Wenn man das matte, fade, feige Gerede der Leute liest, die heute bei uns das große Wort haben, dann ist eine Flucht zu den alten derben Deutschen, zumal aber zu Luther, ein wahres Labsal. Man nennt ihn mit dem Stolze des »Gebildeten« grob und unfein – ja, das war er, aber herzerquickend gesund, echt, wahr und deutlich. Selbst in der Kirche wetterte er gegen die unruhigen Hörer los: »Wollt ihr ja brüllen, brummen, grunzen und murren, so gehet hinaus unter die Kühe und Schweine, die werden euch wohl antworten, aber lasset die Kirche unbehindert!«
Pfui, wie ordinär!
»Einfältig zu predigen«, sagt er ein andermal, »ist eine große Kunst. Christus tut's selber; er redet allein vom Ackerwerk, vom Senfkorn usw. und brauchet eitel grobe, bäuerische Gleichnisse.«
Wir müssen alles daran setzen, den mehr und mehr schwindenden schlichten Bürgerstolz wieder zu heben. Wer einmal holsteinische oder Mecklenburger Höfe besucht hat, der kennt das altgermanische sichere Selbstbewußtsein der Bauern, deren jeder wie ein Fürst auf seinem Reiche steht. Ein Gleiches besaß ehedem der deutsche Bürger.
Der Bürgerstolz aber ist uns mit dem Bürgerstande selbst entwichen. Wir haben in den Städten nur noch Einwohner, Seelen, keine Bürger mehr. Deshalb ist die sog. Mittelstandsbewegung nützlich, ja notwendig.
Es gilt immer wieder den Behörden, den Verwaltenden gegenüber den Wert der produktiven Arbeiter jeden Berufes stark zu betonen.
Maler, Bildhauer, Gelehrte, Schulmeister, Arbeiter haben nicht den geringsten Anlaß, sich vor irgendeinem Fürsten oder Beamten zu demütigen. Sie sind es, die Werke schaffen, jene verwerten bloß das Geschaffene. Wollen wir auch hierzu wieder Luthers Urteil hören?
»Bürgermeister, Fürsten, Edelleute können wir entraten; Schulen können wir nicht entraten, denn die müssen die Welt regieren. Man siehet heut, daß kein Potentat und Herr ist, er muß sich von einem Juristen und Theologen regieren lassen. Sie können selbst nichts und schämen sich zu lernen, darum muß es aus den Schulen herfließen.«
Will man die Werte der Leistungen richtig einschätzen, so frage man in der Geschichte an.
Holbein, Dürer, Hans Sachs sind heute noch Machtfaktoren und herrschen mit ihrem Geiste auf dem weiten Erdenrunde. Wer aber kann uns einen der vielen Hunderte von kaiserlichen Hofräten und sonstigen Beamten nennen, die damals mit Standesstolz auf die Farbenschmierer und den verseschmiedenden Schuster herabsahen?