Dazu lese man als stark kontrastierendes Gegenstück die Darstellung des erbitterten und erfolglosen Kampfes, den deutsche Lehrer gegen geheimes Verbindungswesen der Schüler mit seinem Sauf- und Lumpwesen, seinen Heimlichkeiten, Lügnereien und Ausschweifungen führen.
Es bildet dieses Schattenbild eine Ausnahme, aber immerhin – es besteht in Wirklichkeit, daneben tritt jetzt freilich ein – von der Jugend selbst ausgehender – Heilprozeß, der sich in Wander-, Ruder-, Gesangvereinen u. a. m. äußert. Ich würde den hohen erziehlichen Wert dieser Neuschöpfungen hier eingehend behandeln müssen, wenn diese Aufgabe nicht in dem schon wiederholt genannten Buche von Direktor Nath erschöpfend erfüllt wäre. Dort möge man nachlesen!
Hier muß auch einmal mit aller Schärfe ausgesprochen werden, daß die Schule mit ihren zu hoch geschraubten Ansprüchen an die Nervenkraft der Kinder die Hauptschuld trägt oder doch bisher getragen hat an dem Leiden der Selbstbefleckung, an der nach Aussage unserer Ärzte die Mehrzahl der deutschen Kinder (manche Ärzte sagen etwa 90%) kranken.
Wir dürfen dieser Kardinalfrage nicht länger ausweichen. Sie wird von der Lehrerschaft fast durchgehend falsch beurteilt und falsch behandelt. Spricht man von einer nervösen Jugend, so sagt der orthodoxe Schulmann mit einem höhnischen Tone: »Vom Arbeiten wird der Mensch nicht nervös, Arbeit stärkt und kräftigt: die Nervosität wird wohl von etwas anderem herkommen.« Richtig! Sie kommt auch von etwas anderem her, aber dieses andere hat eben wieder seine Ursache in dem langen Sitzen auf harten Bänken, in der geistigen Erschöpfung und Überreizung infolge zu langer geistiger Arbeit. Darüber hat Dr. Liebe sein unumstößlich richtiges ärztliches Gutachten abgegeben (vgl. die Verhandlungen des zweiten allgemeinen deutschen Erziehungstages in Weimar, 1905; Arthur Schulz, Birkenwerder bei Berlin). Weiß man das wirklich noch nicht, daß es keine bessere Verleitung, fast hätte ich gesagt: Anleitung zur Selbstbefleckung gibt als Stubenhockerei und große seelische Erregung, zumal Furcht vor Strafe? Ich habe in der Nervenheilanstalt des Herrn Dr. Starcke in Berka bei Weimar mit diesem auf dem Gebiete der Nervenleiden erfahrenen Ärzte eingehend über dieses Kapitel gesprochen, das jedem Vater heranwachsender Kinder zu denken gibt. Er bestätigte Dr. Liebes Angaben vollständig und äußerte sich mit Entrüstung über den noch immer so gesundheitswidrigen, weil nervenzerrüttenden Schulbetrieb. Darin wären sich doch alle Nervenärzte einig. Es ist eine bekannte Erfahrung, daß auch Gefangene zumeist Onanisten sind und zum großen Teil eben an diesem Laster – die Ärzte sagen lieber Leiden – zugrunde gehen.
Also diese Schädigungen der Gesundheit und der sittlichen Kraft hat die Schule mit ihren übertriebenen Ansprüchen auch zu verantworten und damit eine Fülle gestörten Lebensglückes, die kaum zu ermessen und auszudenken ist. Schwer ringt ein Mensch sich wieder empor zu Gesundheit, Kraft und Mut, der lange Zeit und schon in jungen Jahren so gegen die eigene Natur gefrevelt hat. Vielfach ist auch Selbstmord die Folge solcher Jugendverirrungen und der durch eine gewissenlose Presse genährten Angst vor ihren Folgen. Lauter bekannte, höchst trübe, aber meist scheu verschwiegene Tatsachen!
Wer Männer mit hellem Blick, festem Tritt und frohem Mute erblühen sehen will, der verschließe die Gelehrtenkasernen, in der die Kinder gebückt über den Büchern sitzen und bei erhitzter schlechter Luft sich abängstigen müssen und lasse die Jugend nicht für länger als höchstens drei Stunden täglich ein. Auf dem Spielplatze, beim Ball- und Barlaufspiele, beim Wandern, Rudern und Schlittschuhlaufen wird sie Unsittliches vergessen und ihren Willen gegen jede Versuchung stählen. Die geistige Elastizität und körperliche Tüchtigkeit der Amerikaner ist vor allem einer auf wissenschaftlicher Grundlage fußenden rationellen körperlichen Erziehung zuzuschreiben, vermöge welcher die gesunden Kinder zu gesunden Eltern heranwachsen und diese ebensolche Nachkommen zeugen. Dazu bemerkt wieder Kemény:
»Da ich mich seit Jahren mit sexueller Pädagogik befasse, bin ich gelegentlich mit einschlägigen Fragen an dortige Schulmänner herangetreten. Die Sache erschien ihnen neu und fast unbegreiflich; ein Beweis, daß sich ihre Jugend der unsrigen gegenüber in einem glücklicheren und gesünderen Zustand befindet.«
Ich meine, dieser eine Satz, wofern er allgemeingültig ist, beweist die Überlegenheit des amerikanischen Erziehungswesens vor dem unsrigen. Was nützt wohl dem Knaben das Erlernen aller Regeln der lateinischen, griechischen, französischen Grammatik, wenn zugleich sein Körper und seine sittliche Kraft hinschwinden?
Das gleiche gilt natürlich von den Mädchen. Darüber, wenn auch nur andeutend, zu sprechen, liegt auch in meiner Aufgabe: Denn wenn wir Männer haben wollen, brauchen wir vorerst gesunde Mütter. Ich lasse auch hierzu meinem Gewährsmann das Wort über Vorbildliches, was in Amerika geleistet wird (für den schauderhaften Stil des Ungarn bin ich nicht verantwortlich; etwas gebessert habe ich ihn schon): »Körperkultur der Mädchen (insbesondere schwedische Gymnastik und Bewegungsspiele im Freien) ist unerläßlicher Bestandteil der amerikanischen Mädchenschulen sämtlicher Stufen. Es wird dem geradezu eine nationale Bedeutung zugeschrieben. Infolge der außerordentlich verbreiteten Koedukation wird an manchen Schulen sogar der Turnunterricht beiden Geschlechtern gemeinsam erteilt, und zwar, wie es heißt, ohne jede Gefahr.
Die Folgen dieser allgemeinen körperlichen Erziehung der Mädchen zeigen sich in einer seelischen und körperlichen Überlegenheit der amerikanischen Frau vor den Frauen anderer Länder. Der bekannte schöne Wuchs, die natürliche Anmut, die frische Farbe, das selbstbewußte Auftreten, die physische Widerstandskraft und die sittliche Kraft dieses Typus finden vorwiegend in der gesunden Jugenderziehung ihre Quelle und ihre Erklärung. Das im Keimen begriffene Mädchenturnen unserer Lande (Österreich) ist jenem gegenüber kaum mehr als ein ängstliches Herumtasten zu nennen.