Und was Ihre Besorgnis für Deutschlands Zukunft anlangt, so setze ich Ihnen Überzeugung gegen Überzeugung. Ich sage: Wenn Deutschland zugrunde geht, so geschieht dies nicht durch das, was sie »Unglauben« nennen – Deutschland ist ja auch nicht, wie Ihre unfehlbaren Päpste prophezeiten, an der Lutherischen Ketzerei zugrunde gegangen – aber ohne Luther und die übrigen deutschen Ketzer, wie Lessing, Kant, Goethe, Schiller, Hebbel, Bismarck, die auch Sie wenigstens dem Namen nach kennen dürften, hätten wir niemals ein neues Deutsches Reich erlebt – wenn dieses Deutschland zugrunde geht, so geschieht das auch nicht durch die Schuld der Sozialdemokratie, sondern allein durch die Schuld der Ultramontanen, die schon seit vielen Jahrhunderten an allen Übeln Deutschlands die schwerste Schuld tragen und die auch das alte heilige Reich deutscher Nation auf dem Gewissen haben. Dieses wollte protestantisch sein und war es schon bis in die letzten steirischen Bergdörfer hinein, als die schwarzen Sendlinge Roms kamen und die unglückseligen Habsburger dazu begeisterten, »lieber über eine Einöde als über Ketzer zu herrschen«. Sie haben es erreicht!

Ich teile die Überzeugung der Franzosen, bei denen es schon Sprichwort geworden ist: qui mange du pape en meure.

Und wenn ich den Katholizismus jetzt von dem Standpunkte meines Themas aus betrachte, wie muß ich da urteilen?

Erzieht die katholische Kirche zur Mannhaftigkeit? Nein! sie tut es nicht. Sie ertötet sie, ertötet den Trieb der freien Forschung, ertötet das Verantwortlichkeitsbewußtsein, indem sie schweigenden Gehorsam und unbedingten Glauben nach päpstlicher Vorschrift fordert. Der gute Katholik ist verurteilt, seine eignen Vernunfts- und Glaubensregungen zum Schweigen zu bringen, sowie sie mit den Lehren seiner Kirche in Widerspruch geraten. Die Kirche fordert Unterwerfung. Der Mannhafte aber unterwirft sich keiner Gewalt, wenn er ihre Forderungen nicht billigt. Der Mannhafte trägt seinen Richter in der eignen Brust. Er braucht keinen Vormund, wie das Kind, dem man sagen muß, was es zu tun und zu lassen hat, was es lesen darf, was nicht. Den »Index« sehen wir freien Männer als einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Menschen an. Der Index ist eine der Waffen, mit denen der geistige Fortschritt gehemmt wird. Ihm zum Trotze vollzieht sich die kulturelle Mission der aufgeklärten Völker, der Fortschritt, dem die katholische Kirche dann stets langsam folgen muß, um nicht völlig zu erstarren. Sehen wir uns einmal genauer an, welchen Geistes diese Kirche von jeher lebt!

Die Knebelung der Presse nahm ihren Anfang schon auf dem Tridentiner Konzil, wo durch ein Dekret Anzeige der Bücher gefordert wurde, in welcher »eine unreine Lehre« vorgetragen wurde.

Leo X. erließ dann eine Verordnung, »daß das, was zur Mehrung des Glaubens und zur Verbreitung der schönen Künste als heilsam und nützlich erfunden wurde« – nämlich die Buchdruckerkunst – »nicht einen entgegengesetzten Gebrauch erlangen und den Christengläubigen anstatt zum Heile, zum Verderben gereicht«. (Act. Conc. Lateran V § 55. 10.)

Demnach wäre der Buch- und Zeitungsdruck nur dazu bestimmt, den gläubigen Katholiken und der katholischen Kirche zu dienen. Denn eine jede Meinung, die von den Lehren der katholischen Kirche abweicht, gilt bekanntlich als Irrtum. Wer nicht gläubiger Katholik ist, wer sich den tyrannischen Befehlen der Kirche nicht beugt, der ist ausgeschlossen von allem Segen, den Gott für die Menschheit bereit hält. So sagt Gregor XVI. in seinem Rundschreiben vom 15. August 1832 wörtlich: »Es ist ein falscher Wahn, man könne in jedem Glauben die ewige Seligkeit erlangen, wenn man nur einen rechtschaffenen und ehrbaren Lebenswandel führt.«

Er beruft sich dabei auf des heiligen Augustinus Worte: »Wo gibt es einen gefährlicheren Tod für die Seele, als die Freiheit des Irrtums?« (Augustin. Ep. 166) und auf Papst Clemens XIII., der in einem Rundschreiben über die Verdammung schädlicher Bücher befahl:

»Man muß mit Kraft einschreiten, wie es die Sache selbst erfordert und mit aller Macht die tödliche Pest so viele schädliche Bücher zu entfernen suchen, denn nimmermehr wird es an Stoff zu neuem Irrtum fehlen, solange nicht die Werkzeuge und Mittel zur Verbreitung der Gottlosigkeit, die schlechten Bücher, im Feuer verbrannt zugrunde gehen« (Lit. Clem. XIII Christianae 5. Nov. 1766).