Muß ich sprechen und schreiben wies euch gefällt? Hat nicht eben eure Mattherzigkeit die Schulen heruntergebracht? Klagt man nicht tausendfach in Deutschland, wie ihr jede lebendige Empfindung, jedes wahre, schlichte Gefühl, jedes Aufjauchzen, jede Sehnsucht, jedes Hoffen und Träumen des Herzens, wie ihr das ganze Leben der Jugend eingefangen in eure klirren Verstandesregeln eingefangen, eingeengt und eingesargt habt?

Klagen nicht deutsche Greise noch, daß ihr ihnen die Jugend geraubt? Nein? Nun, so lest L. Passage »Ein ostpreußisches Jugendleben«,[11] wo ein 81 jähriger Geheimer Justizrat sein Herz ausschüttet und »unter dem Beifalle einer großen Zahl von Männern, zumal Lehrern« diese seine schwere Anklage gegen das deutsche Gymnasium erhebt.

Jetzt kommt man mir mit der vermeintlich vernichtenden Anklage, daß ich, nervös überreizt, das rechte Augenmaß für die Dinge verloren hätte. So druckt die »Staatsbürger Zeitung«, die solange sie unter Dr. Wachlers Leitung stand, ein ernstes, der Wahrheit dienendes Organ war, jetzt aber in Stöckersche Geistesregionen hinabgezogen, den Kampf für den rechten Glauben und eine rechte Verlogenheit rüstig wieder aufgenommen hat. Sie glaubt mich dadurch zu vernichten, daß sie mich, ebenso wie es der gleich fromme »Reichsbote« tat, ihren gläubigen Lesern und einer über Deutschlands Wohl wachenden Behörde als einen Roten, einen Sinnesgenossen von Mehring vorstellt.

Wer nämlich nicht mit den bestehenden staatlichen Einrichtungen einverstanden ist, nicht unduldsam, engherzig, kurzsichtig und verlogen, wie jene Muckerblätter selbst, der ist ein Reichsfeind, ein Umstürzler, ein Kulturschädling. Schade, daß die Scheiterhaufen abgeschafft sind. Es sind dadurch diese treuen Diener Christi um die schönsten Lebensfreuden gekommen.

Wenn sich meine Nerven im Dienste für die deutsche Jugenderziehung abgenutzt haben, so sehe ich darin keinen entwürdigenden Vorwurf. Es urteilen aber gerade so hart wie ich über unsere staatlichen Zustände, zumal über unsere Schulen, junge, gesunde, blühende Männer von ungeschwächter Nervenkraft. Ich werde gleich ein Pröbchen davon geben. Wenn Hüter altbewährter Schulweisheit mir sagen, daß meine geistige Kraft erschöpft, und ich nicht mehr im Stande sei, neue Gedanken zu finden, so antworte ich ihnen: Neue Gedanken habe ich bei euch noch niemals gefunden; ihr kaut nun schon seit hundert Jahren denselben Brei, und daß meine Kraft noch nicht ganz erloschen ist, das sollt ihr, wenn ich am Leben bleibe, an euren sog. Idealen und am eigenen Behagen noch schmerzlich empfinden lernen.

Noch fühle ich Kraft in mir, vor allem die Kraft, Unwürdiges von mir abzuschütteln und mir mein Leben nach meinen inneren Gesetzen zu bauen. – Und nun jenes versprochene Stimmungsbildchen eines jungen, kerngesunden deutschen Mannes, der nicht Lehrer, nicht Vater, also persönlich zunächst nicht interessiert ist. Wie er urteilen viele Tausende deutscher Männer und Frauen mit und ohne Nerven.

Man lese also den Artikel von H. Ilgenstein über »Mißhandelte Volkserzieher«, um zu erfahren, wie man in aufgeklärten Kreisen über die Geistesfesselung der Lehrer und Kinder denkt (»Blaubuch« 1906 Nr. 26):

– – »So sind gerade unsere Schulen wahre Brutanstalten für Heuchelei und Verlogenheit. Doch wir wollen nicht mehr. Die Unsittlichkeit eines freien Männern gegen ihre Überzeugung aufgezwungenen Religionsunterrichts stinkt zum Himmel. Wer diese Einrichtungen in Schutz nimmt, liefert seine Kinder Männern aus, die es für ersprießlich halten, von ihren Untergebenen unsaubere Handlungen an Reinen und Schuldlosen zu fordern.

Die Brüder im Herrn sagen natürlich: »Wenn der Lehrer nicht unsern Glauben hat, so mag er gehen, wo der Pfeffer wächst; wir halten ihn nicht. Das Vaterland ist weit, und derer, die an der Staatskrippe sichere Futterstellen suchen und dafür gern ihr bißchen Überzeugung drangeben, gibt es in Deutschland weiß Gott genug. Brauchen wir Männer oder brauchen wir Beamte? Gott. Religion. Was für ein Unsinn, wenn es sich um die Erziehung von Untertanen handelt. Ihr erklärt es für unsittlich, mit der Gottessehnsucht werdender Menschen Schacher zu treiben? Habt euch nicht! Wer sagt euch, daß wir Menschen brauchen? Wir brauchen Knechte, Soldaten, Assessoren, Oberlehrer, Schulräte. Wir brauchen Wesen, die befehlen und Wesen, die Ordre parieren. Alles andere ist vom Übel. Was wollt ihr? Lehrer, die sich nicht als Untertanen fühlen, können doch keine Untertanen erziehen. Müssen wir, die Schulräte und Ministerialdirektoren, nicht auch den Pfaffen gehorchen, die im Parlament jede neue Kanone streichen würden, wenn wir euch nicht zwängen, bei den Werdenden immer wieder Reklame für sie zu machen? Geben wir euch deshalb Hungerlöhne, daß ihr euch wie die Reichen gebärdet, die es nicht nötig haben zu dienen? Was Gott ist, das ist in den amtlichen Vorschriften klipp und klar für ewig festgelegt. Wozu der Lärm? Wir verlangen nicht, daß ihr glaubt. Ihr sollt nur andere glauben lehren. Im übrigen seht die Armee: wie herrlich klappt es da mit unserm Gott: »Helm ab zum Gebet! … Fertig!« … Wer nicht fertig ist, wird ins Loch gesteckt.

Viele – sehr viele schon heutzutage – ziehen es natürlich unter diesen Umständen vor, ins Privatlehrerelend zu gehen oder, wenn es nicht zu spät ist, sich nach einem anständigen Berufe umzusehen, wo sie wenigstens vor sich selbst ehrliche Kerle bleiben können. Die meisten aber fügen sich leider noch immer dem auf sie als Beamte ausgeübten Zwange. Aber wer könnte ihnen daraus einen Vorwurf machen? Was soll ein Philologe oder gar ein Elementarlehrer anfangen, wenn er von Ekel erfaßt seinem unerfreulichen Berufe Valet sagt? Es kommt hinzu, daß es draußen im praktischen Beruf jenseits aller Behörden durchaus nicht als Empfehlung gilt, ein »gewesener Lehrer« zu sein. Man verbindet eben durch die eigenen Beobachtungen, die man als Kind gemacht hat, mit dem Lehrer unwillkürlich den Begriff persönlicher Unfreiheit, Unselbständigkeit und nicht selten – von der famosen Religionstunde her – den der Heuchelei. So muß der Volkserzieher in Voraussicht der Not, die seiner harrt, sich vor den Karren der triumphierenden Pfaffen spannen. Er mag mit den Zähnen knirschen. Er muß. Er wird geknebelt. Die Pension ist der Köder, die den sonst Berufslosen gefügig macht. So wird er, der uns den Menschen der Zukunft schuldet, zu einem der gefährlichsten Bazillenträger der Reaktion. Von niemanden beneidet, von keinen geliebt, von den Schülern gehaßt und betrogen, wie er die Schüler betrügt, von der Gesellschaft als notwendiges Übel empfunden, so übt er mit Ekel einen Beruf aus, der ihm als freiem Manne ein Stolz und ein Gottesdienst wäre.«