Die Wohlanständigkeit unserer Parlamentarier rechnet man ihnen in den Kreisen nicht zum Verdienste an, in denen man, der schön gedrechselten Reden müde endlich Taten sehen möchte. Auf Bismarcks Zunge wohnen Blitz und Donner, auch Eugen Richter traf noch kraftvolle Töne; jetzt ist es fast allein der alte Bebel, der das Blut der Hörer noch in schnelleres Tempo bringt.
Die Sprache der Parlamentarier, rein formell betrachtet, ist jetzt »matt wie Limonade«. Wir möchten wieder einmal andere Wendungen und besseren Stil hören, als: »Ich stehe den trefflichen Bemerkungen des sehr verehrten Herrn Vorredners sehr sympathisch gegenüber, möchte mir nur hinsichtlich des ersten von ihm berührten Punktes eine kleine Abweichung gestatten und sodann eine neue Frage anschneiden, eine Materie, die, wie mir scheint, der Beachtung dieses hohen Hauses wohl wert sein möchte.« – Himbeersauce mit Schlagsahne, aber gefälschte natürlich. Wir brauchten, da bei uns jetzt alle Lebensmittel gefälscht werden, alle – körperliche und geistige –, auch ein Reichsgesundheitsamt für geistige Nährmittel, brauchten das um so viel notwendiger als das für körperliche Ernährung, weil der Geist höher steht als der Leib.
Le stil c'est l'homme. Ist das wahr, dann haben wir in Deutschland wenig Menschen – Männer. Vor allem haben wir dann in unseren »maßgebenden« Kreisen sehr wenige geschulte Köpfe, die schlicht denken und ein kerniges, gesundes, ich möchte sagen: hausbackenes Deutsch sprechen.
Maximilian Harden hat sich wiederholt das Vergnügen gemacht, Stilproben unserer staatlichen Volksführer mit der roten Tinte zu bearbeiten. Wir haben aus dem Munde von Ministern und Staatssekretären reine Tertianerleistungen geliefert bekommen. Das Deutsch unserer Behörden ist ja schon immer ungenießbar gewesen. Sollten es spätere Geschlechter einmal ausgraben, so werden sie daran erkennen, daß wir Barbaren waren. Nicht nur häßlich und schlecht, sondern vor allem matt ist die Sprache unserer Behörden, ohne Kern, ohne Mark, ohne Schärfe, ohne Überzeugungskraft. An Stelle der Kraft findet man aber ein vollgemessenes Maß von Grobheit: »Sie haben sich – Sie wollen – widrigenfalls Sie sich … zu gewärtigen haben.« Dafür ist manche teils ergötzliche, teils empörende Probe in der »Zukunft«, im »Blaubuch«, im »Türmer«, im »Volkserzieher« abgedruckt zu finden, den deutschen Blättern, die nach meiner Kenntnis am eifrigsten an der Aufrüttelung des deutschen Mannesstolzes arbeiten.
Es wäre zu wünschen, daß sich unsere Volksvertreter in den Parlamenten weniger um die fade parlamentarische Höflichkeit kümmern wollten! Das deutsche Volk schickt sie nicht nach Berlin, damit sie dort unter sich und mit den Vertretern der Regierungen Höflichkeiten austauschen sollen. Vor allem mögen sie darauf halten, daß sie als Männer und als Vertreter des deutschen Volkes mindestens die Behandlung von Seiten der Regierung erfahren, auf die Griechen, Serben, Rumänen, Magyaren und andere Völker zweiter und dritter Größe für ihre Volksvertreter Anspruch machen.
Jeder Abgeordnete steht da kraft der »Majestät des deutschen Volkes«. Was er an Mißachtung einsteckt, das verwundet nicht ihn allein, sondern auch uns, die wir ihn zu unserem Mundstück erwählt haben.
Ob er ein fehlerfreies Deutsch spricht oder nicht, ob er mir und mich, Sie und Ihnen richtig anwendet oder nicht, das ist ganz gleichgültig. Wir wollen nicht vergessen, daß wohl 90% der Deutschen die Schriftsprache, die eine Kunstsprache ist, nicht sprechen, daß man also kein Recht hat, bei jedem diese Sprache vorauszusetzen. Onkel Bräsig spricht auch missingsch, aber sein Deutsch ist uns lieber als die Wassersuppen vieler akademisch Verbildeten.
Wenn unsere Volksvertreter aus Bescheidenheit sich zuviel bieten lassen, so büßt Deutschland das auch an äußerer Achtung ein. Ich habe mit Ausländern gesprochen, die es rein unbegreiflich fanden, daß sich die Deutschen von ihrer Regierung wie Schulbuben behandeln lassen. Der mühsam errungene Ruhm einer Weltmachtstellung geht leicht wieder in die Brüche und alte bösen Urteile oder Vorurteile werden wieder lebendig. Luther sagte in seinen Tischreden: »Es ist keine Nation verachteter, denn die Deutschen. Italiener heißen uns Bestien; Frankreich und England spotten unser, und alle anderen Länder. Wer weiß, was Gott will und wird aus den Deutschen machen; wiewohl wir ein gute Staupe vor Gott wohl verdienet haben.«
Mit den großen Herren muß man deutlich sprechen. Auch dafür ein gut Wörtlein von unserem Doktor Martinus.
Der junge Markgraf Joachim der Andere hat Anno 1532, als er zu Wittenberg gewesen, Doktor Martinum Luther gefragt: »Warum er doch so heftig und so hart wider die großen Herren schriebe?« Darauf hat Doktor Martinus geantwortet: »Gnädiger Herr, wenn Gott das Erdreich will fruchtbar machen, so muß er zuvor lassen vorhergehen einen guten Platzregen mit einem Donner und danach fein mächtig regnen lassen; also fruchtet er das Erdreich durch und durch. Item«, sprach er, »ein weidenes Rütlein kann ich mit einem Messer zerschneiden, aber zu einer harten Eiche muß man eine scharfe Axt und Barten oder Keile haben, man kann sie dennoch kaum spalten; wie denn eine große Eiche von einem Haun nicht fällt.«