Fassen wir das Gemeinsame in den Lebensäußerungen all jener bedeutenden Männer zusammen, so ergibt sich als Merkmal ihrer Mannhaftigkeit das Einsetzen ihrer ganzen Kraft für das, was ihnen als edel und erstrebenswert erschien. Aber nein, auch das befriedigt mich noch nicht! Wir müssen noch eine Stufe höher steigen. Das Tun dessen, was edel erscheint, ist ein »Edel-sein-wollen«, also ein Umweg über das Ideal, dem man nachstrebt, wodurch man seine Selbstachtung befriedigen will, nicht der unmittelbare Weg zur eigenen Natur selbst. Mannhaft ist das furchtlose Tun des Notwendigen, ist einfach das Leben, wie man seiner Natur nach leben muß.

Für das Erstrebenswerte hat man bei uns die vage Bezeichnung: ideal. Ich gebrauche dieses Wort nicht gern, weil es durch Mißbrauch um seinen guten Ruf gekommen ist. Die meisten Menschen denken sich heute unter Idealismus irgendeine feine, zarte, duftige, in den Wolken schwebende Sache, die nur für die »ganz Gebildeten« ist. Die Ästheten und altklassisch Humanen haben uns dieses an sich schon undeutsche Wort arg heruntergebracht, indem sie es gar so hoch bringen und dem täglichen Gebrauche entrücken wollten. »Ideal« sind angeblich der junge Poet, der Gymnasialdirektor und seine mit Plato- und Cicerogeist leicht angehauchten Primaner. Den idealen Jüngling denkt man sich blondgelockt und mit schmachtenden, wasserblauen Augen. Den altklassischen Idealismus, mit dem man noch so viel Wesens macht, hat es in der Form, die in unseren Gymnasien ihr Scheinleben führt, selbst niemals gegeben. Die Griechen und nun gar die Römer waren derbreale Völker. Was man aber mit Recht als »ideal« bezeichnen könnte, das ist recht eigentlich eine germanische Kulturfrucht. »Deutsch sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen treiben.« Also heißt deutsch sein, auch ideal sein. Wer eine Sache um ihrer selbst willen treibt, ist von ihrer Notwendigkeit so überzeugt, daß er ihr jedes Opfer zu bringen vermag. Ihr dienen, ist ihm nicht einmal ein Opfer, sondern wahrer Lebensberuf, Befriedigung des innersten Triebes, ist ihm Notwendigkeit und so selbstverständlich, wie dem Baume das Blühen und Früchtetragen selbstverständlich sein mag. Kein Mensch rechnet es dem Apfelbaum als Idealismus an, daß ihm die Äste vor Fruchtbarkeit brechen wollen, auch nicht der Häsin, daß sie jährlich zwei Dutzend Junge wirft, nicht der Henne, daß sie für ihre Küken mit dem Raben auf Tod und Leben kämpft.

Ebensowenig will sich ein Künstler anstaunen lassen, weil er für seine Kunst auch hungert, das versteht sich ihm ganz von selbst, – oder ein Offizier, weil er für seine Ehre und sein Vaterland in den Tod geht, oder ein schlichter Lotse, weil er Ertrinkenden Rettung bringt.

Idealismus ist gerade die derbste, handfesteste Sache, ist schweres Hausbackenbrot, nicht Konfekt für Leckermäuler. Bei jedem wahren Idealismus geht es auf Leben und Tod. Mit sentimentalem Gesäusel kommt man ihm nicht nahe; mit all dem beliebten Ei, ei, ei, und Ach, ach, ach trifft man sein Wesen nicht. Wer auf große Kunstwerke in dieser schwächlichen Weise reagiert, der beweist damit nur, daß ihm das Wesen der Kunst überhaupt noch gar nicht aufgegangen ist. Nicht bloß die Schlachten, jede Kulturtat wird mit Blut erkauft. In jedem Werke gibt der wahre Arbeiter und Künstler ein Stück und immer gerade das beste Stück seines Lebens hin. Es ist damit wie mit dem Eierlegen des Schmetterlings. Er lebt dafür und stirbt daran, und daß er beides kann und darf, das macht ihm das Leben lebenswert und den Gedanken an den Tod erträglich. Wer dieserart seine Natur und damit seinen Lebenszweck gefunden hat, der wird in jeder Lebenslage mannhaft sein, er müßte sonst seine Natur geradezu verleugnen.

Auch diese Begriffsbestimmung wird die Theoretiker nicht befriedigen. Am besten wohl, wir bescheiden uns mit diesem Mißerfolg.

Was ein Mann ist, dafür brauchen und haben wir keine vollgültige Definition.

Was ein ganzer Mann ist, das merken wir gleich, wenn er uns einmal entgegentritt. Wenn es Philosophen und Stubengelehrte nicht wissen sollten, so mögen sie ihre Frauen fragen. Die wissen's, wenn vielleicht auch nur e contrario. Vielleicht wissen es sogar auch die Töchterchen schon. Ein junger unverdorbener Bursch weiß es auch. Was nun vollends ein echter deutscher Mann ist, das brauchen wir wirklich nicht erst aus den Büchern zusammenzulesen. Wir tragen es im Herzen, und wir haben es mit eigenem Auge gesehen, jedenfalls wir Älteren. Es ist uns zum freudigen und zugleich tief erschütternden Erlebnis geworden, als wir vor dem greisen Bismarck standen und seine Worte hörten, die uns wie eherne Pfeile ins Herz drangen: jeder Satz ein Glaubensbekenntnis, hinter jedem Gedanken die Lebensüberzeugung eines Aufrechten, der sich seine innere Welt selbst erstritten und erbaut hat. An ihm sahen wir lebendig, was uns Ernst Moritz Arndt in seiner für unser Gefühl etwas theatralischen Sprache als das wahre Wesen des Mannes, des deutschen Mannes, vorgezeichnet hat: »Wollt ihr das irdische Paradies wissen?« so fragte er seine deutschen Brüder und gab ihnen die Antwort: »Es heißt Arbeit und Mühe, und Freude und Genuß nach Arbeit und Mühe. Anders wird auf Erden kein glückliches Leben, keine Freude des Herzens, kein Götterstolz der schwellenden Brust gewonnen. Es heißt arbeiten und wirken, streiten und ringen, Mut frisch zu leben und tapfer zu sterben. Weg mit euren Mondgesichtern, eurem seligen Schlaraffenlande, mit allen euren weinerlichen Tugenden und tugendhaften Weinerlichkeiten! Freies Auge, festen Arm, kühnes Wort, freudiges Leben und frischen Tod, das will ich an Männern; die Würde des Geschlechts, den Verstand der Welt, das hohe Ideal der Ewigkeit in Wort und Tat sollen sie aufrechthalten; darum sollen sie gerüstet sein zu Zorn und Tod, zu jedem hohen Gefühl und jedem hohen Opfer.«

Mag uns also mit dieser Erklärung genug sein. Sie ist keine Begriffsbestimmung, aber sie trifft das Wesen der Sache, von der wir handeln.

Im weiteren Verlaufe dieser Darstellung wird dann noch deutlicher hervortreten, was wir unter Mannhaftigkeit verstehen.