Mein Vater hatte dem lange mit verhaltenem Ärger zugesehen. Endlich aber platzte ihm die Galle und er warf der Tugendpredigerin die Worte ins Gesicht: »Nun aber hat es sein Ende! Hören Sie, was ich Ihnen sagen muß: Das Fürchterlichste, was mir passieren könnte, wäre, daß meine Tochter Ihnen ähnlich würde!« Das half.
Nach diesen Vorbemerkungen wage ich es, sogar vor unsere selbstbewußtesten Väter, Mütter, Tanten, Lehrer, männliche und weibliche Gouvernanten mit unseren modernen Erziehungsketzereien frohgemut hinzutreten.
Ich merke, ich muß eine Vorstellung dieser allgemeinen pädagogischen Anschauungen und Bestrebungen hier erst einschieben, ehe ich von dem Teile, der Erziehung zur Mannhaftigkeit, sprechen kann. Sonst würde ich ganz unverstanden bleiben. Wir müssen also unseren Bau von dem Grunde an neu aufführen.
Die Erziehung ist eben wieder Problem geworden. »Leider!« sagen die Hüter des angeblich bewährten Alten; »gottlob!« sagen wir Zukunftsfrohen.
Unsere Väter wußten, wie man Kinder zu erziehen habe; und wenn sie es selbst nicht genau wußten, so wußte es jedenfalls ganz genau der Herr Gymnasialdirektor oder Volksschulrektor ihres Heimatstädtchens, die staatlich anerkannten Hüter ererbter Erziehungsweisheit und Lehrpraxis.
»Erziehung zu edler Humanität,« sagte der eine, »und zwar auf dem festen Boden altklassischer, christlich-nationaler Bildung«. ›Drei sei einer in ihm, der Hellene, der Christ und der Deutsche!‹ – Nichts einfacher als das! Sehen Sie mich an!«
»Erziehung nach den Geboten der Heilslehre,« sagte der andere als gehorsamer Diener seiner Kirche; denn unsere Volksschullehrer waren im Nebenamte und auch in der Gesinnung zumeist Küster und hatte, wie auch viele Gesalbte des Herrn, neben dem schwarzgebundenen und mit goldenem Marterkreuze gezierten Gotteswort in der Regel eine schwanke Haselgerte liegen. In Ausübung der christlichen Nächstenliebe hielten sie sich lieber an das Alte als an das Neue Testament, lieber an Jesus Sirach als an Jesus selbst. Jener empfahl, die bösen Buben überzubiegen und durchzubläuen, Jesus in seiner unendlichen Güte und Menschlichkeit legte bekanntlich den Kindern – guten wie bösen – segnend die Hände aufs Haupt. Man muss halt die Bibel zu lesen und deuten verstehen. Jeder findet darin, was er sucht.
Wer vor diesen Autoritäten nicht bestand, der war für Deutschland so gut wie verloren. Wenn das alte Latein und der kleine Katechismus plus Haselrute nicht weiterhalfen, dann mußte das junge, damals noch so ferne Amerika helfen.
Viele der vermeintlichen Tunichtgute, die dorthin abgeschoben wurden, haben großen Anteil an der erstaunlichen Kulturarbeit, die »drüben« während eines kurzen Jahrhunderts geleistet worden ist.
Erster Fundamentalsatz war: Der Junge muß seine Pflicht tun. Was seine Pflicht sei, das bestimmte ihm der gedruckte Lehrplan und seine Lehrer. Wir Modernen fordern, daß die Pflicht den Kindern nicht mechanisch aufgezwungen, sondern ihren persönlichen Anlagen, Fähigkeiten, Neigungen und Kräften angepaßt werde. Wir bekämpfen eine Erziehung, die ihrer kindlichen Natur nicht gemäß ist und ihnen die Arbeit verleidet.