Damit soll nämlich der Gegensatz scharf gezeichnet sein zu dem rhetorischen Virtuosen, wie ihn die französische, und dem rohen Utilitarier, wie ihn die englische Erziehung angeblich züchte. Gegen den Versuch etwa, mehr künstlerische Kultur oder mehr moralische und sittliche Bildung in unsere Schulen zu tragen, ist damit aber nichts gesagt. Freilich verwahrt sich der Mitberichterstatter auf der Direktorenkonferenz zu Stettin dagegen mit den Worten, daß die höhere Schule weder Theaterschule noch Konservatorium, auch keine Maler- und Bildhauerakademie werden dürfe. Dahinter steckt immer das alte deutsche Urteil, daß Wissen und eben nur das Wissen, nur die wissenschaftliche Anleitung Bildung gebe, daß beides vereint das höchste Lebensziel sei.
Dem Wissenschaftler gegenüber ist aber vom Standpunkte des Künstlers die Frage berechtigt: Wenn unsere höheren Schulen nicht Kunstschulen sein sollen, mit welchem Rechte sind sie denn einseitig wissenschaftliche Schulen? Darauf antwortet der Universitätsprofessor Ludwig von Sybel: »Weil der Deutsche lernen soll, unsere Kultur an der Wurzel zu fassen und aus der geistigen Wurzel heraus sie immer neu zu treiben.«[9] Das heißt, weil wir die historische Schulung einseitig überschätzen, weil wir die Jugend immer wieder auf Bücher, statt auf die Natur, auf die Autorität statt auf die Selbstbeobachtung verweisen, weil wir Alexandriner geworden sind und nicht mehr im glücklicheren perikleischen Zeitalter leben. Nicht Gelehrte, freilich auch nicht Künstler, sondern Männer soll uns die Schule heranbilden. Das tut sie bisher in unzureichendem Maße.
Bildung ist eine bloße Lebenszier geworden, ein Ornament, wie schöne Kleider und Orden. Bildung kann man in Deutschland ersitzen. Um für das ganze Leben ein Übergewicht, ein gesteigertes Hochgefühl anderen Sterblichen gegenüber zu haben, muß man »akademisch gebildet« heißen. Der akademisch Gebildete hat seine besonders delikate Ehre und beansprucht eine Ausnahmsbehandlung. »Wer bißchen was is«, läßt deshalb in Deutschland seine Söhne das Abiturientenexamen machen und studieren. Daher die unglückselige Überfüllung der gelehrten Berufe!
Nun wird kein billig denkender Mensch die Verdienste der höheren Schulen in Deutschland verkennen, bei ruhiger Betrachtung aber auch ihre großen Nachteile sehen. Ja, wenn es mit der Selbständigkeit des Denkens und Handelns nur seine Richtigkeit hätte!
Ich erlaube mir auf Grund meiner Erfahrungen daran zu zweifeln. Ich glaube, ohne unsere staatlichen höheren Schulen wären wir im selbständigen Streben und Handeln ein gut Stück weiter gekommen, ohne sie hätten wir mehr Menschen, die Selbstdenker, Selbsthandler, mithin eigenartige Persönlichkeiten wären, mehr Baumeister, weniger Handlanger. Ist es wahr, daß wir seit Luthers Großtat alle freiheitlichen Fortschritte, selbst auf den Gebieten wissenschaftlicher Forschung, dem Auslande, zumal den Engländern, verdanken? Oder muß man eine so offenkundige Tatsache erst ausführlich belegen?
In der wissenschaftlichen Verarbeitung und im Ausbau der neuen Ideen erwies sich Deutschland stets als unübertrefflich – da kam uns deutscher Fleiß, Gründlichkeit und Ehrlichkeit zustatten –, aber es mußten uns, wie gewissenhaften Schülern von fremden Lehrmeistern, die großen Probleme erst gestellt werden, ehe wir sie verarbeiten konnten.
Ich bestreite auch, daß heute in unseren höheren Schulen freie Forschung zu Hause sei. Den Schülern werden die mittelalterlichen Glaubensdogmen eingetrichtert, und sie dürfen dabei nicht muxen. Man weicht den großen Lebensfragen, denen schon jedes Kind von gesundem Sinne nachforscht und die das Tagesgespräch am Familientische bilden, in den Schulen mit geflissentlicher Sorgfalt aus. Ich kann mit Beispielen dienen. Als ein Gymnasialoberlehrer ohne jeden bösen Hintergedanken in reinster Herzensunschuld seine Tertianer über den »Unterschied zwischen der jüdischen und ovidischen Schöpfungssage« einen Aufsatz hatte schreiben lassen, kam sein Direktor, ein orthodoxer Protestant, in die Klasse und sagte offen zu den Schülern: »Ihr alle habt einen großen Irrtum begangen. Ovids Darstellung ist Sage, was aber die Bibel über die Schöpfung berichtet, das ist göttliche Offenbarung, nicht Sage.« So ist natürlich auch die sprechende Schlange nicht, die aus der Rippe geschaffene Eva, der Stillstand der Sonne, die Ruhe der Erde, der sprechende Esel Bileams ist überhaupt nichts, was im alten Testamente erzählt wird, Sage oder menschliche Dichtung, sondern alles Gottes Wort, und was unsere Astronomie, Geologie, Biologie, Anthropologie, Religionskunde und all unsere Naturwissenschaften in den letzten 500 Jahren zutage gebracht haben, ist eitel Rauch und Wind. So will es der Gymnasialdirektor, der sich in Festreden über die Freiheit der Forschung ergeht und von irgendwelchem Gewissenszwang in Preußen noch nie etwas verspürt hat. Da ist der Papst ja nicht so päpstlich:
»Die Theologie braucht die neuen Tatsachen der Naturwissenschaften nicht zu fürchten. Sie hat vielmehr alle Ursache, sich in hellem Jubel zu freuen, je gigantischer die Naturforschung fortschreitet. Denn je vollkommener die Menschheit die Natur erkennen lernt, um so mehr wird der Kosmos seinen Zweck erfüllen, die Herrlichkeit dessen zu verkünden, der den Himmel und die Erde erschaffen hat,« sagt der katholische Theologie-Professor Dr. Norbert Peters und wird dafür nicht gemaßregelt. Natürlich glaubt auch jener Herr Direktor nicht an seine Worte. Er meint nur dienstlich gebunden zu sein, die Jugend zu belügen. Da sei ihm dann zum Nachdenken ein Wort des Theologie-Professors Otto Baumgarten empfohlen: »Alle anderen Ziele, auch das der Religiosität, müssen dem der Wahrhaftigkeit nachstehen« oder noch ein anderes tiefes und wahres Wort, ebenfalls dessen herrlichem Schriftchen »Über Kindererziehung« (Tübingen, J. C. B. Mohr. 1905, 80 Pf.) entnommen:
»Immer neu muß man die Wirklichkeit auf sich und seine Urteilsbildung einwirken lassen, nicht korrigiert durch Wünsche, Gewöhnungen, Vorurteile, überkommene Heiligtümer. Das gilt besonders gegenüber Menschen, aber auch von Grundsätzen. … Wer sich auf religiöse, sittliche, soziale, politische Grundsätze mit jener Unentwegtheit versteift, die sich als Gesinnungstüchtigkeit, Überzeugungstreue preist, während sie absichtliche Borniertheit und Unzulänglichkeit für neue Erfahrungen und Erlebnisse ist, dem fehlt die volle Wahrheitsliebe, der Wirklichkeitssinn … Dazu gehört, daß man stets offen bleibt für neue Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen, daß man unabgeschlossen zu jeder Überzeugung hinzusetzt: ›bis auf bessere Belehrung‹, statt die neuen Eindrücke und Erfahrungen zu beugen und zu biegen in die durch die Vorurteile vorgezeichnete Linie.«
Der Lehrer, der sich vor seinen Schülern jene direktorale Belehrung gefallen lassen mußte, schwieg dazu und tat wohl recht daran, denn ein Widerspruch hätte ihn schlecht bekommen können.