»Übertreibung!« wird man ausrufen.

»Maßlose Übertreibung!« Mag sein. Doch es kommt hier auf die Stimmung an und die ist echt!


XI.
Der Beamte als Erzieher zur Mannhaftigkeit.

Bei der herrschenden Anbetung des Staates gilt unserem Volke der berufsmäßige Diener des Staates als unentbehrlichste und würdigste Person. Auch der Ehrgeiz des »kleinen« Mannes geht dahin, Beamter zu werden. Es ist das »sichere« Brot, hat auch eine mit dem Amte verbundene sichere Einschätzung und Würde. Der Deutsche trägt seine Beamtenuniform gern. Es kommt ihm nie zum Bewußtsein, daß es eine Tracht der Unfreien sei. Dem Staate dienen gilt ihm als höchste und damit als ehrende Pflicht. Deshalb werden in Deutschland jetzt diejenigen Tugenden am höchsten geschätzt, die ein tüchtiger Beamter braucht. Gehorsam, Pflichttreue, Pünktlichkeit, Amtsverschwiegenheit, Bescheidenheit, Zurückhaltung im politischen Leben, vorbildlich kirchlicher Lebenswandel, Korrektheit. Wie man sieht, eine Reihe trefflicher Tugenden, aber – bei Licht besehen – doch vorwiegend Tugenden von Unfreien, eben von Bediensteten.

Der Beamte hat ein Amt, aber keine Meinung. Er hat seine Pflicht zu tun, dafür wird er bezahlt und dienstlich befördert. Eigene Meinungen hat er am besten für sich zu behalten, höchstens darf er sie – natürlich in angemessen bescheidenem Tone – gegebenen Ortes zur Begutachtung unterbreiten. Man sieht es aber nicht gerne, daß er mit eigenem Kopfe denke. Am angenehmsten ist der Beamte, der seiner Behörde am wenigsten Mühe macht, nie widerspricht, mit seiner Person im verborgenen bleibt, Konflikte vermeidet, gefällige Berichte einreicht und dadurch der Behörde bestätigt, wie doch so weise sie alles eingerichtet hat. Die Staatsmaschine darf halt nicht knarren. Jedes Rädchen hat geräuschlos einzugreifen. Wer sich dazu nicht eignet, der kann gehen. Er ist ja nicht gerufen worden. Unentbehrlich ist keiner. Verstanden? Maximilian Harden, der die deutschen Beamten wohl genügend kennt, nennt sie Regierungskommis: boshaft, aber treffend.

Vom deutschen Beamten erwartet man, daß er sich im Dienste zuschanden arbeite. Der »pflichttreue« Beamte kann übrigens auch nie genug bekommen an Arbeit: er läßt sich geduldig, ja mit rührendem Dankesblick, immer neue Bürden aufpacken. »Überbürdet« sind sie, wenn man ihnen glauben darf, Mann für Mann. Der Staat, den ein Preußenkönig selbst einen »Racker« nannte, ist gegen seine Diener unsagbar anspruchsvoll. Er verlangt den ganzen Menschen. Dagegen hat schon Paul de Lagarde lebhaft protestiert. Erst kommt der Mensch, der Gatte, Vater, Freund, Bürger und dann erst der Beamte. Ich kann es nur als unsittlich bezeichnen, wenn jemand mit Haut und Haar in seinem Dienste aufgeht. Ich kenne Beamte, die nicht Zeit gefunden haben – vor lauter Dienstpflichten – sich zu verlieben, zu heiraten und fortzupflanzen. Das sind die Musterbeamten, die Wonne ihrer Vorgesetzten – nur noch Maschinen, höchst »tüchtig und brauchbar«. Schade, daß mit ihrem Leben die Kette abreißt! Oder wollte Gott nicht, daß diese Menschengattung sich auf Erden ausbreite? Dafür winkt ihnen aber auch in der Ferne die Verdienstschnalle oder irgend ein bunter Adler. Der bekannte Schulmann und pädagogische Schriftsteller Geheimrat Wilhelm Münch erzählt einmal, – ich zitiere aus dem Gedächtnis! – er habe an einem Handwagen einen Ziehhund mit so wunderlich scheuen Augen beobachtet. Woher, fragte er sich, kenne ich nur diesen Blick? Ach richtig! Es ist der Blick unserer Kanzlisten. Also »hündisch«? Κυνὸς ὅμματ' ἔχων κραδίην ἐλὰφοιο (»Mit dem Blicke eines Hundes und dem Herzen eines Hirsches«) würde Homer sagen.

Ein hoher Ministerialbeamter klagte einmal vor Freunden, daß ihm ein Schuldirektor in unterwürfiger Haltung für die »Gnade« gedankt habe, ihn »zur Audienz« zu empfangen. »Ich war froh,« schloß er seinen Bericht, »wie der widerlich kriechende Mensch wieder zur Tür hinaus war.« Aber, so frage ich, wer züchtet denn erst diese Demut? Ein Regierungsrat G. erzählte mir, er habe endlich in heftigem Tone es sich verbitten müssen – da freundliche Vorstellungen nichts halfen –, daß der »akademisch« gebildete Unterstellte täglich wie ein Pikkolo durch den Museumssaal gelaufen sei, um ihm seinen Überrock aus- oder anzuziehen. »Herr Doktor,« sagte er ihm, »es schickt sich das für einen ›gebildeten‹ Mann nicht, der auf sich hält.«

Als ich vor einem Jahre etwa vor einer Versammlung von Volksschullehrern gegen den erschreckend überhandnehmenden Bureaukratismus mit all seinen Schädigungen sprach, dabei auch der unwürdigen Behandlung erwähnte, die sich der deutsche Lehrer von seinem Vorgesetzten bieten lasse, trat ein Rektor auf und sagte unter vielfachem Beifall: »Jedes Kollegium hat den Direktor, den es verdient. Ich möchte meine Herren als meinesgleichen behandeln, aber sie dulden es nicht. ›Herr Rektor vorn und Herr Rektor hinten‹, besonders eifrig sind dabei die Damen im Lehrerkollegium, die möchten am liebsten für jedes Löschblatt, das sie brauchen, erst den direktoralen Segen haben.«