Soviel wissen also meine Leser jetzt schon: Mein Rezept für eine Erziehung zur Mannhaftigkeit wird nicht eben darin bestehen, daß ich eine harte Schulzucht empfehle und die Eltern bitte, nur auch recht streng darauf zu halten, daß die Kinder ihre Schulaufgaben fleißig machen. Leider beschränkt sich schon vieler Eltern erziehliche Tätigkeit allein darauf, die tyrannische Schule noch zu übertyrannisieren. Vom »Büffeln« wird aber unsere Jugend nicht mannhafter. Die Mannhaftigkeit hat ihren Sitz im Herzen der Menschen, nicht in ihrem Steiße.

Auf die grünen Spielplätze, nicht auf die Hörsäle hinweisend sagte Wellington: »Hier werden unsere Siege erfochten« (oder so ähnlich); kein Grieche und Römer hätte eine tägliche zehnstündige Sitzarbeit für das rechte Mittel erklärt, die Jugend zu tüchtigen Männern heranzubilden. Unsere Ärzte verurteilen von Grund aus die nervenzerrüttenden Stubenhockerei, eine der Hauptursachen überreizter und irregeleiteter Sinnlichkeit. Sogar klüger werden die Kinder nicht innerhalb der vier Wände, als wenn sie im Freien sich umsähen. Schon der heilige Bernardus (»Von Zeit zu Zeit hör ich die Alten gern!«) sagte zu denen, die in seinen Orden traten: »Glaubet mir, ich rede aus eigener Erfahrung, ihr werdet in den Wäldern finden, was ihr vergebens in den Büchern gesucht hättet. Die Bäume und Felsen werden euch lehren, was ihr von den geschicktesten Meistern nicht hättet lernen können.«

Mein Ruf wird auch hier sein ähnlich wie der der tapferen Bertha Suttner: »Abrüsten! Den Bakel nieder!«

Zweiter Fundamentsatz alter Erziehung: »Der junge Mensch muß gehorchen lernen!« Gut. Aber wem gehorchen? Den Gesetzen? – Natürlich! Den Behörden? Auch das. Freilich lehrte schon der weise Sokrates seine Jünger, daß es auch veraltete, törichte Gesetze und sehr ungerechte, kurzsichtige Behörden gebe. Es wird also nichts schaden, den jungen Leuten gelegentlich auch mal zu sagen, daß Gesetze und Behörden Menschenwerk sind und daß sie selbst einmal berufen sein werden, beide auf ihren Wert zu prüfen und sie nötigenfalls abändern zu helfen.

»Gehorchen muß vor allen Dingen das Kind den Eltern und Erziehern.« Das werden auch wir heute der Jugend mit aller Eindringlichkeit zur Überzeugung bringen. Vorher wollen wir aber besser dafür sorgen, daß Eltern und Erzieher nicht Unbilliges von den Kindern fordern. Dann wird der Zwang von selbst fortfallen und freiwilliger Gehorsam sich einstellen. Denn das Verhältnis der Kinder zu ihren Erziehern soll auf Liebe und Verehrung, auf gegenseitigem Verständnis aufgebaut sein.

Weil die menschliche Natur unerschöpflich reich ist und keinem Kinde endgültig anzusehen, wohin diese seine Natur es führen will, deshalb fordern wir größte Zurückhaltung. Schumann, der feinsinnige Meister der Töne, sagt: »In jedem Kinde liegt eine wunderbare Tiefe.«

Der Versuch, tausendfach gemacht, die Natur nur nach dem Willen des Erziehers zu richten und zu beugen, hat bestenfalls rein äußerlichen Erfolg. Dank erntet der Erzieher selten dafür, je größer seine Anstrengung war, um so weniger. Denn nichts empfindet der Mensch tiefer und schmerzlicher, als einen Eingriff in seine innerste Bestimmung. Die schneidigen Erzieher in Schule und Haus, die Pauker und Krafthuber, gelten uns heute als die schlechtesten.

Es ist höchst lehrreich zu beobachten, wie jetzt auf allen Gebieten der Erziehung, sogar im deutschen Heere, humanere Anschauungen zum Durchbruch kommen – gewiß nicht zum Schaden der Sache, der man dienen will: General Freiherr von der Goltz berichtet in seinem Werke »Von Roßbach bis Jena und Auerstedt«, daß die preußische Truppenausbildung vor Jena allgemein als die beste in Europa galt, daß auch die Manöver, die nach der Katastrophe einstimmig als Spielerei verurteilt wurden, noch kurz vorher weltberühmt waren und allenthalben von den Militärs, auch von den ausländischen, bewundert wurden. An Pflichterfüllung und Gehorsam gebrach es diesen Truppen wahrlich nicht. Was sie innerlich vernichtet hatte, war das Übermaß des Dienstes, oder, um unseren Gewährsmann selbst sprechen zu lassen: »die Strenge in Äußerlichkeiten, den Stampfschritt, das Drillen bis zum Mondschein, die klappernden Gewehrgriffe und die unendlichen Wiederholungen bei den Exerzitien, die man so lange trieb, bis alle Frische fort und der Stumpfsinn erzeugt war«. »Mit solchen äußerlichen Mitteln«, schließt von der Goltz ein Kapitel, das auch für die Lehrer bedeutungsvoll ist, wofern sie verstehen, diese eindringlichen Lehren auf ihr Machtgebiet zu übertragen, »mit äußerlichen Mitteln wird man niemals moralisch erhebend wirken und eine Armee auf der Höhe der Leistungsfähigkeit erhalten. Für ›gute Disziplin‹ wurde das Aufgeben aller Selbständigkeit, die absolute Unterordnung des eigenen Willens unter den Wunsch der Höhergestellten, der Meinung unter die herrschende Strömung gehalten. Die außerordentliche Bevorzugung einzelner bei dem schlechten Avancement der Masse beförderte zugleich ein Strebertum, das verderblich wirkte.« Das also sagt einer unserer ersten Militärschriftsteller und Truppenführer und kennzeichnet damit zugleich den neuen, freieren Geist, der jetzt, gottlob, unser Heerwesen zu durchdringen beginnt.

Wieviel mehr werden auch wir den Schulkindern gegenüber Geduld und Nachsicht üben müssen!