Nun frage man noch, weshalb wir so viele Knechtseligkeit, Lakaiengesinnung, Feigheit und Charakterlosigkeit in Deutschland haben!
Die Frommen und Korrekten sind es, die uns die besten Männer rauben. Der Freigeist Friedrich der Große pflegte nach feilen Kriechern und Speichelleckern, die sich vor seinen Augen entwürdigten, den Krückstock zu werfen. Er sprach die Worte, die man an das noch immer aufschriftlose Reichstagsgebäude anbringen sollte: »Ich will absolument, daß so regieret werde, daß die Leute ins Land kommen und nicht hinauslaufen.« Oder noch zeitgemäßer wäre vielleicht sein zweites Wort von ihm: »Ich finde es unverzeihlich, wenn man in die Gewissen und Bedenken der anderen hineinregieren will.«[14]
Wenn sich selbst ein Fröbel wegen unchristlichen Treibens in Preußen nicht halten konnte, dann war darin nur noch für Mucker und Heuchler Platz.
Sollten jetzt wieder die »Positiven« das Heft in die Hand bekommen, dann dürfte sich positiv mancher überlegen, ob er nicht lieber den Staub von seinen preußischen Pantoffeln schütteln soll, um sich ein besseres – das heißt ein freieres – Land zu suchen, wo er als ehrlicher Mann mit seinem eigenen Glauben unangefochten und ungeschmäht leben und wirken darf.
So denken heute, wie die Zeitungen verraten, viele deutsche Männer, die sich bedroht sehen durch den uns in Aussicht gestellten Zusammenschluß der Konfessionen »zum Kampfe gegen den Unglauben«. Man sollte meinen, es handelte sich um einen Kreuzzug gegen die Mamelucken! Es wäre nicht das erstemal, daß Deutschland einen Aderlaß erführe, bei dem wie in der Regel gerade das gesundeste Blut abgeht. In den Kampf für ethische Güter treten natürlich nur die tieferen Naturen ein.
Der stumpfen Masse derer, die, um mit Sallust zu sprechen, ventri et peni ergeben sind, ist es gleichgültig, wer ihnen ihr faules und gedankenloses Leben sichert. Als sich im republikanischen Rom die führenden Männer im hundertjährigen Bürgerkriege gegenseitig erschlagen hatten, konnte, wie Tacitus berichtet, ein Kaiser leicht das erschöpfte und um seine Führer beraubte Volk wie eine scheue Sklavenherde beherrschen: die Catonaturen waren eben sämtlich vernichtet. Eine solche Auslese der Stärksten und Besten, öfters im Laufe der Jahrhundert wiederholt, bringt ein Volk schließlich herunter. Wenn man die Sahne abschöpft, bleibt keine nahrhafte Milch zurück. Nimmt man hinzu, wie viele tapfere und starke Männer in den endlosen Kriegen Deutschlands gefallen sind, so erklärt es sich nach dem Darwinschen Gesetz von der Auslese der Besten, wenn die Qualität des Volkes schließlich heruntergeht.
Wir können tatsächlich nicht einen Mann entbehren: Jeder aufrechte Bürger ist uns lieb und kostbar.
Mit dem armseligen Bündel auf dem Rücken entwichen Germanias verschmähte und verfolgte Kinder in die Fremde; ihre Enkel kehren als recht protzige Milliardäre zu einem Besuche unseres Kaisers zurück. Man achte keinen Menschen gering; es könnte sich strafen. Louis XIV. wies spottend den »kleinen Abbé« ab, der sich dann in österreichischen Diensten als der gewaltige Kriegsheld Prinz Eugen entpuppte. Graf von Moltke wäre uns beinahe als junger Offizier an Dänemark verloren gegangen.
Und wieviel gute Kraft und guter Wille wurde in Deutschland zwar zurückgehalten, aber lahmgelegt! Umgekehrt: wieviel guten Zuwachs verdankt unser Volk, zumal Preußen, der früher geübten religiösen Duldung! Sollte es sich nicht empfehlen, zu dieser Regierungspraxis zurückzukehren? Unsere Schüler lernen aus ihren Geschichtsbüchern, daß religiöse Duldung alte Tradition der preußischen Königspolitik sei. Soll das in Zukunft anders werden?
Es ist Sache unserer Parlamentarier, das freie Manneswort des deutschen Bürgers wieder zu Ehren zu bringen!