Wenn man selbst in den preußischen Kaserne gegen das öde Griffekloppen und die stumme absolute Unterordnung des eigenen Willens eifern darf, mit welchem Recht sollten denn Schulen bei einer liebevollen Pflege des Kasernentones verharren?
Was ist es aber anderes, als ein geistiges Griffekloppen, wenn man die Kinder im alten Schuldrill alle über einen Leisten schlägt und auf ihre Schädel mit allem möglichen oder unmöglichen Formelkram und Wissensballast einstürmt? Weg mit dem Gebrest!
Niemand wolle sich aber über unsere Erziehungsgrundsätze allzu sehr verwundern. Denn in früheren Zeiten hat man in Deutschland vielfach so erzogen und unterrichtet, ehe nämlich noch unsere Schulen Staatsmonopol waren. Damals, etwa um die Zeit der großen Pädagogen Ratke und Comenius, Anfang des 18. Jahrhunderts, lag der höhere Unterricht fast nur in den Händen von jungen Hauslehrern, woher wohl der sanftere, geduldigere Ton zu erklären ist. Auch Ratke stellte schon den Grundsatz auf: »Alles ohne Abneigung und Zwang!«
Wir Modernen walten des Erzieheramtes in seinem Geiste, im Geiste eines Comenius, Rousseau, Fröbel, eines Pestalozzi als Menschengärtner, also mit pflegender, milder, schonender Hand.
Auch wir sind auf unsere Weise fromm und gläubig. Gläubig nämlich an die Gutheit der menschlichen Natur, wie vor mehr als 1500 Jahren der gute alte Pelagius, ein britischer Mönch, der von der Erbsünde auch schon nichts wissen wollte und die Lehre vertrat, daß der Mensch, in demselben sündlosen Zustand wie Adam geboren, sündlos bleiben oder doch werden könne. Darin bestehe die sittliche Aufgabe des Menschen, der sich nach Christi Vorbild aus eigener Kraft seine Seligkeit erringen müsse. Die Kirche verwarf diese schöne Lehre. Darunter hat die christliche Menschheit anderthalb Jahrtausende zu leiden gehabt, zumal die Kinder, die, als sündhaft geboren, nun immer durch eine oft recht unsanfte Zucht erst zu Menschen gemacht werden mußten. Man denke an die Mißgriffe der mittelalterlichen klösterlichen Erziehung, die uns niemand erschütternder gezeichnet hat als Gottfried Keller in seinem Bericht über das kleine Meretlein (im »Grünen Heinrich«), das nicht beten wollte und deshalb zu Tode gehetzt wurde; denke auch an die Pietistenschulen, in denen man armen Kindern, die noch nicht in rechte »Seelengemeinschaft mit ihrem Heiland« kommen konnten, zur Pflicht machte, »im Gebet mit Gott zu ringen«, und denen man, wenn ihnen auch das nicht recht gelingen wollte, auf die »Seelen kniete«, wie man es sinnig nannte.
Welch ekelhafte Unnatur! Welch brutale Menschenschinderei aus frommem Wahne!
Wir glauben an keine Erbsünde, wohl aber an das Erbgute. Wir haben mit Goethe die Überzeugung von dem Radikalguten der menschlichen Natur und wollen nicht, wie »der Advokat des bösen Geistes« nur auf die Blößen und Schwächen sehen; denn »der Glaube an das Gute ist es, der das Gute lebendig macht; man muß das Gute tun, damit es in der Welt sei«.[18]
Wir sind ferner auch gläubig an die Prädestination, das Recht und die unbezwingbare Kraft der Persönlichkeit.
Fast jeder Tag bringt jetzt so kräftige Kundgebungen zugunsten dieser unserer Erziehungsgrundsätze, daß uns froh zumute wird und siegeszuversichtlich. Aus allen Gauen Deutschlands, ja, aus allen Enden, wo germanischer Geist lebt, dringen die Rufe der Zustimmung und stets neue Anregung, neue Belehrung auf uns ein.
Die Eltern jubeln uns zu, die junge Lehrerschaft ist zumeist schon gewonnen, mehr noch die Studenten, die sich schon von mehreren Hochschulen mit der Bitte an uns gewandt haben, ihnen Vorträge und Lehrkurse über diese Pädagogik zu halten. Besonders lebhaft setzt die Agitation im deutschen Österreich ein. Da hat die Lehrerschaft eine wahre Begeisterung ergriffen. Da fühlt man, daß wir mit diesen Erziehungsgrundsätzen ihnen zugleich ihr bedrohtes Deutschtum schützen helfen. »Schon ist auch weit mehr Frische im höheren (und niederen?) Lehrerstand vorhanden, als sie manche Jahrzehnte hindurch gefunden zu werden pflegte, mehr Gefühl für die Natur der Jugend, mehr Unbefangenheit, mehr Sinn für die berechtigte Freiheit neben der notwendigen Zucht, weniger frühe Greisenhaftigkeit, weniger grämliches Mißgönnen, weniger Beschränkung auf das Fordern und Richten, mehr Bemühen um das Verständnis der einzelnen werdenden Persönlichkeit.« So urteilt einer der ruhigsten und menschlichsten Richter, W. Münch (»Menschenart und Jugendbildung«, S. 182). Kurz, wir dürfen hoffen und singen: