»Und doch«, so wird man fragen, »hier eine Einseitigkeit, nämlich eine Abhandlung über Erziehung zur Mannhaftigkeit? Ist das nicht ein Widerspruch?«

Mit Verlaub – nein! Denn jeder Knabe soll und will ein Mann werden. Ihm dazu behilflich sein, ist nicht nur erlaubt, sondern ist Pflicht des Erziehers. Damit greift er der Natur nicht vor, pfuscht ihr nicht ins Handwerk, sondern leistet ihr nur nützliche Dienste.


XIV.
Erziehung zur Tat.

Unsere ganze Erziehung muß jetzt eine Erziehung zur Tat werden, um vorerst ein Gegengewicht zu schaffen gegen die durch Jahrhunderte gepflegte rein verstandsmäßig-abstrakte Erziehung. Das war auch Goethes Wunsch schon. Dahin drängt jetzt unser ganzes öffentliches Leben und die Erkenntnis aller neuen Pädagogen aller Länder. Kein Mensch hat in Deutschland für diese Erkenntnis früher und lebhafter gewirkt als der eminente, noch lange nicht genügend geschätzte Kinderfreund Friedrich Fröbel, der einzige deutsche Erzieher, der den Amerikanern auch heute noch Respekt einflößt und vorbildlich erscheint.

Mit Recht sagte von ihm Dr. Wichard Lange: »Ich erkenne in diesem Mann den dereinstigen Reformator der Erziehung kleiner Kinder im Elternhause sowie den Bildner des weiblichen Geschlechts, um es für seine hohe erziehliche Mission zu befähigen«, aber damit sagt er noch nicht genug. Fröbels Grundsätze, die sich mit denen Pestalozzis vielfach berühren, verdienen noch eine Erweiterung auch auf die Erziehung größerer Kinder. Er klagte, daß die herrschende Erziehung zur Körperträgheit und Denkfaulheit führe; unsägliche Menschenkraft gehe dabei verloren, unsägliche Menschenkraft bleibe dabei unentwickelt. Richtig gewählte Arbeit aber mache das Kind glücklich und artig.

Adele von Portugall, die bei Teubner in der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt« das Lebensbild Fröbels gezeichnet hat, sagt sehr richtig: »Ich glaube nicht, daß ein entsprechend beschäftigtes Kind jemals unartig ist.« Ich möchte aber auch diesen Satz verallgemeinern und sagen: Der entsprechend beschäftigte Mensch, jung oder alt, ist nicht böse und unartig.

Das ganze Geheimnis der Erziehung beruht also darin, die Saite der Seele zu finden, die auf die äußeren Anregungen am lebhaftesten anklingt. Dazu gehört nur ruhige, geduldige und feine Beobachtung. Oft ist für ein Menschenleben ein einziger Augenblick entscheidend. Ludwig Richter wurde zum Künstler, als er einen wandernden Maler bei der Arbeit sah: das Bildchen auf dem Tabakpaket seines Vaters war seine erste Vorlage. Wie ein Funke genügt, eine ganze Stadt in Brand zu setzen, so oft ein Wort, eine menschliche Seele zu entzünden. Aber man muß zu warten wissen und auf die armen Kinder nicht einen wahren Feuerregen von Pech und Schwefel herablassen.