Was geht es überhaupt die Kirche an, ob einer Konservativer oder Sozialdemokrat ist? Ihr Reich sollte doch nicht von dieser Welt sein. Aber sie hält es gerade mit den Mächtigen und Reichen, also mit denen, welchen ihr Herr den Himmel verschlossen hat. Die Behauptung, daß die geistliche Schule in Frankreich ein Schutzmittel gegen die Sozialdemokratie gewesen sei, ist völlig hinfällig, wie I. Tews (Schulkämpfe der Gegenwart, Teubner 1906) mit dem Hinweis lehrt, daß bei den Kammerwahlen im Jahre 1898 unter 584 französischen Abgeordneten 131 Sozialisten waren, während gleichzeitig die deutsche Reichstagswahl von 398 Abgeordneten nur 57 Sozialisten ergab.

Über die hohe sittliche Mission der katholischen Kirche und ihre Erfüllung bekommt man seine eignen Gedanken, wenn man liest, daß in Italien kein Stand mehr Sträflinge liefert als der Geistliche. Im Laufe der letzten zwei Jahre kamen dort 176 Gesalbte hinter Schloß und Riegel: zwei Drittel davon wegen Sittlichkeitsverbrechen, ein Drittel wegen Totschlages, Diebstahls, Veruntreuung usw. (vgl. »Es werde Licht« XXXVII. Jahrgang, Heft 8, S. 256). Solchen Führern ist das sittliche und geistige Wohl des armen Volkes anvertraut! Nirgends, wo ihr Einfluß lebt, sehen wir ein geistiges Aufdämmern, einen neuen Hoffnungsstrahl. Mit ängstlicher Sorge werden da alle die Schranken aufrecht erhalten, in denen der Geist von jeher verkümmerte. Hören wir, wie ein Italiener, der seine Kirche zu retten trachtet, Antonio Fogazzaro, in seinem Roman »Der Heilige« (Deutsch von M. Gagliardi) diese schildert: »Die katholische Kirche«, schreibt er, »fürchtet das Licht der Vernunft, ist in jedem und allem ein Sklave der vergötterten und deshalb despotischen Autorität, ist streng und ablehnend gegen die Draußenstehenden, ist durch irdische Interessen gefesselt, veraltet in Geist und Sprache.«

Eine Erziehung, die nur darauf ausgeht, den Angaben einer Autorität ohne Prüfung Glauben zu schenken, hat keinen Beruf in sich, wahre »Männer« heranzubilden. Es gehört kein Mut dazu, für Lehren einzutreten, die mit tausend Klammern verankert sind, ihre Verfechter mit weltlichen Ehren und göttlichen Gnaden beglücken. Wohl aber würde für einen Katholiken Mut dazu gehören, als Reformator gegen veraltete Lehren und Irrlehren, selbst gegen den Willen des Papstes aufzutreten, wie es einst Luther tat. Daß der Kirche jetzt keine solche Kämpfer mehr erstehen wollen, daß sich die aufstrebenden selbständigen Köpfe doch immer wieder unter die unerbittlich strenge Zucht beugen und ducken, daß wir immer wieder von diesem und jenen hören, er habe sich laudabiliter unterworfen – das gereicht der Kirche nicht zum Ruhme. Freilich – die Organisation ist erstaunlich, bewundernswert, aber es ist eine Herrschaft durch Terrorismus.

Wie unfrei der gläubige Katholik ist, das ahnt er selbst nicht, ja er küßt noch die Ketten, die ihn binden. Es ergeht ihm, wie den Haremsfrauen, die einen Arzt beinahe gelyncht hätten, weil er ihnen eine menschenwürdige Freiheit erkämpfen wollte.

Jetzt blasen die Katholiken, die sich in jede politische Lage zu schicken wissen, aus Opportunitätsgründen in Deutschland die Friedensschalmei. »Wir wollen die soziale und konfessionelle Versöhnung. Ja, wir würden es als einen der größten Erfolge unserer Generalversammlungen betrachten, wenn wir ein Zusammengehen mit unseren protestantischen Brüdern, soweit sie auf dem Boden des positiven Christentums stehen, erreichen könnten.« Kein Wunder, daß ihnen bei uns zulande besonders wohl ist, da auf dem Boden unserer Luther, Goethe, Schiller und Bismarck jetzt – Gott sei's geklagt! – Zentrum Trumpf ist. An ihren Grundsätzen aber haben sie trotz dieser versöhnlichen Worte nie etwas geändert. Das Hoch auf den Papst wird natürlich stets vor dem auf den Kaiser ausgebracht, das Telegramm an den Kardinal ist viel wärmer und ehrfurchtsvoller als das an des Kaisers Majestät, in den Ostmarken fährt der Klerus fort, durch Kinder- und Weiberverhetzung jede Kulturarbeit des germanisierenden Staates zu vereiteln; in Bayern stimmte die katholische Partei gegen den nationalen Liberalismus im Bunde mit der Sozialdemokratie und auch sonst bleiben die leitenden Grundsätze sich stets gleich. Wenn in Essen auch geeifert wurde gegen die Sozialdemokratie, gegen den Absolutismus der Massen, der von Freiheit redet und die Freiheit gerade derjenigen beschränkt, die von der Freiheit den richtigsten Gebrauch machen würden. »Solange aber«, so wurden wir getröstet, »das katholische Volk sich im öffentlichen Leben betätigt und für eine richtige parlamentarische Vertretung sorgt, so lange braucht das deutsche Volk nichts zu befürchten für seinen Bestand und für seine wirtschaftliche Ordnung, so lange können die Regierungen unbesorgt sein, weil dann die sozialdemokratischen Bäume nicht in den Himmel wachsen.« Fistula dulce canit – –! Trotzdem bleibt es dabei: Erst die Kirche, dann das Vaterland! – »Mögen die Katholiken stets eingedenk sein, daß zur Erteilung und Beaufsichtigung des Religionsunterrichts nur die Kirche befähigt ist!« – »Es galt, die Konfessionsschulen gesetzlich festzulegen, deshalb haben wir schließlich dem Gesetz, als es vom Herrenhaus zurückkam, zugestimmt.« – »Die deutschen Katholiken müssen mit den Katholiken der ganzen Welt nach wie vor den Anspruch aufrecht erhalten, daß ihr höchstes kirchliches Oberhaupt, der Papst, eine volle und wirkliche Unabhängigkeit und Freiheit genieße, welche die unerläßliche Vorbedingung für die Freiheit und Unabhängigkeit der katholischen Kirche ist und können diese Freiheit und Unabhängigkeit erst dann als verbürgt ansehen, wenn ein Zustand hergestellt sein wird, dem auch der Papst selbst seine Zustimmung hat geben können.«

Friedrich der Große wußte, wohin ein solcher Kurs führt. Der Kampf gegen die Hierarchie galt ihm als sein vornehmster Herrscherberuf. Man widerspricht mir? Nun, so höre man ihn selbst: »Meine Hauptbeschäftigung«, schreibt er am 16. Sept. 1770 an Voltaire, »besteht darin, daß ich die Vorurteile bekämpfe und die Köpfe aufkläre,« und am 30. Dezember 1775 schrieb er schon mit größerer Zuversicht an d'Alembert: »Zusehends vermindert sich der Aberglaube. Währt dies nur noch kurze Zeit, so werden die Mönche aus ihren Klöstern zurückkehren und die Vernunft wird sich am hellen Tage zeigen können. Gute Bücher haben endlich den Star gestochen, der die Augen der Pfaffen verfinsterte. Sie schämen sich ihres unsinnigen Gottes und arbeiten heimlich am Sturze des Glaubens.«

Die Kirche will gar nicht »Männer« erziehen. Ihr sind gläubige Weiber, selbst die ältesten Spittelweiber und Almosenempfängerinnen, gleich willkommen. Sie zählen nur nach Seelen. Je demütiger und vernichteter die Seele ist, um so besser ist sie, um so lenksamer und widerstandsloser.

Ich hörte einmal auf einer Dampferfahrt nach Rügen, wie ein protestantischer Geistlicher einer trauernden Witwe sagte: »Gott arbeitet am liebsten mit gebrochenen Herzen.« Es ist zwanzig Jahre her, aber ich habe es nicht vergessen. »Mit gebrochenen Herzen«, mit geknickten Persönlichkeiten, mit Lebensmüden und Gescheiterten. Bei diesen findet dann der Geistliche auch seine segensreiche Wirkung. Man lehre uns einen Gott der Gesunden, Frohen, Tapferen und Stolzen! Man zeige uns eine Kirche, in der die Kühnsten ihre größte Erhebung und Stärkung erleben!

Ein Luther wiegt für die Kulturarbeit eine Million frommer Kirchenhämmel auf. Aber die alte Kirche konnte ihn nicht brauchen, weil er eine Persönlichkeit war. Eduard Goldbeck sagt sehr treffend von der »schwarzen Garde« und ihrer Gefolgschaft, die in Essen, 43 000 Mann stark, das Opfer ihres Intellektes zur Schau stellte: »– – Verständnis ist vom Übel, denn vom Verständnis zur Kritik ist nur ein Schritt. Hier weiß jeder: individuelle Anschauungen sind gleichgültig; hier wäre Persönlichkeit nur schädlich; es gilt sich selbst aufzugeben, in der Gesamtheit zu ertrinken – der Machtrausch trägt alle auf ungeheurer Woge dahin – –«

»Wollt ihr in der Kirche Schoß
Alle Gläubigen versammeln,
Macht die Pforten weit und groß,
Statt sie ängstlich zu verrammeln!«