Die orthodoxe lutherische Kirche erweist sich nur noch dadurch als kulturfördernd, als sie uns Märtyrer schafft. Nur insofern interessiert sie noch die große Menge der gebildeten Deutschen, zu denen ich auch viele der drei Millionen sozialistischer Arbeiter zähle. Erst wenn ein Theologe nicht bestätigt oder seines Amtes entsetzt wird, gewinnt er für uns Bedeutung. Dann sagen wir uns: »Halt! Das muß ein ganzer Kerl sein, ein Mann der Überzeugung.« Ich selbst fand mit solchen, mit Kalthoff, Steudel, Mauritz u. a. m. sofort Verständigung: ein Blick, ein Handschlag, ein Wort genügte. Die Männer aber mit ihren staatlich appropierten Überzeugungen sehe ich mir viel länger und kritischer an. Je »positiver« einer ist, um so verdächtiger ist er mir. »Ich hab nun mal die Antipathie.«
»Dir, Heinrich, muß es auch so sein.«
Auf der dritten öffentlichen Versammlung des deutschen Katholikentages in Essen sprach Graf Galen aus Prag ganz im Geiste der alten römischen Kirche und unter lebhafter Zustimmung aller katholischen Zuhörer:
»Das deutsche Volk ist krank, schwer krank. Wenn nicht baldige Heilung eintritt, dann verfällt das deutsche Volk in Siechtum und ist unrettbar verloren. Wer es mit dem deutschen Volke gut meint und es vor dem sicheren Untergange bewahren will, der muß ein Krankenpfleger werden. Man verlangt die konfessionslose Schule. (Pfui!) Graf Caprivi sagt mit vollem Recht: konfessionslos bedeutet religionslos. (Beifall.) Man verlangt also im Grunde genommen die religionslose Schule. Auf der deutschen Lehrerversammlung in München verlangte Lehrer Hochheimer aus Bremen die Abschaffung der christlichen Schulen. (Pfui!) Und diesem Manne wurde auf der deutschen Lehrerversammlung Beifall gespendet. (Stürmisches Pfui!) Wenn so etwas auf einer deutschen Lehrerversammlung geschehen kann, was soll aus unserer Schule werden?« – Darauf habe ich zu erwidern:
Nein, Herr Graf! Das deutsche Volk war krank und will jetzt aus eigner Kraft gesund werden, will sich frei machen aus einer unerträglichen Gewissensfessel, die es zur Heuchelei, zur Lüge, zum feigen Nachbeten, zum gedanken- und tatenlosen Hindämmern verleitet. Wohin die unmännliche katholische Kirchengläubigkeit führt, das lehren uns die Beispiele von Italien und Spanien. Deutschland ist groß geworden nicht mit und durch Roms Kirche, sondern im Kampfe gegen diese.
Sie berichten mit Entsetzen von Berlin, das Sie spöttisch die Hochburg deutscher Kultur nennen. »Dort wurden«, sagen Sie, »1904 christlichen Eltern 47 200 lebende Kinder geboren, davon wurden 5800 nicht getauft.« Recht so! Wenn die Eltern nicht mehr an die Erbsünde glauben, daß nämlich, wie die Kirche lehrt, »nach dem Falle Adams alle Menschen, die natürlich geboren werden, in Sünden empfangen und geboren werden, … daß auch dieselbe angeborene Seuche und Erbsünde wahrhaftig Sünde sei und verdammet alle unter den ewigen Gotteszorn, die nicht durch die Taufe und den heiligen Geist wiederum neu geboren werden«. – Weiter berichten Sie, daß in Berlin 20 237 Ehen unter Christen geschlossen, davon 7388 nicht kirchlich eingesegnet wurden. Auch daraus lernen Sie, Herr Graf, daß die civiliter Getrauten der frohen Zuversicht leben, auch ohne Beihilfe einer Kirche, die sich mit ihren überlebten Dogmen selbst um ihre Verehrung beraubt hat, ein glückliches und gottgefälliges Leben führen zu können. Dabei handeln die Leute nach unserem Staatsgesetze und sind hierin nach biblischer Vorschrift der – von Gott eingesetzten – Obrigkeit Untertan.
Sie fahren fort, Herr Graf: »Es starben 32 000 evangelische und katholische Christen in Berlin, davon wurden nur 17 392 kirchlich beerdigt.« Und Sie knüpfen daran eine schauerlich-schöne Betrachtung: »Mit Schrecken vernahm man im März d. J. von dem großen Unglück in dem Bergwerk Courrières. Was ist aber dieses Unglück zu dem, das über unser deutsches Volk gekommen ist? Hunderttausende sterben bei uns den Hungertod, den geistigen Hungertod. Von 100 Menschen sind 52 ohne geistlichen Beistand gestorben und ohne kirchliche Begleitung beerdigt worden. Sie waren schon tot, noch ehe sie gestorben waren. Tausende Menschen sterben in einer Nacht den geistigen Hungertod.«
Wir sehen daraus. Herr Graf, wie sehr Sie noch im alten Kirchenglauben befangen sind. Sie irren, wenn Sie meinen, daß wir am geistigen Hunger litten, weil wir Ihre zähe Kost verschmähen. Auf geistlichen Beistand verzichten wir Protestanten und Freidenker gerne. Ohne diesen sind Kant, Lessing, Goethe, Schiller, die meisten unserer Geistesheroen gestorben, Männer, von denen selbst Sie in Ihrem kirchlich beengten Denken und Wissen nicht werden behaupten wollen, daß sie schon lebend tot waren. In der Zucht düsteren katholischen Glaubens – vermutlich von Jesuiten – und in der Furcht vor der Hölle mit ihren sieben Stationen, vor ewiger Verdammnis und sonstigen seelischen Qualen auferzogen, ahnen Sie, Herr Graf, gar nicht, wie frei und glücklich, wie geistig gesund und kampfesfroh, wie zuversichtlich fürs Leben und Sterben ein Mensch sein kann, der Gott und die Welt mit seinen hellen gesunden Augen, nicht aber durch eine trübe Pfaffenbrille betrachtet. Sie ahnen nicht, wie überlebt, wie mittelalterlich, wie – wie – wie – nein, ich will es nicht niederschreiben. Weshalb Sie kränken? Sie können nichts dafür. Sie sind einer der Unzähligen, die im Dämmerschein und im Weihrauchdunst einer Kirche leben, die durch ihre bewundernswerte Kenntnis der menschlichen Schwächen und Bedürfnisse eine übermächtige Institution geworden ist, die den Geist aber betäubt, anstatt ihn zu erleuchten.
Sie nehmen gewiß auch teil an Umzügen der Bauern zur Fürbitte um Regen oder Sonnenschein. Sie stellen gewiß auch Ihr Haus unter den Schutz des heiligen Florian und ihre Viehherden – falls Sie welche besitzen – in die gnädige Obhut des heiligen Leonhard. Wie uns dabei zumute ist, das können Sie nicht einmal ahnen. Wir stehen kopfschüttelnd da, falten die Hände wahrhaft ergriffen über solche Glaubenskraft und unserer Brust entringt sich der Ausruf der Bewunderung: O sancta simplicitas! Wenn sie nun aber auf uns schmähen, uns beklagen und unseres Vaterlandes Ende voraussagen, weil wir nicht so – so – so – gläubig sind wie Sie, dann müssen wir herzinnigst lachen.
Ich gönne einem jeden seinen Glauben, und wenn es der dickste Köhlerglaube ist, ich kann mit Juden, Mohammedanern und Heiden jeder Farbe im besten Frieden leben; ich würde auch Sie, Herr Graf, unbehelligt lassen, wenn Sie nicht, aus Prag (sprich leider Praha) kommend, sich in Deutschland als Kulturträger aufspielten und uns Aufgeklärte nicht in unseren »heiligsten Empfindungen« (so heißt es doch wohl in Ihrem Kirchenlexikon?) verletzten. Glauben Sie mir, ich spreche im Ernst und mit vollstem Bewußtsein: lieber möchte ich tot als zu Ihrem Glauben verurteilt sein, der mich zurückwerfen würde in vorlutherische Unkultur und mir alles rauben, worauf sich mein Mannesstolz aufbaut; alles rauben, was uns die protestantisch-germanische Geistesarbeit seit einem halben Jahrtausend an höchsten geistigen Lebensgütern errungen hat. Bei Gott, lieber tot als Beichte, Rosenkranzbeten, Messenlesen, Anbetung heiliger Knochen und sonstiger Reliquien, öffentliche Prozessionen durch die Straßen, Knierutschen auf Marterstiegen usw. Ich würde mich schämen, falls ich zu Kreuze gekrochen wäre, mich vor den Meinigen wieder blicken zu lassen. So empfinde ich das, was sie, Herr Graf, für unentbehrlich zum Leben und zum Sterben halten. Ich verzichte gern auf alle Verheißungen Ihrer Kirche, wofern sie mich mit ihren Geistesgaben verschont!