Den Staat betrachtet der Monismus als ein Ergebnis menschlichen Daseinskampfes und Organisationsstrebens. Er sieht in ihm die den einzelnen im Daseinskampfe stärkende Organisation einer verwandtschaftlich oder geschichtlich zu einer Rechts- und Kulturgemeinschaft verbundenen Menschengruppe. Entsprechend dieser hohen Bedeutung des Staates für die Erhaltung und Entwicklung des Volkes gebührt den staatlichen Interessen im allgemeinen der Vorrang vor den individuellen. Das Entwicklungsziel des Staates erblickt der Monismus darin, größtmögliche Freiheit der einzelnen mit möglichst vollkommener Ordnung des Ganzen zu verbinden und so eine Versöhnung von entwicklungskräftigem Individualismus mit echtem ethischen Sozialismus herbeizuführen.
Der Monismus maßt sich nicht an, alle Zweifel beseitigen und eine Lösung aller Welträtsel geben zu können, doch glaubt er eine dem heutigen Stande der Wissenschaft entsprechende Weltanschauung zu vertreten.
Welcher Ernst, welch hohes sittliches Streben, welche wissenschaftliche Treue, welcher Wille zur Wahrhaftigkeit, welche Duldsamkeit! Es gibt keinen alleinseligmachenden Monismus, keinen Glaubenszwang, keine Ächtung Andersgläubiger; hier wird niemand mit ewiger Verdammnis bedroht, niemandem etwas genommen, keiner vergewaltigt und überlistet, keinem Kinde in der Entschließung vorgegriffen, keinen Manne Umkehr verboten. Ich sehe nichts, was an diesem »Monistenbunde« Tadel verdiente und habe Lust ihm beizutreten.
Dieselbe Erkenntnis haben z. T. unabhängig voneinander eine Reihe tiefer Denker gefunden. Vor allem klar und überzeugend hat sie Ludwig Feuerbach (»Das Wesen des Christentums«) dargestellt. Überall, bei allen Religionen, wies er das gleiche Schauspiel nach: die Selbstdarstellung des Menschen in seinen Göttern. Der Mensch kann eben über sein eigenes Wesen nicht hinaus. »Was dem Menschen Gott ist, das ist sein Geist, seine Seele; Gott ist das offenbare Innere, das ausgesprochene Selbst des Menschen.« Es ist das gleiche, wenn Anatole France sagt: »Die Götter haben den Menschen das Leben zu verdanken, denn ihr Wesen besteht aus den Gedanken und Gefühlen ihrer Anbeter«, oder, wie es Walt Whitman ausdrückt: »Nicht die Religionen schaffen den Menschen, sondern der Mensch die Religionen.« Gleicher Überzeugung lebten Max Stirner und Friedrich Nietzsche, leben Maeterlinck, J. P. Jacobsen, Ellen Key (»Der Lebensglaube«, S. 552, wo man weitere Belege findet) und vor allem auch, es noch weiter ausbauend und tiefer erfassend, Eduard von Hartmann, über dessen Auffassung wir uns am schnellsten belehren lassen durch W. von Schnehen (»Der Volkserzieher«, X. Nr. 19, S. 151): »Ich bin mir bewußt, daß mein wahres Selbst Gott ist, und dieser Tatsache mir bewußt zu werden und danach zu handeln, oder, wie es Schiller ausdrückt, Gott in meinen Willen aufzunehmen, das ist meine wahre Aufgabe, wenn ich als religiöser Mensch leben will. Aber mein Bewußtsein von dieser meiner wesenhaften Einheit mit Gott ist nicht diese Einheit selbst, mein Gedanke an die Gottheit ist nicht schon die Gottheit und die Vorstellung meines Selbst (d. h. mein Ich) nicht das wirkliche Sein dieses Selbst, sondern eben nur dessen mehr oder minder unvollkommenes Spiegelbild im Bewußtsein.«
»Es ist das der konkrete Monismus im Gegensatz zu dem abstrakten Monismus der Inder und Mystiker, wie des Angelus Silesius, welcher sagte: »Ohne mich kann Gott nicht leben; rufe nicht nach Gott, denn die Quelle ist in dir; wer nicht Gott wird, sieht Gott niemals.« Über diesen konkreten Monismus, dem also Geister wie Spinoza, Lessing, Goethe, Kant, Herder, Schiller, Fichte, Hebbel, Schelling, Schopenhauer, Lange, Fechner vorgearbeitet haben, lese man E. v. Hartmanns »Religion des Geistes« und wie W. v. Schnehen (a. a. O.) lebhaft empfiehlt: Arthur Drews neue Schrift, »Religion des Selbstbewußtseins« (Eugen Diederichs Verlag), die er als »eines der schönsten und tiefsinnigsten Werke der gesamten religiösen Literatur« bezeichnet, die ich selbst aber noch nicht kenne.
Ich glaube, selbst Christus hätte den Monismus gelten lassen. Nicht aber – natürlich – können ihn der Papst und Stöcker gelten lassen.
Das alte Rom bestand jahrhundertelang mit einem ganzen Blumenkorb voll Göttern, auch Griechenland ist nicht an seinen vielen philosophischen und theosophischen Systemen zugrunde gegangen.
Es ist ein Nonsens, 60 Millionen Deutsche, deren jeder seinen eigenen Kopf hat, auf einige Dutzend alter Glaubenssätze verpflichten zu wollen. Gelingt es, so feiern die Heuchelei und die Lüge, der Stumpfsinn und die Gleichgültigkeit wahre Orgien. Davor möge uns ein guter Geist behüten!