XIII.
Moderne Pädagogik.

»Die Hauptsache ist, daß man eine
Seele habe, die das Wahre liebt und
die es aufnimmt, wo sie es findet.«

Goethe.

Die Menschen sind gewohnt, alles, was sie durch ihr Leben hin getrieben, gedacht und erstrebt haben, als das Natürliche und Notwendige zu betrachten. Jede Abweichung davon erscheint ihnen als sündhaft. Chinesen wollen von ihrem Zopf nicht lassen, Haremfrauen nichts von der Emanzipation des Weibes, nichts von Frauenrechten hören, der Buschmann lehnt das Gewehr ab und bleibt bei Pfeil und Bogen, und unsere guten alten Tanten lassen es sich nicht nehmen, daß der Mensch so erzogen werden müsse, wie sie vor 50 bis 60 Jahren von ihren seligen Eltern erzogen wurden. Sie zweifeln keinen Augenblick daran, daß das die einzig richtige, die Normalerziehung war. Wir, die wir die Früchte dieser Erziehung vor Augen haben, gestatten uns im stillen manchmal einen höchst respektlosen Zweifel.

Nicht jeder freilich ist so ergrimmt über alte Unnatur und Hohlheit der üblichen ererbten Hauserziehung, wie es mein Vater war. Man höre! Eine unberufene Erziehungskünstlerin war ihm in seine häuslichen Herren- und Vaterrechte vorlaut eingebrochen, um seiner Tochter, die sie zu »studentenhaft« fand – sie war nämlich frisch, lustig, derb und unangekränkelt –, in das einzuführen, was der Altenburger Bauer die Kondefitche nennt (conduite). Täglich und stündlich gab es da Ermahnungen: »Ein junges Mädchen darf so laut nicht lachen, darf das nicht sagen, darf soviel nicht essen, darf nicht pfeifen, nicht laufen, nicht über Zäune und auf die Bäume klettern, nicht müßig dasitzen. Es muß französisch fließend sprechen lernen, muß ein Tagebuch führen, muß, muß, muß –« ja, was mußte so ein armes Ding nicht alles?

»Denn sieh, meine Liebe, ich habe schon mit zwölf Jahren …, ich habe als erste Schülerin meiner Klasse …, ich habe –« ja, was hatte die gute Tante nicht alles geleistet! Höchst wunderbar, höchst staunenswert! Freilich, das Wichtigste hatte sie leider versäumt, nämlich zu heiraten und Kinder zu gebären, auf die sie den Schatz ihrer Tugenden hätte vererben müssen.

Der Schluß solcher Belehrungen und Vermahnungen war gewöhnlich ein großer Spektakel, Tränenerguß und Verstimmung des ganzen Hauses.