Die Bremenser voran haben den Kampf gegen diesen Ungeist tapfer aufgenommen. Einer ihrer tüchtigsten Mitkämpfer, Gansberg, ein Lehrer von Gottes Gnaden, hat am 11. Mai 1906 im Bremer »Elternbund« unter stürmischem, lang anhaltendem Beifall seinen Protest vorgetragen (»Bremer Nachrichten« vom 13. Mai 1906): »Wir fordern Freiheit und Vertrauen für unsere Arbeit. Wenn aber ein unfruchtbarer bureaukratischer Geist in den Schulen umgeht, dann kann ein so wichtiges kulturelles Werk wie die Schulreform nicht gefördert werden. Wie aber ist dieser Geist, der die freien Regungen der jugendlichen Kräfte zusammenschnürt durch widerliche Rechthaberei und rücksichtslose Draufgängerei, wie ist dieser Geist zu fassen? Nur dadurch, daß man ihn öffentlich brandmarkt. Die Öffentlichkeit hat das größte Interesse daran, zu wissen, was in ihren Schulen vorgeht; alle Staatsbürger und vor allen die Eltern haben die heilige Verpflichtung, sich um den Geist zu kümmern, der unsere Schulen leitet, denn ihnen und nicht der Behörde gehört die Schule. Und wie ich es für meine Aufgabe erachte, die Öffentlichkeit immer mehr noch für die Bedürfnisse der Schulkinder und die Arbeit der Schulreform zu interessieren, so erachte ich es auch für meine unbedingte Pflicht, allgemeine und prinzipielle Schäden unseres Schulwesens öffentlich als solche zu kennzeichnen. Wie aber, wenn nun dieses schädliche System sich zufällig in der Person eines meiner Vorgesetzten verdichtet? Da heißt es: Gehorsam oder – Opfer! Man wird mir Schweigen gebieten. Wie aber wird die Elternschaft sich stellen? Hat sie ein Interesse daran, daß der Verwaltungsapparat ungestört funktioniert? Ich denke, das ist ihr völlig gleichgültig; ich denke, daß ihr das Wohl der Schulkinder über alles geht und daß sie die gesunde Schulatmosphäre doch viel, viel höher einschätzt, als eine geräuschlos arbeitende Verwaltungsmaschinerie. Darum hoffe ich zuversichtlich, daß die Elternschaft in einem solchen Konflikte auch stets auf der Seite derer zu finden sein wird, die für das Wohlergehen der Kinder eintreten!«
Bravo! Das heißt mannhaft gesprochen.
Ich habe in Berlin und in München Protestversammlungen der deutschen Lehrerschaft mit angehört und begreife nicht, wie es möglich sein soll, Männer, die sich gegen den herrschenden Religionsunterricht so ablehnend verhalten, zu diesem noch fernerhin amtlich zu zwingen. Es wird ja natürlich geleistet werden, was und wie die Instruktion es fordert, daß dabei aber zahlreiche Lehrer innerlich gebrochen werden, davon wird die Welt zunächst nichts erfahren.
Allen denen, die sich über den neuen Geist des Unglaubens, der Zersetzung und Auflehnung entrüsten, sei gesagt, was sie selbst wissen müssen, daß nicht unsere Volksschullehrer, sondern unsere gesamte Entwicklung, der Fortschritt der Naturwissenschaften, die gelehrten Forschungen der Theologen selbst an dem herrschenden Zustand schuld sind oder – besser gesagt – das Verdienst daran haben. Die meisten, die über unsere Lehrer klagen, kennen die Lage gar nicht. Ich empfehle ihnen zur Probe einmal ein Jahr lang nach irgendeinem staatlich anerkannten Religionsbuch kleinen Kindern den rechten Glauben beizubringen. Ihre Seele würde sich, wofern sie überhaupt eine Seele haben, vor Qualen winden. Es gehört schon ein gehöriger Grad von Untertanen- und Beamtendemut dazu, um mit sittlichem Ernste, mit Wärme und Überzeugungskraft unschuldigen, vertrauensseligen Kindern jahraus jahrein Glaubenssätze als heiligste Kost darzureichen, an die man selbst nicht mehr glauben kann. Ich möchte jedenfalls den dritten Artikel meinen Kindern nicht beibringen müssen, der bekanntlich von der Heiligung handelt und – wie die meisten christlichen Leser nicht mehr wissen werden – also lautet: »Ich glaube an den heiligen Geist, eine heilige, allgemeine, christliche Kirche, die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden. Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. Amen.« Dazu nehme man, weil es unsere armen Kinder doch wörtlich lernen, ihre noch ärmeren Lehrer es ihnen beibringen müssen, bis es »fest sitzt« aus Luthers nunmehr bald 400 (!!) Jahre altem Kleinen Katechismus (1529), seine angeblich klare Erklärung: »Was ist das? Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten« … Zu dieser Erklärung geben nun die neuen Lehrbücher (so Fürbringer-Bertrams »Biblische Geschichte« 4. Aufl.) wieder eine notwendige Erklärung: »Der heilige Geist hat mich mit dem rechten Vertrauen auf die Erlösung durch Christus erfüllt, mich dadurch aus der Gemeinschaft der Sünden genommen und der heiligen Gemeinschaft mit Gott teilhaftig gemacht und hilft mir, daß ich darin bleibe.« Bitte, mein Verehrtester, machen Sie das einmal einer Klasse von 100–120 Bauernkindern klar und glaublich. Vor allem aber bekennen Sie sich selbst aus ehrlicher Überzeugung dazu.
Es sind jetzt 128 Jahre her, daß der sterbende Voltaire auf die Frage, ob er die Göttlichkeit Jesu anerkenne, den Pfarrer mit den Worten abwies: »Mein Gott! Sprecht mir doch nicht von diesem Menschen und laßt mich ruhig sterben!«
Was ist seitdem geschehen, die Göttlichkeit Christi zu erweisen? Nichts! Stets dasselbe Pochen auf Geschichtsquellen: »Es stehet geschrieben«, auf Geschichtsquellen, die sich obendrein als durchaus unzuverlässig erweisen und hundertfach selbst widersprechen. Und dennoch die alte Lehre in Geltung? – stat pro ratione voluntas.
Zur Zeit des Großen Friedrich galt es als ein Verdienst, der Aufklärung seine Kraft zu widmen. Die in ernstester Geistesarbeit gewonnenen Kenntnisse von dem Organismus des Weltalls, der Entwicklung der Erde, der Entstehung des Lebens auf der Erde, die historisch klarere Einsicht in die Stellung des Christentums zum Judentum und den anderen orientalischen Glaubensformen, die Prüfung und Bewertung unserer Glaubensüberlieferung, all das, geleistet unter dem Schutze des Staates und für staatliche Bezahlung, gelehrt in staatlichen Hochschulen, soll trotzdem, wenn es den regierenden Parteien so paßt, als wertloser »Aufkläricht« bespöttelt und beiseite geschoben werden? Gehören zu der wertlosen Aufklärerei etwa auch die Geistestaten des Kopernikus und Galilei? Oder wo sollen wir aufhören, der Wissenschaft zu folgen? Soll vielleicht unser Kaiser die Grenze ziehen? – wie er es ja tatsächlich im Falle der Babel-Bibel-Forschung tun wollte. Hüllen sich nicht die Vertreter der staatlichen Kirchen selbst in den Prunkmantel der Wissenschaft? Gehen sie nicht selbst mit trockenen Schlüssen und »Beweisen« an die ewigen Geheimnisse heran, um dann, sowie sie nicht mehr weiter können, den Glauben anzurufen? Immer wieder kommen sie, uns zu sagen, daß die Wissenschaft noch keines der letzten Rätsel gelöst habe, daß Darwin, Haeckel und die Naturforscher alle uns nichts Dauerndes geben könnten. Das wissen wir auch. Aber das gleiche gilt von der Kirche. Auch der Glaube gibt uns nur menschliches Hoffen und Wähnen. Alle Götter der Erde waren bisher Menschenschöpfung. Die Wissenschaft führt uns jedenfalls weiter und belebt unsere Geisteskräfte. Sie hat für den, der ihr mit Hingabe dient, etwas Befreiendes. Das gleiche kann man von der kirchlichen Bildung nicht sagen. Im Gegenteil. Was Ludwig Thoma in seinem die katholischen Kreise tief erregenden Roman Andreas Vöst schreibt, werden Unzählige gern unterschreiben. »Alles Befreiende war dieser klerikalen Bildung genommen. Ohne Fühlung mit der Gegenwart, schöpfte sie aus der Vergangenheit keine lebendigen Kräfte. Mit ängstlichem Bemühen waren die Schranken aufrecht gehalten, in denen von jeher der Geist verkümmerte. – Neun Jahr unter den Händen von Lehrern, die alles in eine Form gießen, wie sollte sich da ein junger Mensch ganz frei halten von ihren Einflüssen? Es war viel, wenn das Wachstum nicht ganz erstickt war.«
Leider gilt das gleiche von der religiösen Seminarerziehung, einem Fegefeuer, durch das unsere evangelischen Volksschullehrer geläutert werden. Ausgedörrt kommen sie daraus hervor, nämlich dürr und trocken an Glauben, aber zugleich heiß vor Verlangen nach wissenschaftlicher Erkenntnis. Wenn Friedrich Paulsen mit Recht sagt, daß nie ein solcher Bildungshunger gesehen worden sei als jetzt in Deutschland, so gilt dieses Lob besonders unseren Volksschullehrern. Hier kommt es nur darauf an, zu sagen, daß unsere Volksschullehrer zu hoch stehen, als daß sie zu einem orthodoxen Religionsunterricht kommandiert werden könnten. Sie kennen die theologische Literatur, haben zum Teil wohl Schriften von Dr. Fr. Strauß, A. Harnack, O. Pfleiderer, B. Weiß, und wenn nicht diese größeren Werke, so doch E. von Hartmanns »Das Christentum des Neuen Testamentes« oder W. von Schnehens »Der moderne Jesuskultus« gelesen (Neuer Frankfurter Verlag, 1906. Preis 1 M.), vielleicht auch dessen Aufsatz »Die jüdische Natur der Lehre Christi« (Der Vâhan VII, 1906, Nr. 12), vor allem auch K. Kalthoff gelesen. Die pädagogischen Fachblätter, zumal Wilhelm Schwaners »Volkserzieher«, lassen keine dieser Erscheinungen unbeachtet und ungewürdigt. Allso gebildete Männer stehen der Bibel völlig frei gegenüber und verdienen deshalb nicht den leisesten Tadel. Man könnte ihnen mit gleichem Rechte vorwerfen, daß sie nicht mehr an die stillstehende Erde, an ein massives Himmelsgewölbe glauben oder daß sie mit der Eisenbahn fahren. Was soll also die Klage, daß sie nicht mehr »rechtgläubig« sind? Rechtgläubig im Sinne Luthers ist heute niemand mehr. Denn auch der Glaube, solange er noch etwas Leben hat, wandelt sich. Der Glaube an Jupiter und Hera freilich ist endgültig fest und – erstorben.