Für Kinder ist die entsprechende Beschäftigung zunächst – das selbstgewählte Spiel, die freie, ungebundene Tätigkeit. »Spiel«, sagt Fröbel, »hat hohen Ernst und tiefe Bedeutung. Es ist die höchste Stufe der Kindesentwicklung; Spiel ist das reinste geistige Erzeugnis des Menschen, auf dieser Stufe; es gebiert darum Freude, Friede und Zufriedenheit. Die Quellen alles Guten ruhen in ihm, gehen aus von ihm. Ein Kind, das tüchtig, ausdauernd bis zur körperlichen Ermüdung spielt, wird gewiß auch ein tüchtiger, ausdauernder Fremd- und Eigenwohl mit Aufopferung fördernder Mensch – –« »Friede und Freude, Gesundheit und Lebensfülle findet da in bezug auf das Kind statt, wo die Entwicklung im Einklang mit dem Alleben steht.«
Sehr richtig, aber weshalb wieder nur auf das Kind beschränkt? Diese Wahrheit gilt ganz allgemein: denn die Arbeit des größeren Schülers und des Erwachsenen ist oder sollte auch nichts anderes sein als die Fortsetzung des Spieles. Sie wird das auch, wenn man dem Menschen freie Berufswahl und eine unbeschränkte Entwicklungsfähigkeit gibt. Sowie der Mensch eine ihm entsprechende Beschäftigung findet, ist er dabei fleißig und in jeder Hinsicht mannhaft. Er mutet sich dann selbst mehr zu, als ihm andere zutrauen und von ihm verlangen. Jede Arbeit muß der anderen gleich bewertet werden. Es ist nicht verdienstlicher griechische Grammatik zu lernen, als ein Pferd zu zeichnen. Eines paßt aber nicht für alle. Jeder suche sich sein Gebiet, jeder folge seiner Natur. Sie wird ihn besser leiten als Eltern und Lehrer. Schlechte Psychologen sagen: »Alle Jungen sind von Natur faul und müssen zu Arbeit angehalten werden.« Deshalb hat man von jeher bei der Erziehung Gewalt und Strafen angewandt. Ich las eben in den Bekenntnissen des heiligen Augustin, daß auch ihm deshalb der Stock nicht erspart blieb. Ich sage dagegen: »Alle Kinder sind von Natur fleißig« – fleißig freilich nach eigener Wahl; fleißig im Wandern, Schmetterlingfangen, Rudern, Klettern, Reiten, wenn ihr Herz sie dazu treibt, faul in all dem, wenn sie das Verlangen haben, im Robinson zu lesen oder sich einen Pfeil zu schnitzen. Zu lateinischer Grammatik hat noch kein Zehnjähriger einen eigenen Antrieb gehabt. Die Aufgabe ist eben falsch gestellt. Sprachprobleme sind Kindern gleichgültig. Deshalb verschone man sie damit, bis der Wissenstrieb sich meldet.
Unsere Schulerziehung ist deshalb falsch, weil sie diese Forderung nicht genügend befolgt. Gesundheit, Kraft, Mannhaftigkeit können nur aus einer solchen Harmonie des eigenen Lebens mit dem Alleben erwachsen.
In England und Amerika können wir lernen, wie Männer herangebildet werden: nicht sowohl durch gelehrte Vorträge, durch den Anblick der großen Vorbilder in Athen und Rom, durch Stubenfleiß, als durch Körperkultur und moralisch-sittliche Zucht, die von klein auf besonders eben durch das Spiel geübt wird. Bei uns wollte man die sittlichen Kräfte durch strenge Pflichtgebote stählen und setzte auf alle Übergriffe harte Strafen, forderte zumal ein geistiges Arbeitsmaß, das die Gedanken vor unmoralischen Abschweifungen bewahren sollte.
Realschuldirektor Franz Kemény in Budapest hat das amerikanische Erziehungswesen anlässig der Weltausstellung in St. Louis 1904 studiert. Er berichtet über seine Beobachtungen an den österreichischen Unterrichtsminister:
»Um selbst der studierenden Jugend Amerikas auch außerhalb der Schule Gelegenheit zu körperlicher Kurzweil zu bieten, werden dort unter der Leitung und Aufsicht von Schul- und Fachmännern Anstaltssportvereine und Jugendverbände organisiert. An den Hochschulen gibt es drüben ausnahmslos einen, ja selbst mehrere Sportklubs, die sich als stärkstes und sicherstes Bindeglied der Studentenschaft erweisen, der Kartenspielen und »Lumpen« fremd ist.«
Gehorsam aber und Selbstzucht lernen die Kinder dort nicht sowohl an der Arbeit als im Spiele. Auch für diese bekannte Tatsache das Zeugnis von Kemény:
»Sowohl in den Schulen als in den Vereinen wird innerhalb der Körperkultur ein großes Gewicht auf die moralischen und sittlichen Faktoren gelegt. Der aus Selbstzucht und Unterordnung quellende Gehorsam, die Pflege kameradschaftlicher Tugenden und der Wahrheitsliebe haben edle Spielweise (fair play) zur Folge (umgekehrt!).
So umsichtig im öffentlichen Leben mit der Zeit hausgehalten wird, so verschwenderisch ist man damit in der Schule, wo das Gespenst der geistigen Überbürdung unbekannt ist, da die Lehrpläne nicht mit überflüssigen Einzelheiten überladen sind und das sogenannte elective System (wahlfreies System) bereits von der Mittelstufe aufwärts neben wenigen verbindlichen Unterrichtsfächern die Wahl nach Neigung, Bedürfnis und Zeit freistellt. Der Unterricht beginnt in der Regel um ½9 oder 9 Uhr. Samstag oder Donnerstag sind ganz frei, die Ferien ausgiebig. Die freie Zeit wird fast ausschließlich den Bewegungsspielen und der körperlichen Abhärtung gewidmet.« – Hört! hört!