Die grundlegende Vorbedingung einer jeden richtigen und erfolgreichen Körperkultur ist die Erziehung einer wissenschaftlich gebildeten Turnlehrergilde, die, fern von jedwedem Naturalistenunwesen und von extremem Muskelkultus, ein wohldurchdachtes, stets die ewig unabänderlichen Gesetze der Natur und der Gesundheit berücksichtigendes System befolgt und auch selbst über eine entsprechende allgemeine Bildung verfügt.«
Doch das führt hier zu weit, zu sehr ins Einzelne! –
Ein alter Spruch, den man unseren Schülern oft vorträgt, lautet: Qui proficit in litteris, sed deficit in moribus, plus deficit quam proficit: »Wer im Wissen vorankommt, in den Sitten aber zurück, hat mehr Schaden als Vorteil«. Das wollen wir Lehrer uns selbst besonders vorhalten und danach unsere Erziehungspraxis einrichten.
Gegenüber der deutschen akademischen Trinkunsitte bekannte sich der »Vierte deutsche Abstinententag« (Barmen-, Elberfeld, 6. Oktober 1906) mit aller Entschiedenheit zu der Auffassung, die im Februar 1906 der »Verein abstinenter Juristen des deutschen Sprachgebietes« bekannt hatte. Ich wiederhole daraus, wenn auch nicht wörtlich, einige Sätze, die auch wieder ein Stück Erziehung zur Mannhaftigkeit bedeuten:
Wer der Wahrheit die Ehre geben will, muß bekennen: Wir akademisch gebildeten Männer tragen an dem Alkoholelend in Deutschland die schwerste Schuld. Was in den höheren Kreisen der Gesellschaft geduldet, mit pietätvoller Rücksicht und Schonung gehegt und gepflegt wird, beeilen sich die unteren Klassen nachzuahmen und zu übertreffen. Die schwersten Formen der Alkoholverderbnis in Deutschland wurzeln in der Verblendung und in der Furcht der höheren sozialen Schichten; diese haben weder die Erkenntnis noch den Mut, die Dinge beim rechten Namen zu nennen und unwürdige Zustände aus ihrem eigenen Leben auszurotten.
Die auf dem Trinkzwange beruhenden Trinksitten des Universitätslebens, denen die Männer dieses Standes während ihrer Studienzeit fast ausnahmslos huldigen und die sie vielfach in ihr späteres Leben mit hinübernehmen, erzeugen bei dem berechtigten sozialen Ansehen ihrer Träger eine verderbliche Suggestion auf andere Kreise und verhindern viele, das Wesen der Alkoholgefahr richtig zu würdigen.
Die akademischen Trinksitten vergiften also einen großen Teil derer, aus denen sich unsere geistige Elite bilden sollte und wirken durch das böse Beispiel auch auf die anderen Stände verderbenbringend, zunächst auf die Stände der gleichen sozialen Schicht, sodann auch auf das gesamte übrige Volk.
Wer studiert hat, sollte fähig sein, auf den Höhen deutschen Geistes zu leben, sollte seinen deutschen Volksgenossen Führer sein zu idealer Lebenshaltung. Wie viele aber vegetieren nach vollbrachtem Studium in trostloser Mittelmäßigkeit dahin! Der Bierkultus, aus dem die deutsche Hochschule heute noch ein Evangelium macht, weiht unzählige in den empfänglichsten Jahren ihres Lebens dem ewigen Stumpfsinne, stempelt sie für alle Zeiten zu öden Philistern.
Wer studiert hat, sollte anderen an körperlicher Kraft und Schönheit, an Frische und an Lebensfreude voranleuchten. Denn wenigen Volksgenossen wird, wie ihm, die Muße geboten, in der Zeit stärkster Entwicklung den Körper zu stählen, die Sitten zu veredeln: Auch in der Erfüllung der Wehrpflicht sollte er daher einen andern als den gewöhnlichen Platz einnehmen. Wie viele aber legen durch den Trinkzwang des Universitätslebens den Keim zu dauerndem Siechtum! Wie viele gehen umher, vom Biere aufgeschwemmt und verunstaltet, keuchend unter der Last des Fettes, grämlich, aller Lebensfreude bar, ein Spott anderer Stände und Völker.
Wer studiert hat, sollte an gerader, furchtloser und männlicher Gesinnung vorbildlich sein. Jahrelang hat er Zeit, mit den Besten und Tapfersten der Weltgeschichte aller Zeiten im engsten geistigen Verkehr zu stehen. Bei solchem Umgange könnten und sollten ihm Menschenfurcht und knechtischer Geist fremd geworden sein.