Mit den Tätigkeiten, die unser Kaiser besonders erwähnte, sind also die Gelegenheiten, deutschen Manneswert zu bewähren, keineswegs erschöpft. Auch auf dem Gebiete der Forschung, der Wissenschaften, Literatur und Kunst werden Heldentaten begangen, die oft unbekannt, aber bewundernswerter sind als der Ansturm eines Offiziers auf eine feindliche Schanze. Der Ritter Frundsberg hatte wohl recht, als er in Worms dem Pfäfflein Martinus Luther sagte, er gehe einen schwereren Gang als er oder sonst ein Kriegsmann je gegangen wäre. Die Frage des Berliner Tageblattes war deshalb berechtigt: »Bedeutet schließlich die Ausbildung der menschlichen Individualität gar nichts mehr gegenüber den Anforderungen, die das staatliche oder kommunale Gemeinwesen an die Fähigkeiten der Menschen stellt?« Und sehr mit Recht wurde auch gesagt: »Unbeschadet des hohen Wertes jener in den öffentlichen Dienst gestellten Tugenden und Fähigkeiten darf man es getrost behaupten, daß in der einseitigen und übertriebenen Wertschätzung jener Betätigungen, die lediglich auf die Entwicklung der materiellen Kräfte in Staat und Gesellschaft abzielen, eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Entwicklung der Kultur im allgemeinen und der deutschen idealgerichteten Geistesbildung im besonderen liegt. Nur in einer harmonischen Ausgleichung der ideellen und materiellen Interessen eines Volkes liegt die sichere Gewähr für seine gedeihliche zukünftige Entwicklung.«
Wie also soll nun unsere Definition lauten?
Unter Mannhaftigkeit verstehen wir den Inbegriff all der Tugenden, die das Wesen eines echten Mannes ausmachen, als da sind: Wahrhaftigkeit, Tapferkeit, Ausdauer, Treue, Edelmut – ach nein, ich sehe, so geht es doch nicht. Was ist lächerlicher, als in dieser Weise das Herrlichste, was Gott erschaffen kann – einen wahren Mann –, auf gelbem Konzeptpapier frei konstruieren wollen? Es geht nicht, geht auch nicht auf dem von den Behörden vorgeschriebenen halbbrüchigen weißen Aktenpapier Nr. F. Es ist mit einer solchen papiernen Tugendsammlung wie mit der Abbildung des Pferdes, das mit allen Pferdekrankheiten behaftet ist: Hahnentritt, Spat, Rotz und grauem Star. So wenig ein solches Pferd je gelebt hat, so wenig gab und gibt es den Mann, der mit allen wahrhaftig männlichen Tugenden behaftet war. Auch der tugendhafte Schüler lebt nicht, der, den zahllosen ihm vorgestellten Mustern gemäß, mild und sanft wie Christus, stark und trotzig wie Bismarck, begeisterungsfähig wie Schiller, ruhig und besonnen wie Moltke ist. Man darf unserm Herrgott nicht ins Handwerk pfuschen wollen. Er läßt sich keine Vorschriften machen, das Konzept nicht korrigieren. Mannhaft waren Walther, Luther, Ulrich von Hutten, Lessing, Goethe, Schiller, Bismarck, aber auch Richard Wagner, Beethoven, Moritz von Schwind und der körperlich kleine Menzel – jeder aber mannhaft auf seine Art, keiner ein Komplex bestimmter abstrakter Tugenden.
Ludwig Richter hat uns ein entzückendes Bildchen hinterlassen mit den Versen:
»Marthens Fleiß,
Mariens Glut,
Schön wie Rahel,
Klug wie Ruth,
Mägdlein bestes Heiratsgut.«
Das glaub' ich! Daraus macht eine umsichtige Mama nicht eine, sondern vier gute Partien!
Da wird wohl Unmögliches gefordert: Wer Mariens religiöse Glut hat, dem fehlt Marthens wirtschaftlicher Sinn, wer schön wie Rahel ist, pflegt nicht klug wie Ruth zu sein. – Auch bei den Frauen finden wir selten solch wandelnde Ideale, und wenn sie erscheinen, so sind sie mehr Naturwunder als Erziehungsprodukt. Allzu ideal wünscht man sie auch gar nicht, es würde ihnen damit wohl das Beste, die Individualität, oder – um dieses wahrhaft abscheuliche Wort nicht zu gebrauchen – die schlichte Natürlichkeit und Menschlichkeit verloren gehen. Damit sage ich nichts Ungalantes. Das liegt mir ganz fern, denn ich bin durchaus eines Sinnes mit dem jungen Kommis, der behauptete, daß die Frauen jedenfalls in dieser Branche das Beste sind, was wir haben.
Doch zurück zum Mann. Ich erinnere mich einiger Verse von W. H. Riehl:
»Wer weiß, was er will,
Und will, was er kann,
Und kann, was er soll,
Der ist ein ganzer Mann.«
Das mag man gelten lassen.