Als schlecht und verdammungswürdig gelten natürlich alle die Bücher, die sich mit den Lehren der katholischen Kirche nicht decken. Das meiste und beste, was uns seitdem die sog. klassische Literaturperiode und die gelehrte Forschung auf dem Gebiete der Naturerkenntnis, der Religionsgeschichte und der Bibelforschung geleistet haben – die staunenswerte Gedankenarbeit eines ganzen Jahrhunderts – ist der katholischen Kirche zum mindesten verdächtig. Freiheit der Forschung gilt ihr als Freiheit des Irrtums. Was braucht denn der Mensch noch zu forschen? Alle Wahrheit steht ja schon in der Bibel, in den päpstlichen Erlassen und in den Beschlüssen der Konzilien. So lesen wir in allen katholischen Lehrbüchern. Ich will irgendein wörtliches Zeugnis anführen, das ich zufällig in Händen habe:

»Die katholische Kirche stützt die Lehre, die sie verkündet, nicht auf Vernunftbeweise und glänzende Demonstrationen, sondern rein auf das Ansehen, welches ihr Jesus Christus gegeben, da er sie auf einen Felsen gründete, den selbst die Pforten der Hölle nicht überwinden werden. Dieses Ansehen ist ohne Vergleich größer und wirksamer, als jeder Vernunftsbeweis, und gibt der Kirche eine Auszeichnung, die sie kennbar und unterscheidbar macht unter allen existierenden christlichen Konfessionen. ›Denn‹, sagt der heilige Augustin, ›es ist unter den Ketzern eine allgemeine Regel, daß sie sich auf die Vernunfteinsicht viel zu gute tun, und sie in Widerspruch zu bringen bemühen mit dem Ansehen der Kirche, das doch so fest begründet ist; sie müssen aber so handeln, weil sie wohl die Lächerlichkeit und die Verachtung sehen, die sie auf sich ziehen würde, wenn man ihr Ansehen mit dem der Kirche vergleichen würde.‹ (118. Brief). ›Alle Ketzer‹, sagt er an einer anderen Stelle, ›betrügen im allgemeinen durch ein stolzes Prahlen mit Wissenschaft, und durch Spöttereien über die Einfalt derjenigen, die da glauben‹.«

Wo der Grundsatz gilt: nihil innovetur, nisi quod traditum est, gibt es keine freie Meinung, keinen Forschertrieb, keine selbstgefundene Überzeugung; denn der Satz heißt zu deutsch: »Keine Neuerung! Nur was überliefert wurde!« oder noch deutlicher und deutscher: Geistiger Stillstand, geistiger Tod!

Es ist ganz im Sinne dieser Kirche, daß der Papst Pius X. jetzt wieder an alle seine Lämmer neue Scheuklappen verteilt. Wie das auf uns geistig freien Deutschen wirkt, sagt mit wenigen Worten das »Blaubuch« (1906 Nr. 32 S. 1266):

»Pius X., der angeblich zur Versöhnung geneigte liberale Papst, der einst mit Wonneschluchzen begrüßte ›schlichte Priester‹, hat eine Enzyklika wider den ›Modernismus‹ geschleudert, die so ziemlich die stärkste Leistung des Obskurantentums ist, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Zeitungen dürfen in den Seminaren nicht mehr gelesen werden; nur in seltenen Ausnahmefällen ist es Theologen gestattet, an einer Staatsuniversität zu studieren; die Bischöfe sollen inkorrekte Prediger während ihrer Predigt öffentlich unterbrechen. Kurz, der Katholizismus verdammt sich selbst zur Erstarrung. Und angesichts einer solchen Geistesverfassung des leitenden Mannes sollte es nicht Pflicht sein, die Partei, die diesen Gedankengängen notgedrungen beipflichtet, mit aller Energie zu bekämpfen?«

Wir wissen aber, daß der neue Papst damit nichts fordert, was nicht vor ihm die Kurie schon immer gefordert hatte. Man höre nur, falls weitere Zeugnisse erwünscht sind, wie z. B. Papst Gregor XVI. den Liberalismus und die von diesem erstrebte Preßfreiheit bekämpft (1832), dieselbe Preßfreiheit, die dann Gesetz wurde und mit deren Hilfe wir jedenfalls doch ein großes Deutsches Reich erstritten haben. Er nennt sie »jene verruchte und nie genug zu verwünschende Preßfreiheit, die einige mit so vielem Geschrei zu ertrotzen und weiter auszudehnen suchen, um Schriften jeder Art unter das Volk zu verbreiten« und ergeht sich über sie in Zornesergüssen, die wenig angebracht waren, da wir ohne diese leider noch nicht genügend durchgeführte Preßfreiheit zweifellos in russische Zustände hineingeraten wären. Denn wenn man dem geistigen Wachstum eines Volkes keinen Raum, wenn man dem Volkswillen kein Ventil gibt, dann sind Kesselexplosionen unausbleiblich. Wir haben in Deutschland nicht zuviel, sondern zuwenig Preß- und Redefreiheit.

Maximilian Harden, ein Sachkundiger, schrieb erst jüngst bei seiner Kritik von allerlei betrübenden Zuständen in der deutschen Politik (»Zukunft« 1906, Nr. 38): »Nicht alles kann man unter der Herrschaft eines bis zu völliger Lächerlichkeit veralteten, von Nikolaus' Asiatenstaat überholten Preßgesetzes drucken; selbst der Furchtloseste nicht die Hälfte dessen, was er knirschend vernimmt,« – aber selbst der Gedanke an diese bescheidene Preßfreiheit versetzte schon den heiligen Vater in wilde Ekstase:

»Wir erschaudern, ehrwürdige Brüder,« ruft er aus, »wenn wir betrachten, welche sonderbare Lehren oder vielmehr welche Ungeheuer von Irrtümern wie eine Flut über uns hereinbrechen, Irrtümer, die weithin sich ausbreiten durch einen Schwall von Büchern, Zeitschriften und Flugschriften, die zwar dem Umfange nach klein und unbedeutend, aber der darin enthaltenen Bosheit nach desto größer und bedeutender sind; und aus denen, wie wir beweinen müssen, der Fluch über die Erde sich ausgegossen hat. Und doch gibt es, ach! noch Menschen, die sich so weit von der Unverschämtheit dahinreißen lassen, daß sie eigensinnig behaupten, dies von der Preßfreiheit entspringende Zusammenströmen von Irrtümern werde hinreichend wieder ersetzt durch irgendein Buch, das in diesem Sturme der Zeiten zur Verteidigung der Religion und Wahrheit herausgegeben werde. Es ist ja gottlos und allem Rechte entgegen, geflissentlich eine gewisse und überwiegend schlechte Tat zu begehen oder geschehen zu lassen, weil man Hoffnung hat, daß daraus irgend etwas Gutes hervorgehen könnte. Wird wohl auch jemand von gesundem Menschenverstande behaupten, daß man Gifte frei verbreiten, ja öffentlich verkaufen und austragen, ja sogar trinken dürfe, weil man irgendein Mittel besitzt, durch dessen Gebrauch diejenigen, die da Gift getrunken haben, manchmal vielleicht vom Tode gerettet werden könnten?« – Es ist nützlich, sich von Zeit zu Zeit mit Geist und Ton der Kurie auf Grund ihrer eigenen Urkunden vertraut zu machen, damit man sich nicht durch ihre kluge Taktik betören lasse. Fistula dulce canit, volucrem dum decipit auceps!

Während wir Protestanten jedem das Studium aller katholischen Schriften völlig freistellen, verbietet die Kurie unseren katholischen Landsleuten zu lesen, was in unserem Lager erscheint, macht ihnen dadurch eine Verständigung mit uns, einen Einblick in unser geistiges Leben unmöglich, arbeitet also der inneren Verschmelzung und Einigung unseres Volkes entgegen, ja, hält geflissentlich die Kluft offen und preist ausdrücklich noch, daß diese »Sorgfalt des heiligen apostolischen Stuhles, womit er verdächtige und schädliche Bücher zu verdammen und sie den Händen der Gottlosen zu entreißen suchte, zu allen Jahrhunderten sich gleich und beständig geblieben sei; daraus gehe deutlich hervor, wie falsch, wie verwegen, wie beschimpfend für denselben apostolischen Stuhl, ja wie furchtbar an all den ungeheuren Drangsalen des christlichen Volkes die Lehre jener Leute sei, welche nicht bloß die Zensur der Bücher als eine drückende Last verwerfen, sondern sogar so weit in ihrer Bosheit gehen, daß sie behaupten, die Zensur widerspreche allen Rechtsprinzipien, daß sie es auch wagen, der Kirche das Recht abzusprechen, eine solche Zensur (nämlich über Bücher von geistlichem und kirchlichem Inhalte) aufzustellen und auszuüben«.

Eine der haltlosesten Behauptungen der katholischen Volksbeglücker ist die, daß der »Unglaube« die Sozialdemokratie, mithin den politischen Zusammenbruch züchte. Das ist natürlich nur ein schlauer Geschäftstrick, um die Regierungen zu gewinnen.