Reichsgerichtspräsident von Oehlschläger erzählte mir: »Ich hatte einen jungen Lehrer zum Freund; er hatte meinen Sohn unterrichtet. Als er nach Jahren wiederkam, hatte er seinen ›Doktor‹ gemacht und fragte mich, ob er seine Dissertation seinem früheren Schulrat überreichen solle. ›Gewiß, eine solche Aufmerksamkeit wird man Ihnen danken, zumal Sie nicht mehr im Machtgebiete dieses Herrn wirken.‹ In Frack und weißer Binde trat der Herr zur Zeit der Sprechstunde bei dem Schulrat ein. ›Was wollen Sie?‹ donnerte es dem scheu Eintretenden entgegen. ›Nichts‹ war die Antwort und schleuniger Rückzug. Wir haben wohl auch dann und wann einen groben Juristen, aber so etwas halte ich bei uns doch für ausgeschlossen. So muß sich in Preußen nur der höhere Lehrer behandeln lassen.«
Eine andere Geschichte: Ich machte bei dem liberalen und mir persönlich bekannten Schulrat B. Besuch, um für einen Freund, der Direktor werden wollte, Auskünfte zu erbitten. Ich kam natürlich auch, wie zu einem Fürsten, im Frack und mit weißer Binde. Er fertigte mich ruhig, sachlich – aber stehend ab. Zufällig traf ich abends seine Schwägerin. Auf ihre Frage, wie mir's gehe, sage ich: »Schlecht, bin heute von Ihrem Herrn Schwager unhöflich behandelt worden.« – »Darf ich ihm das wieder sagen?« – »Ja, ich bitte darum.« Nach wenigen Tagen: »Ich habe es meinem Schwager bei Tisch erzählt, als mehrere Direktoren und Oberlehrer zugegen waren.« – »Nun, und?« – »Mein Schwager schwieg nachdenklich, die anderen Herren aber entsetzten sich über Ihre Anmaßung. Da hätte ein Schulrat viel zu tun, wenn er jedem Auskunft erbittenden Oberlehrer einen Stuhl anbieten sollte.« Recht so, meine verehrten Herren Kollegen! Ich wünsche Ihnen gute Karriere!
Als unser Kaiser den Herren Primanern zum Besuche einer Parade einen Urlaub erteilte, den ihnen die Direktoren nicht gewähren wollten, nahmen diese Herren diese Demütigung schweigend hin, ebenso wiederholte Anordnungen der Polizei, die als unbefugte Übergriffe hätten abgewiesen werden sollen, zumal von Männern, die mit Wärme die Verse deklamieren:
Si fractus illabatur orbis,
inparidum ferient ruinae.
In der Regel wird die Beamtenkriecherei begünstigt. Es liegt System darin. Wir lesen ja allwöchentlich in Hardens »Zukunft« seine gesammelten Byzantiaca.
Unsere Tagespresse gab sich allerlei trüben Besorgnissen hin, als gemeldet wurde, daß der englische Kriegsminister Haldane eine Einladung Kaiser Wilhelms, den großen diesjährigen Manövern beizuwohnen, mit dem Ersuchen beantwortete, davon Abstand zu nehmen und lieber die Einrichtungen des deutschen Generalstabes und einzelner militärischer Anstalten studieren zu dürfen. Dazu bemerkte die »Neue freie Presse« in Wien sehr zutreffend: »Leute, die in der Anschauung groß geworden sind, die Einladung eines Herrschers sei ein Befehl, dem man blindlings zu folgen habe, bezichtigen den Minister des Inselreiches einer Unhöflichkeit.« Ein solcher Gedanke konnte nur in Köpfen entstehen, die sklavischen Gehorsam, nicht aber den Freimut kennen, den englische Männer selbst vor gekrönten Häuptern bewahren. Nach englischer Anschauung bleibt man auch dem Könige gegenüber ein Mensch von freier Selbstbestimmung. Nach der militärischen Anschauung aber bei uns, die in dem Kaiser stets den obersten Kriegsherrn sieht und ihn sich auch am liebsten in Kriegstracht vorstellt, ist jeder seiner Wünsche, selbst jede freundliche Aufforderung, Einladung, Erlaubnis, ein dienstlicher Befehl. Dieser Geist geht durch unser ganzes Heer und von da in das Beamtenleben hinein.
Caprivi hielt sich als Soldat zu dem Gehorsam verpflichtet das Amt eines Reichskanzlers zu übernehmen, zu dessen Führung er sich selbst mit Recht die Kraft nicht zutraute. Mit wachsendem Unwillen macht unsere Presse darauf aufmerksam, daß unsere höchsten Staatsämter mit Männern besetzt sind, die sich vorerst als Offiziere fühlen und selbst Ministerposten gleichsam nur im Nebenamt verwalten. Daher denn auch alle großen öffentlichen Kundgebungen sich wie kriegerische Feste ausnehmen: nichts als prunkende Uniformen, glitzernde Helme und schnarrende Stimmen. So bei Eröffnungen von Kunstausstellungen, bei Einweihungen von Kirchen, bei Enthüllungen von Denkmälern für irgendwelche dichtenden oder musizierenden Zivilisten. Ja, sogar die landwirtschaftliche Ausstellung in Schöneberg eröffnete Se. Exzellenz Graf v. Podbielski in Uniform der Ziethenhusaren und legte in strammer militärischer Haltung die Hand an die Kopfbedeckung, wenn er über Maschinen oder über Erzeugnisse der Landwirtschaft Auskunft zu geben hatte. Man lese über das Kapitel »Im Nebenamt Minister« den Aufsatz von Günther v. Vielrogge (»Blaubuch« I, Nr. 36), der der öffentlichen Stimmung einen kräftigen, durchaus zutreffenden Ausdruck gibt.
Als unsere deutschen Journalisten in England waren, gefiel ihnen unter vielem anderen gerade dieses vollständige Fehlen einer Untertanengesinnung. Bei jedem offiziellen Mahle wurde des Königs gedacht, aber das Hoch, das man ihm stehend darbrachte, bestand regelmäßig allein in dem Rufe: »the king!«
So stellen sich freie germanische Männer zu ihrem König. Von all dem unterwürfigen, phrasenhaften und in seiner Übertreibung unwahren Gerede, mit dem man bei uns die regierenden Fürsten und deren Familien bis hinab zu dem Prinzchen in der Wiege huldigt, wendet sich ein Mann von gesunder Selbstachtung mit Unwillen ab. Kann man denn seinen König nur kriechend verehren?
So dürfte also die Hofluft und die davon durchsetzte Luft des gesamten Beamtenheeres für die Entwicklung vorbildlicher Mannesart nicht günstig sein.