Das hat Geibel, der Protestant, gesagt, aber er hat es nicht für die Protestanten gesagt. Von dessen Gewaltigen hören wir nur, wenn sie Scheiterhaufen schichten. Der Katholizismus ist klüger; nie hat man in seinem Reiche so laut die Duldsamkeit preisen hören wie dieses Jahr in Essen.« Leider hat, wie ich eben (12. Sept.) lese, nun auch unser Kaiser sich diesen Gedanken zu eigen gemacht und als sein Programm öffentlich verkündet: »– unter Zusammenschluß der Konfessionen, dem Unglauben zu steuern«.
In diesem Bunde unserer Staatsgewalt mit den konservativ-klerikalen Mächten sehen wir mehr Linksstehenden die schwerste Gefahr für Deutschlands Zukunft. Dieser Bund macht uns zu »Schwarzsehern«, dieser Bund wird uns nicht Männer erziehen, sondern wird uns entkräften und lähmen: es sei denn, daß im Widerstande gegen ihn neue Kräfte in unserem schon tief erregten und nach Befreiung schmachtenden Volke erstehen. Der Schwerpunkt der Weltgeschichte ist seit Jahrhunderten auf der Flucht vor Rom. Die Linie führt aus Italien über Wien, Wittenberg nach Berlin, und leider jetzt nach London und Nordamerika. Wenn Deutschland aufhört, der Hort freier Forschung und die Pflanzstätte auf sich selbst gestellter unabhängiger Persönlichkeiten zu sein, dann können uns weder Kanonen noch Kriegsschiffe vor dem kulturellen Rückschritt und damit auch vor politischer Machteinbuße bewahren.
Dieses war schon geschrieben, als ich in der »Kölnischen Zeitung« an leitender Stelle einen noch viel schärferen Widerspruch gegen das neue Regierungsprogramm las. Das Blatt sagt:
»Die Liberalen, die in der monarchischen Grundlage die Gewähr des Bestandes und der gedeihlichen Entwicklung unseres Staatswesens erblicken, würden sich einer Pflichtversäumnis schuldig machen, wenn sie es unterließen, zu solchen Kaiserreden in voller Klarheit und, wenn nötig, mit gebührendem Respekt als Sr. Majestät allertreueste Opposition Stellung zu nehmen. Gerade in diesen Kreisen wird der warme Appell des Kaisers an die Mithilfe jedes einzelnen im Volke, die Mahnung daran, daß so wie er jedermann die Pflicht habe, für das Wohl des Vaterlandes zu arbeiten, freudigen Widerhall finden, aber die Mißdeutung der Kaiserworte wird beginnen, wenn es gilt, das Mittel, das der Kaiser dazu angibt, zu benützen. Der Zusammenschluß der Konfessionen zur Bekämpfung des Unglaubens klingt, vielleicht unbeabsichtigt, an einen der hauptsächlichsten Programmpunkte des eben erst verhallten Essener Katholikentages an, wo ein solcher Zusammenschluß als ideale Zukunftstaktik des Ultramontanismus gepriesen wurde. Sollte der politische Konfessionalismus – katholischer oder protestantischer oder beide im Bunde – das Breslauer Kaiserwort dahin auslegen, daß er berufen sei, als Macht im Staate zu gelten, so lehnen wir von vornherein diese Deutung ab und werden sie auf das entschiedenste selbst dann bekämpfen, wenn das kaiserliche Schild sie decken sollte, denn wir erblicken in diesem Konfessionalismus, vor allem im katholischen, wie ihn der Ultramontanismus politisch so erfolgreich verkörpert, einen der schlimmsten Feinde des nationalen, modernen Staates; er ist mit diesem staatsrechtlich schlechterdings nicht zu vereinbaren, und da, wo er es praktisch versuchen sollte, muß er der Bahnbrecher der Sozialdemokratie und Revolution werden.« Sehr richtig!!
IX.
Der Gebildete.
Der deutsche »Ehrenmann« ist neben dem Gentleman ein achtbarer Philister, der »Kavalier« ein Mann von Standesdünkel und Standesenge, speziell der österreichische Kavalier, zwar von gefälligsten Formen und von großer Liebenswürdigkeit, aber oft ein Mann ohne Grundsätze, Lebemann, bei dem Volke beliebt, weil leichtlebig und gut zum »Hochnehmen«, auch bei aller Lustigkeit oft schon unterwegs zum Bankrott. Der österreichische junge Aristokrat hat jetzt das ganz unglaubliche Bestreben, »décadent« auszusehen. Die Witzblätter übertreiben nicht, wenn sie ihn, wie eine Vogelscheuche, mit krummem Rücken, schlappen Beinen, Hängelippe und müden Augen darstellen. Das ist jetzt das Modernste und Eleganteste. Als ich einen jungen Offizier fragte, wie es meinem ehemaligen Schüler, einem blühenden Bürschchen von damals zwölf Jahren, gehe, sagte er im vollsten Ernste: »Ein vornehmer, décadenter Kavalier!«.
Bei uns will der junge Mann »forsch« sein, will für einen Leutnant in Zivil gelten. Deshalb Brust raus, Nase hoch, Beine stramm durchgedrückt und den stolzen, unzufriedenen Mann gespielt, auf daß man denke, er sei aus einem hohen Haus oder doch von einem feinen »Rement«. So bei den Hohen und denen, die gesellschaftlich hoch hinaus wollen.
Der »bessere« Bürger aber erstrebt »Bildung«. Der schlichtere Bürgersjüngling will ein gebildeter Mensch sein. Das ist heute bei uns wohl das am meisten begehrte Erziehungsergebnis. Das Höchste ist ein Gelehrter und höherer Beamter. Man sieht daraus, daß wir den Stolz, ein Volk der Denker zu sein, tief in der Seele tragen.