: Ein ewiges Wiederkauen der Gedanken, die nun vor hundert Jahren die Begründer des Neuhumanismus – damals mit ehrlicher Begeisterung – vortrugen. Wie auf Regimentsbefehl lieben diese Freunde des Gymnasiums alle mit gleicher Inbrunst und gleichem Verständnisse den Homer wie den Plato, Sophocles, Cicero und Horaz. Wenn Hunderte von Köpfen so uniform auf die Eindrücke reagieren, so müssen von ihnen 90% gedankenlose Nachbeter sein. Zumal wenn die Herren in ihrer Begeisterung gerade auch in die Geleise der vorgesetzten Behörde geraten, dann regt sich bei mir die Befürchtung, daß mehr Suggestion als eigenes Urteil sie leite. Voltaire, der von Poesie mehr verstand, als ich und die Mehrzahl meiner Herren Kollegen, stellte Tasso und Ariost über Homer, Pindar existierte für ihn nicht, von dem lateinischen Altertum ließ er nur Horaz und Vergil gelten. Schiller schrieb an Körner (1794): »Pindar hat mir nie behagen wollen,« und Körner teilte diese Empfindung (vgl. Popper a. a. O.). Der Franzose Beyle, ein selbständiger Kopf, schreibt: »Viele unter meinen französischen Zeitgenossen bilden sich ein, die Werke Homers und Racines, die Achilles und Agamemnon (die mich zum Gähnen reizen) zu lieben; sie glauben sich selbst zu ehren, indem sie die Alten bewundern. Was mich betrifft, so verliere ich nach und nach alle Vorurteile, die auf der Eitelkeit der Jünglingszeit beruhen. Ich liebe alles, was das Menschenherz schildert; aber das Menschenherz, das ich kenne – –.« Unsere Freunde des Gymnasiums denken mir zu uniform. Ihr Zusammenschluß macht mir gar keinen Eindruck. Diese Männer kämpfen für ihre Position nicht minder als für ihre Überzeugungen. Sie machen auch auf das Publikum keinen Eindruck. »Natürlich!« sagt man sich, »Fuhrherren treten auf gegen Einführung der Eisenbahnen, Bierbrauer eifern gegen Erhöhung der Biersteuer, Gastwirte gegen Verschärfung der Polizeistunde, Gymnasialdirektoren und ihr Anhang wirken für Erhaltung des Gymnasiums.« Diese Herren haben vielfach keine eigene, selbsterworbene Überzeugung, ja, was viel ärger ist, sie wollen sie nicht einmal andern Menschen zugestehen. Sie stellen an Andersdenkende das Ansinnen, zu schweigen oder sich ihnen unterzuordnen; sie meinen, wer ihre sog. Ideale nicht teile, dürfe an einem Gymnasium nicht unterrichten. Da gestatte ich mir doch die ernste Frage: »Glauben denn all diese unduldsamen Herren an das in ihren Schulen gelehrte Christentum? Machen sie nicht alle die Andachten feierlich mit, über die sie in den Pausen witzeln?« – Ich bitte um Antwort.
Ich will Zeugnisse gegen das humanistische Gymnasium aus der Blütezeit anführen. Häckel sagt: »Wahre Bildung besteht nicht in totem Wissen und leerem Gedächtniskram, sondern in lebendiger Entwicklung des Gemütes und der Arbeitskraft. Darum aber fehlt so oft den Studierenden und zumal den Hochgelehrten, was man mit Recht den gesunden Menschenverstand nennt. Sie stehen dem Leben meist ratlos gegenüber und befänden sich etwa in der Lage eines Soldaten, der, von einem Feinde angegriffen, erst in seinem Exerzierreglement nachschaut, was er zu tun habe. Fast alle bedeutenden tatkräftigen Männer haben ein beschränktes Wissen gehabt. Die Wissensdressur schwächt ebenso den Geist wie den Willen und macht aus dem Schüler in den meisten Fällen einen guten Räsonneur nach Art Hamlets und sehr oft einen boshaften Jago.« Ein anderer Greis, Geh. Justizrat L. Passage, zitiert diese Worte mit Zustimmung und sagt dazu: »Das damalige Gymnasium (um 1840) mit seiner pedantischen Härte, ein wahres Fegefeuer der Jugend, doch ohne dessen reinigende Kraft; eine wohlorganisierte Anstalt, in der so viele Jungen körperlich und oft auch geistig ruiniert wurden. Denn man belastet nicht ungestraft sein Gedächtnis mit totem Wissen; es nimmt dem Geiste alle ursprüngliche Kraft und entfernt das ganze Leben und Denken von der Natur.«
Nichts seltener bei unseren »Gebildeten« als selbständiges Denken. Selbst unsere Studenten laufen einfach im Trott mit.
Jetzt endlich, wohl zum Teil durch Anregungen von außen her, regt sich bei ihnen der Wille, ihr Leben gleichsam selbst in die Hand zu nehmen. Zu meiner Studentenzeit war man einfach der Sklave alter Sitten und Anschauungen; wer sich dem Sauf- und Raufzwang nicht fügen wollte, war vor Insulten nicht sicher.
Wir machten natürlich mit, heulten mit den Wölfen, obschon wir uns sagen mußten, daß diese »Bildung«, die sich mit wüstem Saufkomment verträgt, keine wahre Menschenhöhe bedeutete. Wie der Simplizissimus lehrt, ist sie dem niederen Volke nicht weniger als den wirklich »erzogenen« Menschen schon zum Gespött. Diese ›Bildung‹, die für viele schon mit dem Einjährigenzeugnis abschließt, schafft uns heute schwerlich noch den vorbildlichen Manneswert. – Der deutsche Universitätsprofessor ist verwöhnt: er sieht sich gern als die Blüte Deutschlands gefeiert. Er nimmt auch bis an unsere Zeit heran in Romanen und auf der Bühne eine Ausnahmestellung ein. Der Fachmann aber kann nie allgemeingültiges Vorbild werden. In den letzten Jahrzehnten haben auch der Künstler und der Industrielle dem Gelehrten empfindlich Konkurrenz gemacht: das Bildungsideal hat sich gewandelt. Man scheint bei ihm gerade die rechten Mannestugenden zu vermissen. Wer in das Kleinleben der Universitäten und in den Kleinkrieg der akademischen Literatur tiefere Einblicke getan hat, dem schwindet auch manches von dem Nimbus, mit dem sich die Vertreter der freien Forschung zu bekleiden wußten. Auch da wird mit Wasser gekocht. Auch da oft geschwiegen, wo es Mannespflicht wäre, den Mund weit aufzutun. Wir haben auch unter den Akademikern schon zu viele gesehen, die sich in entscheidenden Fragen laudabiliter unterworfen haben.