Uns fehlt bis heute ein rechtes Wort für die Summen von Eigenschaften, die das Wesen eines echten deutschen Mannes ausmachen. Das ist ein großer, sehr schmerzlicher Mangel. Am besten paßt eben noch »Mannhaftigkeit«, nur daß wir diese nicht für uns Deutsche allein in Anspruch nehmen dürfen.
Die Römer erzogen ihre Knaben und Jünglinge zur virtus. In der Schule lernen unsere Kinder, daß virtus Tugend bedeute. Eine vollgültige Übersetzung ist das nicht, wie sich ja überhaupt Wörter der einen Sprache fast nie getreu in die einer anderen übersetzen lassen. Es sind nicht konzentrische Kreise, sondern Kreise, die sich schneiden. Tugend ist weniger und etwas anderes als virtus. Tugend ist stammverwandt mit taugen, bedeutet zunächst Brauchbarkeit. Unser Volk, jahrhundertelang arm, hatte für Müßiggänger keinen Raum. Nur der tüchtige, brauchbare Mensch genoß Achtung. Und das ist bis heute trotz des gesteigerten Wohlstandes gottlob so geblieben. Unsere Erziehung sieht immer noch mehr auf den handgreiflichen Erfolg, auf die Tüchtigkeit zum Erwerb und zur Arbeit überhaupt, als auf die Entwicklung allgemein männlicher Vorzüge. Unsere Schulen sind noch mehr Lehr- und Lern- als Bildungs-, zumal Charakterbildungsstätten. Früh hat übrigens unter dem Einflusse der Kirche das Wort Tugend bei uns einen etwas weichlich-sentimentalen Sinn angenommen, so daß heute einer als »tugendhafter« Jüngling fast mit einer spöttischen Empfindung benannt wird. Man denkt dabei leicht an einen Mangel an männlicher Kraft, denkt etwa an christlich-sittliche Jünglingsvereine. Ein junger Offizier, der auf sich und seine Ehre hält, würde schwerlich dulden, daß man ihn »tugendhaft« nenne. Um den Ruhm der virtus bewarb sich aber jeder Römer, selbst der Anhänger der jeunesse d'oré. Virtus ist Mannesart, virtus umfaßt alle die Eigenschaften, die nach römischem Begriffe das Wesen eines echten Mannes ausmachen, Tapferkeit, Beharrlichkeit, Ruhe, Kraft und Stolz. Der Begriff mag im Laufe der Jahrhunderte in seinen Grenzgebieten auch geschwankt haben, aber im Kern blieb er allezeit unverändert. Die Mannestugenden, die das zähe Bauernvolk, das einen gefaßten Plan nicht wieder fallen ließ – propositi tenax, wie Horaz sagt –, zur Weltherrschaft geführt hatten, ehrte selbst der décadente Epigone, der sie selbst nicht mehr aufbringen konnte. Ein solches Erziehungsideal, das von dem ganzen Volke anerkannt und angestrebt wird, ist, wie wir auch von Rom lernen, ein nationaler Schatz von unberechenbarem Werte.
Der akademische Lehrer, der zugleich in der Regel selbstforschender Gelehrter ist, nimmt unter den Erziehern zur Wahrhaftigkeit und damit Mannhaftigkeit – beides ist fast identisch – den ersten Platz ein. »Sein schönstes Vorrecht ist es, daß er nicht nur durch sein Wissen, auch durch seine Persönlichkeit die Seelen der nächsten Generation adelt.« (G. Freytag, Verlorene Handschrift, Bd. 2, S. 80.) Jedes ehrliche Streben nach Erkenntnis schafft neue sittliche Werte. Es ist einerlei, woran ein Forscher arbeitet, ob an der griechischen Grammatik, an der Textkritik eines alten Kirchenvaters, ob an geologischen Problemen, an Erforschung der kleinsten Lebewesen oder den Wundern des Sternenhimmels. Jede Arbeit, die der wahren Erkenntnis dient, trägt ihren Wert und Adel in sich selbst. Deshalb ist aber auch ein Gelehrter, der ein anderes Ziel als die Wahrheit kennt, ein Widerspruch in sich. Deshalb kann die Wissenschaft keinerlei Fesseln ertragen. Wer sie einschränkt, etwa durch Dogmen irgendwelcher Art, durch staatliche oder kirchliche Rücksichten, der geht ihr ans Leben. Eine unfreie Wissenschaft hört auf, Wissenschaft zu sein. Wer über sich einen höheren Richter kennt, als sein wissenschaftliches Gewissen, in dem sich ihm alles offenbart, was göttlich im Menschen ist, der mag ein Ehrenmann, ein Glaubensheld, ein Meister in allen erdenklichen Fertigkeiten und Künsten sein, ein Mann der Wissenschaft ist er nicht. Es gibt auch eine dichterische, künstlerische Wahrheit, auch natürlich eine Wahrhaftigkeit des Glaubens. Niemand hat ein Recht, an der subjektiven Treue ihrer Äußerungen zu zweifeln. Wenn sie sich aber dem wissenschaftlichen Beweise, in den Naturwissenschaften dem Experimente, in der Mathematik der Berechnung, in der Geschichte dem Quellenstudium und Zeit- und Sprachkenntnis entzieht – dann ist es eben keine Wissenschaft mehr. Man muß diese Gebiete des Wissens und Glaubens reinlich scheiden, darf uns aber nicht, wie das alltäglich geschieht, Glaubenssätze als Wissen anpreisen. Ich habe es schon wiederholt ausgesprochen, daß es objektive Heilswahrheiten in keiner Religion gibt, wohl aber subjektive Glaubenswahrheiten, daß Dogma »Meinung« bedeutet, nicht aber Wissen.
Nur in unserem innersten Wesen, das wie alle Natur ein Teil des Göttlichen und zugleich die höchste Offenbarungsform des Seins ist, tragen wir unseren Richter. Die Wissenschaft ist also selbstherrlich, ist eine Königin, niemandem dienstbar. Im Mittelalter meinte man, alle anderen Fakultäten seien Mägde der Theologie. Davon sollte heute nicht mehr die Rede sein können. Aber noch immer maßt sich die Kirche über sie Herrenrechte an. Noch immer glaubt auch der Staat berechtigt zu sein, die Wissenschaften und ihre Arbeiter zu überwachen, damit die Forschungsergebnisse nicht in Widerspruch mit dem »wohlverstandenen Interesse des Staates« treten.
Ich bezweifle, daß ehrliche Wissenschaft je schädlich werden kann. Denn da die Wahrheit göttlicher Natur ist, da Gott selbst die Wahrheit ist, so ist jede ernste wissenschaftliche Tätigkeit ein Gottesdienst, jede neue wissenschaftliche Erkenntnis eine Annäherung an Gott.
Höchst überflüssiger-, ja verbrecherischerweise hat die katholische Kirche die Wahrheitssucher auf naturwissenschaftlichem Gebiet »von je gekreuzigt und verbrannt«. Die Welt hat keinen Schaden durch die Erkenntnis erlitten, daß sich die Erde dreht, auch nicht durch Darwins Entwicklungslehren. Sie wird auch Häckels Belehrungen vertragen.
Die Wissenschaft darf überhaupt nicht fragen, ob den geistlichen oder weltlichen Fürsten oder dem Pöbel der Gasse ihre Funde brauchbar und angenehm sind. Sie kennt nur eine Herrin – die Wahrheit. Wenn ihre Ergebnisse durch Mißbrauch in der Hand von urteilslosen oder gewissenlosen Menschen wirklich gemeingefährlich werden, etwa wie Pulver und Dynamit, so mag der Staat Leben und Gut der Bürger vor Gefahren schützen, nicht aber die chemischen Studien verbieten. Wenn unreifen Kindern die Lektüre aufklärender Schriften schadet, so haben wir schon gesetzliche Handhaben, zumal haben die Eltern und Lehrer Mittel, ihre Kinder davor zu schützen. Deshalb muß aber doch jede Forschung, auch die an der Bibel, frei sein und bleiben. Wahrheitssucher sind auch sittlich ernste Menschen. Vor ihnen sollte man sich weniger fürchten als vor einer blindgläubigen und dadurch leicht fanatisierten Menge. – –
»Betrag' dich doch gebildet!« hört man oft die Eltern zu ihren Kindern sagen. Alle, die es irgend erschwingen können geben ihren Kindern eine »höhere Bildung«. Dabei kommt es besonders auf die Art der Schule und in dieser auf das Wissen an, über das die Prüfungen verläßliche Auskunft geben. Daß der Deutsche vor allem zum Denken geboren sei, das ist seit dem Reformationszeitalter und mehr noch seit dem Neuhumanismus, den uns Gelehrte schufen, ein Glaubenssatz, von dem sich kein Vertreter der höheren Schulen will abbringen lassen. Ich sehe aber nicht ein, weshalb der deutsche nicht mit gleichem Eifer bauen, malen, dichten, bilden, Handel treiben, Krieg führen, seefahren und zu all dem gleichermaßen erzogen werden soll; sehe nicht ein, weshalb man durch Beschäftigung mit diesen Dingen nicht ebensogut zu »Bildung« gelangen könnte.
Nun hat uns aber gerade in jüngster Zeit Prof. Friedrich Paulsen[8] wieder eingeschärft, daß die höheren Schulen aus dem Bedürfnisse geboren seien, die höheren Stände durch wissenschaftlichen Unterricht zu voller Freiheit und Selbständigkeit des Denkens und Handelns zu erheben. Das ist richtig, ist eine historische Tatsache. Die weitere Folgerung: Demgemäß müsse auch nach wie vor ihre Fundamentalaufgabe bleiben, die Schüler zu wissenschaftlicher Arbeit in elementarer Form anzuleiten, in ihnen den Trieb zu eigener Beobachtung und Sammlung, Untersuchung und Prüfung zu wecken, den Forschertrieb und den Wahrheitssinn zu entwickeln, ließ aber einige Einschränkungen zu.