Im Kolonialamte ist es schon zum Bruch gekommen. Andere Ämter werden folgen. Wo nicht Mannhaftigkeit das Regiment führt, wo nur Beamtengehorsam und dienstliche Gesinnungslosigkeit herrschen und der am besten gedeiht, der am besten zu schweigen, sich zu beugen, anzupassen und Gesinnungen zu heucheln versteht, da »kann die Wohlfahrt nicht gedeihen«.
Unser Kaiser, ehrlich bemüht und tätig um Deutschlands Macht und Zukunft, hat richtig erkannt, daß wir vor allem Männer, Charaktere brauchen. Wir handeln monarchisch und nach dem alten Grundsatze: »Mit Gott für König und Vaterland«, wenn wir ihm sagen, daß nicht sowohl auf dem Salzwasser als in Berlin, bei den hohen und höchsten Behörden der Anfang gemacht werden müßte. Tüchtige Ruderer und Radfahrer, Sportmänner jeder Art, Boxer, Schwimmer, Reiter, verwegene Wagenfahrer hatte man in dem byzantinischen Kaiserreich auch zu einer Zeit, als alle wahrhaft männlichen Tugenden im Volke schon erstorben waren. Tollkühne Seefahrer finden wir unter den chinesischen Piraten, unter griechischen Hammeldieben, unter verbrecherischem Hafengesindel von Neapel und Konstantinopel. Vertrautheit mit dem Meere, zumal von Jugend an gepflegt, sichert uns wahren Manneswert noch nicht. Es ist nur eine seiner Äußerungen und lange nicht die wichtigste.
In unserem Beamtenstaate wird über die tiefsten ethischen Fragen auf dem Verwaltungswege entschieden. Im Reformationszeitalter hat man doch allen Ernstes um jeden Satz des »Glaubens« gestritten und gerungen. Da ging es wirklich um die Sache. Wenn Luther mit Zwingli um das Wörtchen ἔστι heiß debattierte, da lauschte ihnen in ihrer Gewissensnot mit tiefer Spannung und Erregung die Christenheit und spaltete sich in die zwei Lager der Lutherischen und der Reformierten. Von all dem ist ja gar nicht mehr die Rede.
Was würde geschehen, wenn heute durch Ministerialerlaß den Lehrern »bekannt gegeben« würde, daß der Glaube an den heiligen Geist nicht mehr zu halten und den Lehrern deshalb verboten wäre, diesen Teil des christlichen Glaubens den Schülern weiter vorzutragen? Würden die Lehrer eine große Kundgebung veranstalten? Würden viele den Dienst aufgeben und lieber mit ihrer Familie darben, als ein solches Opfer ihres Glaubens bringen? Die Religions- und Schulfrage ist keine Gewissensfrage mehr, sondern eine Machtfrage und Verwaltungssache, wird deshalb von Juristen besorgt, die noch nie in ihrem Leben eine Religionsstunde erteilt haben und von denen so mancher wohl schlecht bestehen würde, wenn man ihn in Religion für Untertertia prüfen wollte. Man muß solche Herrn, wie ich das Glück hatte, als flotte Korpsstudenten gekannt und ihre damaligen Glaubensbekenntnisse noch im Gedächtnis haben, um zu wissen, was es mit der Forderung auf sich hat, daß »dem Volke die Religion erhalten bleiben müsse«. Soll und muß das geschehen um des Seelenheils willen der Mühseligen und Beladenen? Ach nein, – aus Staatsräson, damit sie gehorsame Untertanen werden und keine Sozialdemokraten wählen. Wer fragt nach der Überzeugung dieser Menschen? Wen kümmert es, ob sie aus schlauer Berechnung irgendeines materiellen Vorteils wegen oder aus ehrlicher Gewissensnot ihre Stimme für oder gegen den von der Regierung empfohlenen Kandidaten abgeben?
Warum wir also so wenige Männer haben? Weil bei uns Überzeugungen und Ideale verstaatlicht sind und weil die Leute am besten vorwärts kommen, die sich ihren Glauben und ihre politische Gesinnung von der Regierung beziehen. Deshalb haben wir so viele Streber im Lande, einen Menschentypus, den das glückliche England auch nach Carl Peters Zeugnis nicht einmal dem Namen nach kennt. Es ist wohl zu allen Zeiten geheuchelt worden, aber so tief ist man wohl selten in charakterloses Scheinwesen versunken, wie jetzt in unseren herrschenden Kreisen. Von deren sog. Idealen ist auch so gut wie nichts mehr echt und stichhaltig.
Ohne eine tiefgreifende Reform unseres ganzen Staatswesens ist nicht zu helfen. Schon ist unendlich viel versäumt. Nur ein Herkules kann die Arbeit leisten, die vonnöten wäre; nur ein ganzer Mann! Mit Maßnahmen, Verfügungen, sanften Verschiebungen und dem ganzen nun schon zum Spott gewordenen kleinlichen Bureaubetrieb ist nichts mehr auszurichten, am wenigsten aber mit Vertuscheln und mit dem Maulverstopfen unangenehmer Schreier und:
»Wasser tut's freilich nicht!«