Ob es in ganz Deutschland wohl ein Lehrer wagen darf, vor der Klasse an der Gottheit Christi zu zweifeln? Dabei weiß jedermann, daß unsere liberale Theologie selbst von der Kanzel herab ihre neue Überzeugung von dem Menschentum Christi predigt. In der Schule muß festgehalten werden an dem Nicäischen Glaubensbekenntnis, das für die katholischen und evangelischen Kirchen bis heute gleich verpflichtend ist. Danach ist Christus »aus dem Wesen des Vaters, Gott von Gott, Licht von Licht, wahrhaftiger Gott vom wahrhaftigen Gott gezeugt, nicht geschaffen, mit dem Vater wesensgleich«. Dieser Zwang liegt nicht allein auf der Volksschule. Ich frage aber, deckt sich das mit dem Glaubensbewußtsein der deutschen Eltern?
Was würde wohl einem Primaner geschehen, der in seinem Abiturientenaufsatze als seine ehrliche Überzeugung niederschriebe, daß er an Engel nicht glaube, nicht an den Teufel, an eine »Jungfrau« Maria, nicht an einen heiligen Geist, an eine unbefleckte Empfängnis, an eine leibliche Auferstehung, an eine Wiederkehr Christi, an ein Fortleben nach dem Tode? Wagt unter den hunderttausenden deutscher Abiturienten auch nur einer eine solche »Ketzerei«? Man höre dann aber die Studenten, wie geringschätzig sie über »Glaubensbekenntnisse« sprechen, die sie als Schüler nachplappern lernten.
Selbständigkeit des Denkens lehren unsere Schulen nicht. Sie sollen und wollen es gar nicht. Ich selbst habe mit angehört, wie in der Eröffnungsrede einer Oberrealschule ein Vertreter der preußischen Regierung mit einer vor Erregung vibrierenden Stimme und in dem Tone strengster Vermahnung an die Lehrer seine Rede abschließend sagte: »Und vor allem, meine verehrten Herren Kollegen, bewahren Sie die Seelen Ihrer Schüler vor dem Zweifel!« Also nicht zweifeln, nicht selbständig forschen lernen sollen die Knaben, sondern gehorsam – glauben: das war der Grundsatz, der Fels, auf dem auch die moderne Oberrealschule in Preußen auferbaut wurde. Ist wissenschaftliche Selbständigkeit des Denkens mit diesem Gebote vereinbar?
Und nun gar – volle Freiheit zu selbständigem Handeln? Daß ich nicht lache! Fragt einmal unsere Schüler, wie sie im Denken und Handeln gebunden sind! Für die Universität freilich, die Paulsen wohl im Sinne hatte, gilt sein Wort: in Beziehung auf unsere Schulen, die Zwangsschulen im schlimmsten Sinne sind, wirken sie wie Spott. Ich komme darauf später wieder zurück. Hier sollte nur ganz allgemein gesagt sein, daß der »Gebildete« in Deutschland weit davon entfernt sein kann, ein im Denken und Handeln selbständiger Mensch zu sein. Man findet z. B. bei den akademisch Gebildeten die nur aus gedankenlosem Nachschwatzen verständliche einmütige Bewunderung der »humanistischen Bildung« und damit einen wahren Rattenkönig von ererbten Schulphrasen: Humanität, formale Bildung, sittliche Größe des Altertums, Einfachheit der antiken Lebensanschauungen und Lebensformen – lauter leere Worte!
Ich kenne keine Zeit der Geschichte, in der die Menschen stärker in oberflächlichen und mechanisch übernommenen Urteilen gesündigt hätten. Die Menge der Eindrücke nötigt zur Hast. Jeder Mensch bekommt seine Marke aufgeklebt, mit der man ihn für alle Zeiten abstempelt. Ein falsches Urteil zu korrigieren, erscheint fast schon unmöglich. Voreingenommenheit, nationale, kirchliche, soziale Beschränktkeit, Parteifanatismus, Mangel an Arbeitskraft und an Selbstkritik, Denkfaulheit und Unwissenheit, all diese Schwächen sind am Werke, ein gerechtes Urteil zu hemmen. Friedrich Hebbel, der mit gelehrtem Stumpfsinn sein Lebtag zu kämpfen hatte, sprach das Wort: Es wäre, als ob die Leute statt des Gehirnes eine geballte Faust im Schädel hätten. Früher lasen die Menschen wenig, aber lasen gründlich, früher lernten sie in der Schule weniger, aber sie lernten ihre eigenen Sinne gebrauchen. Unsere Schüler lernen jetzt viele Tausende kritischer Urteile nachsprechen, ohne einen Versuch der Selbstprüfung. Man denke nur an Lessings »dramaturgische Gesetzgebung«, die den Primanern ebenso wie dessen Laokoon eine ganze Menge von Kunstwerken, zumal französischen, als wertlos ein für allemal verleiden, ehe sie diese nur zu sehen bekommen. Wo findet man heute noch selbständiges Urteil der Schüler?!
Für Cicero erwärmt sich pflichtmäßig der Gymnasiallehrer, Voltaire aber weist er ab unter Berufung auf Goethe, der ihm »Tiefe« absprach, und unter Berufung auf Schillers Ausführung, »Voltaire habe als Dichter kein Herz abgedruckt«. Dabei merkt man nicht, daß kaum zwei bedeutendere Männer sich so ähnlich waren wie Cicero und Voltaire, nur daß der Franzose den Römer unendlich und in jeder Beziehung überragt.
Die Phraseologie der altklassischen Humanisten hat vollständig abgewirtschaftet. Man höre nur, was für einen leeren Wortschwall Männer zur Verteidigung ihres alten »Idealismus« aufbieten! So nennt man nämlich den mit altem Bücherstaub gefütterten Dünkel der »humanistisch Gebildeten«.
Herr Prof. M. Schneidewin rettete diesen Idealismus im »Tag« Nr. 463 mit folgender Stilblüte: Es ist eine »Erfahrung, daß die Wucht der Vielseitigkeit des modernen Lebens und seiner tiefwühlenden und hochtönenden Weise des Denkens und Redens kaum erträglich sein würde, wenn der befreiende Durchblick auf die altklassische Einfachheit nicht immer wieder das Verständnis des Verwickelten und Ungeheuren durch Vergegenwärtigung der elementaren Lebenszwecke, die dem allen doch zugrunde liegen, erleichterte«. In diesem Tone geht es natürlich noch weiter. Man lese dazu die vernichtende Kritik, deren Dr. Albert Gruhn dieses »hochtönende« und dabei seichte Geschwätz noch für würdig hält! (»Blätter für deutsche Erziehung« 1906 Heft 7.)
Solange es sich nur um Kenntnis des Altertums handelt, ist jede Mühe und jeder Aufwand berechtigt. Da mache ich selbst mit Freuden und Eifer mit. Sobald man mir aber mit dem hohen sittlich-erziehlichen Wert des Altertums für unsere Schuljugend kommt protestiere ich laut. Das ist nicht echte Überzeugung, sondern traditionelle Phrase. Ja, die Päpste, die den Horaz, Plautus, Terenz in der einen Stunde lasen, in der anderen mit gleichem Behagen Boccaccio Dekamerone, die sich im Vatikan schöne griechische Venusbilder aufstellten, denen war es ernst mit der antiken Schwärmerei. Ebenso war es unserem Goethe und Schiller noch ernst damit, jenem als er sang: