Ich kenne selbst persönlich auch solche Examensfreunde. Es sind meist rein rezeptive Naturen. Der Lehrer sagt es ihnen vor, sie behalten es in einem feinen Herzen und geben es dann nach Befehl wieder reinlich zurück – (eine eigene Passion, ein krankhafter Sport, eine Art geistigen Hürdenreitens!) –. Ich kannte einen, der ließ sich zum Vergnügen immer wieder prüfen, machte seinen Doktor in allen möglichen Fakultäten, bestand alle Prüfungen glänzend, war aber dabei ein Durchschnittsmensch, von dem die Welt keinen weiteren Nutzen gehabt hat. Er ist jetzt tot. Auf seinem Grabstein müßte zu lesen sein: »Er bestand alle Examina mit I! R. i. p!« – Ich wiederhole, was Theodor Fontane sagt (man findet jetzt dessen kostbare Lebensweisheit wie in Gold gefaßt in dem »Fontanebrevier« von Olga und Heinrich Spiero Berlin, F. Fontane & Co. 1905, ein köstliches Büchlein!). Fontane also sagt: »Alles, was mit Grammatik und Examen zusammenhängt, ist nie das Höhere. Waren die Patriarchen examiniert, oder Moses, oder Christus? Die Pharisäer waren examiniert. Und da sehen Sie, was dabei herauskommt.« Das Höhere wollen aber doch wohl »höhere« Schulen leisten?
Auch Arthur Schulz (der Herausgeber der »Blätter für deutsche Erziehung« 1906, Heft 7) führt unseren Freund, der sich um Deutschlands Zukunft willen für Beibehaltung des Abiturientenexamens so sehr erwärmt, kräftig und überzeugend ab. Er verweist auf ein Wort Bismarcks, das wohl schwerer wiegt, als das jenes Musterschülers mit seinem Examenstolze, der für das ganze Leben vorhält. Bismarck sagt: »Wir gehen an unsern Examinibus zugrunde! Die meisten, welche sie bestehen, sind so abgewirtschaftet, daß sie zu eigner Initiative unfähig sind, sich bei allem, was an sie herankommt, möglichst ablehnend verhalten und, was das Schlimmste ist, eine große Meinung von ihrer Fähigkeit haben, weil sie siegend aus allen diesen Examina hervorgegangen sind.«
Weiter sagt Schulz über die »Waschlappenerziehung«, die wir nach der Meinung der Gegner erstreben: »Es ist das ein Kniff dieser Herren, stets zu behaupten, wir würden die Jugend nicht zum ernsten Arbeiten erziehen. Wer sich aber nur einigermaßen mit unseren Bestrebungen vertraut gemacht hat, der weiß sehr wohl, daß gerade wir alle Kräfte der Jugend auslösen wollen. Unsere Gegner können oder wollen nicht begreifen, daß außerordentlich viele Anforderungen, die man an die Schüler stellt, von diesen nur deshalb nicht erfüllt werden können, weil man mit den Anforderungen zur unrechten Zeit kommt. Und wenn wir behaupten, daß viele Arbeiten, zur rechten Zeit gefordert, spielend bewältigt werden würden, so sagen sie uns nach, wir wollten gleichsam zum Spielen anleiten. Im Gegenteil!
Wir wünschen, daß möglichst alle Kräfte, die in unsern Kindern schlummern, entwickelt und zu höchsten Anstrengungen gesteigert werden, zu ganz anderen Anstrengungen, als man sich heute träumen läßt. Denn wir wissen, daß jeder, der eine seiner Entwicklung und seinen Kräften angemessene Arbeit unternimmt, diese mit Lust und Liebe, mit Zähigkeit, Geduld und Ausdauer und daher auch mit Erfolg leistet.«
Diese Abwehr schließt mit einer Betrachtung, die den Anbetern des bisher in unsern höheren Schulen herrschenden Erziehungssystems eine bittere Pille sein wird. Nach dem Grundsatz »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen« sieht er sich die ehemaligen Gymnasiasten aus dem Pflichtgebiete der Ära von Allenstein, Joh. Schulze usw. etwas näher an und sagt: »Wenn man schon von Waschlappenerziehung reden will, so hätten wir allen Grund, dieses Wort auf den gegenwärtigen Unterrichtsbetrieb zu beziehen. Denn wenn wir uns die vornehmsten Früchte, die Gymnasiallehrer selber, und ihr Verhalten zu einer der wichtigsten Fragen, nämlich der Religionsfrage, ansehen, welches Urteil sollen wir da fällen? – – Merkt man etwa, daß der Gymnasiallehrerstand in seiner Gesamtheit heute etwas tut, um unser Volk aus der herrschenden Heuchelei und Lüge zu erretten? Wo ist dieser Stand denn geblieben, als der Kampf um den Religionsunterricht tobte? Unwissend, ohnmächtig oder feige hat er diesen Kampf allein den Volksschullehrern überlassen. Auch andere ungeheuer bedeutsame Kämpfe werden heute im öffentlichen Leben ausgefochten. Wo steckt aber dabei der Gymnasiallehrerstand? Ja, ja: ›Waschlappenerziehung‹!«
Wir brauchen so bitter nicht zu werden, müssen aber doch bei unserer Behauptung verbleiben, daß man Pflichten dem Menschen mit Brutalität nicht aufzwingen darf, weil sie dann weder bekömmlich, noch beglückend und segenbringend sind. Ganz so urteilt eben Ellen Key:
»Die Pflichtmoralisten handeln noch immer nach dem Aberglauben, daß, wenn man nur seine Pflicht erfüllt, Gott schon die Kraft gibt. Der Lebensgläubige weiß, daß wir ein und dieselbe Kraftquelle für Leib und Seele haben und daß die Natur sich ebenso unbarmherzig rächt, ob wir uns nun in Pflichterfüllung oder in Pflichtvergessenheit überanstrengen. Die Natur ist gleichgültig gegen alle a priori ausspintisierte Sittlichkeit. Aber sie begünstigt die Sitten, die in Zusammenhang mit dem lebenserhaltenden und lebensteigernden Willen der Natur stehen. Und sie straft die Sitten, die diesen Willen verletzen.« – – Weiter sagt sie zutreffend:
»Alle haben von Männern gehört, die z. B. am Ladentisch und Schreibpult schlechte Pflichtschüler waren, als sie aber diesen Posten verließen, Gesellschaftswerte wurden. Und was von der Arbeit gilt, das gilt auch auf den übrigen Lebensgebieten. Der heilige Franziskus vermochte die Armut geliebt zu machen, weil er ›sie selbst wie eine Braut liebte.‹ Es gibt unerträgliche Pflichterfüller, die ihre Umgebung nach ein wenig Pflichtvergessenheit seufzen lassen, sowie man bei einem anhaltenden Regen nach Sonne seufzt. Das Leben wird für alle durch die Pflicht Unterdrückten schwühl und ängstlich.«