Man wird uns zum Gegenbeweise Bismarck nennen. Aber damit widerlegt man uns nicht. Wir wissen zu gut, wie schwer, wie nur mit Aufgabe seiner ganzen Kraft er den Mann aus seiner Beamtenstellung rettete, wissen, daß ihn der Kampf gegen die äußeren Feinde nicht annähernd so mitgenommen hat, wie die inneren Kämpfe, wenn seine bessere Einsicht mit dem Gebote des Beamtengehorsams in Konflikt kam, wissen, daß sein Vorsatz, in den Siehlen zu sterben, doch eben nicht durchführbar war, daß er gehen mußte, nicht weil es ihm an Manneswert gebrach, sondern – weil er von dieser Tugend für einen Beamten zuviel hatte.

Seit Bismarck's Rücktritt haben wir lauter pflichttreue Kanzler gehabt. Auch unsere sonstigen hohen und höchsten Beamtenstellen waren und sind mit Männern besetzt, die allen an sie gestellten Anforderungen genügen. Ihre Verdienste erhalten so lebhafte amtliche Anerkennung, wie man es vordem in Preußen nicht gewohnt war.

»Zu Befehl!« ist fast das einzige, was der Unterstellte im Dienste dem Vorgesetzten zu sagen wagt. Das geht so weit, daß selbst vor Gericht die jüngst als Zeugen geladenen Soldaten allen Vorstellungen zum Trotz, anstatt ruhig, sachlich und freimütig zu berichten, stets stramm standen und, die Hand an der Hosennaht, »zu Befehl!« brüllten – Gehorsamsautomaten! – Wer lange Jahre unter dieser Zucht gestanden hat, der wird auch später im Zivil diese Hosennaht nicht wieder los. Sie zieht als eine Art »geistiger Hosennaht« ihre tiefen Furchen in das Gehirn und zerschneidet darin die edlen Zellen, in denen das Selbständigkeits- und Persönlichkeitsbewußtsein seinen Sitz hat. Ehemalige Militärs sollten deshalb in der Regel von solchen Posten ausgeschlossen bleiben, die eigenes Denken und Handeln, eigene Verantwortlichkeit erfordern. Sie sind unersetzlich, wo pünktlicher Gehorsam gebraucht wird.

Sie leisten getreulich, was man von ihnen verlangt und noch darüber hinaus. Weil in letzter Zeit in dem unendlich verwickelten Verwaltungswesen unseres Reiches hier und da sog. »Unregelmäßigkeiten« oder »Unstimmigkeiten« vorgekommen sind oder sein sollen, meinen unsere Zeitungsmänner, die sich vor Gewissenhaftigkeit nicht lassen können, eine Erschütterung altpreußischer Beamtentreue feststellen zu müssen. Davon kann trotz einiger bösen Symptome wohl nicht die Rede sein. Im Gegenteil, wir »verbeamten« immer mehr, freilich im üblen Sinne.

Man hat uns oft den deutschen Beamten als eine der Säulen geschildert, an denen sich das Volk emporranken werde. Ich habe dem jederzeit Beifall gespendet. Allgemach hat sich aber meine Meinung geändert. Ich fange an, in der rapid wachsenden Menge von Beamten und in der Verbreitung der Beamtenqualitäten eine Gefahr zu sehen. Wenn wir zu viele Beamte, Untergebene haben, so haben wir damit auch zu viele gebundene, unfreie Intelligenzen und Moralitäten. Es gibt ein sehr lehrreiches Buch des Spaniers Balthasar Gracianus »Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit«, aus dem Originale bekanntlich von Arthur Schopenhauer übersetzt, darin rät der Weltweise (7): Sich vor dem Siege über Vorgesetzte hüten! Denn: alles Übertroffenwerden ist verhaßt, aber seinen Herrn zu übertreffen ist entweder ein dummer oder ein Schicksalsstreich. Stets war die Überlegenheit verabscheut; wieviel mehr die über die Überlegenheit selbst – Verstand ist eben die königliche Eigenschaft, und deshalb jeder Angriff auf ihn ein Majestätsverbrechen. Fürsten sind sie, und wollen es in dem sein, was am meisten auf sich hat, Sie mögen wohl, daß man ihnen hilft, jedoch nicht, daß man sie übertrifft: der ihnen erteilte Rat sehe daher mehr aus wie eine Erinnerung an das, was sie vergessen, als wie ein ihnen aufgestecktes Licht zu dem, was sie nicht finden konnten. Eine glückliche Anleitung zu dieser Feinheit geben uns die Sterne, die, obwohl hellglänzend und Kinder der Sonne, doch nie so verwegen sind, sich mit ihren Strahlen zu messen.

Da haben wir denselben Gedanken, den Heine in die Worte kleidete: »Wer einem König widerspricht, der widerspricht mit Unbedacht.«

Der Kampf gegen einen Vorgesetzten oder eine vorgesetzte Behörde ist – zumal in Preußen – stets aussichtslos, es ist der Kampf des Einzelmenschen gegen eine allmächtige Institution. »Ich kann doch nicht«, sagte Voltaire, »wie er (der Große Friedrich) 150 000 siegreiche Soldaten aufmarschieren lassen.« Sehr richtig. Man gebe mir »100 000 Schnurrbärte« (Voltaires Wort) und dann lerne man meinen Kopf respektieren! Der Beamte ist eine Nummer in der großen Personalliste, ein Rädchen, ein Nagel, eine Schraube an einer Rechenmaschine, jederzeit durch eine neue zu ersetzen. Beamte sind zu gebunden, um sich zu freien Männern ausbilden zu können. Man schreibt ihnen in den wichtigsten Lebensfragen die Gesinnungen vor.

Ich nehme praktische Beispiele. Ein Lehrer muß einer Staatskirche angehören. Wenn ein Offizier Dissident wird, muß er den Dienst verlassen. Bekannt ist, daß der Dissident Oberlehrer Dr. Rudolf Penzig von der Regierung als Mitglied der Schuldeputation in Charlottenburg nicht bestätigt worden ist. Sozialdemokraten dürfen nicht Beamte werden. Nun sind aber viele tausende kleiner Beamten geheime Sozialdemokraten und dadurch zu lebenslänglicher Heuchelei gezwungen. Ich halte die Ausschließung der Sozialisten vom öffentlichen Dienste für verfassungswidrig; denn vor dem Gesetze sind alle Bürger gleich. Die Sozialdemokratie verficht ihre Überzeugungen in legaler Weise. Sie ist im Reichstage vertreten, also eine anerkannte Partei. Wenn sie Verfassungsänderungen anstrebt, so ist das ihr gutes Recht. Von oben her plant man und führt man sogar gewaltsam Verfassungsänderungen durch. Bekannt ist, wie C. Bernhard Shaw sich im »Berliner Tageblatt« über diese angeblich staatsgefährliche Partei aussprach: »… sie ist die konservativste, die respektabelste, die moralischste und bürgerlichste Partei Europas. Ihre Parteivertretung im Reichstage ist keine rohe Partei der Tat, sondern eine Kanzel, von der herab Männer von respektablem Alter und mit alten Ideen einer verworfenen kapitalistischen Welt eindrucksvolle Moralpredigten halten« – –

Es ist wirklich nicht einzusehen, inwiefern ein Sozialdemokrat gefährlicher sein sollte als etwa ein Stockkonservativer. Umsturz wünschen im stillen beide, der eine von oben her, der andere von unten her. Das ist der ganze Unterschied. Und wahr bleibt das auch von Bismarck anerkannte Wort, daß die Revolutionen immer von »oben« verschuldet werden. Betrachtet man sie geschichtlich, so stellt man sich als billig denkender Mensch auf die Seite der bedrückten und den Fortschritt verfechtenden Parteien. Freilich, wer im Besitze ist, der meint auch im Rechte zu sein. Als ob altes Recht nicht zu Unrecht werden könnte!

Jedenfalls also sind Beamte, denen die politische Richtung vorgeschrieben wird, in ihren Überzeugungen nicht frei: verstößt einer gegen die staatliche Vorschrift, so muß er sich verleugnen oder seiner Wege gehen, das heißt zumeist mit Frau und Kindern hungern lernen. Eine Anzahl kostbarer Mannestugenden werden im Beamtenleben gepflegt und herangebildet, die köstlichste aber, die freie Ausübung religiöser oder politischer Überzeugungen, nicht. Gehorsam ist des Dieners Schmuck.