Wie viele Studenten aber sehen wir dann im Berufe elendester und verächtlichster Streberei verfallen: einem ewigen Bücken vor den Vorgesetzten, einem unausgesetzten Schielen nach Beförderung, Kriechen nach oben und Treten nach unten!
Wo lernten sie das? Unter anderem doch wohl auch in der Knechtschaft des akademischen Trinkzwanges, dem ihr blühendstes Alter unterworfen war: Wer mit 20 Jahren gelernt hat, sich auf eines anderen Befehl mit Bier anzufüllen, bis er es wieder erbrechen muß, der hat damit genug das Opfer des Intellekts und freier Selbstbestimmung gelernt, der mußte Unwürdiges erdulden, gegen das sich schon der rein körperliche Stolz des Jünglings mit aller Macht auflehnen sollte; der Stolz aber wurde ihm dort gewaltsam gebrochen: er lernte, daß es nicht gut tut, stolz zu sein.
Durch die akademischen Trinksitten schädigen also die höheren Stände das Gesamtleben des deutschen Volkes in einer Weise, wie es annähernd kein anderes germanisches Volk heute duldet. Es ist Heuchelei schlimmster Art, sich über Trunksucht der Arbeiter zu entrüsten, solange das Vorbild dieser Trunksucht, die akademische Trinksitte, noch Duldung genießt.
Durch die akademischen Trinksitten seiner höheren Stände wird das deutsche Volk verhindert, in der Welt zu dem Platze völlig aufzusteigen, auf den es Anspruch hat. Die akademischen Trinksitten schädigen unser Ansehen im Auslande, hauptsächlich da, wo wir vor allem Achtung suchen, bei den Germanen des Nordens und des Westens, den Skandinaviern, Engländern und Nordamerikanern. Diese begreifen nicht, weshalb die Brudernation ihre beste Intelligenz so frevelhaft gegen Vernunft, gute Sitte und eigenes Wohl wüsten läßt.
Ein junger Mensch zwischen 18 und 20 Jahren findet selten Kraft, Selbständigkeit und Selbstgefühl genug, um, einem moralischen Zwange entgegen, seiner besseren Erkenntnis zu folgen und einfach zu erklären: »Das tu' ich nicht! Ein freier Mann läßt sich nicht zwingen, auf anderer Befehl sich mit Bier vollzugießen.«
Ehre dem deutschen Kronprinzen, der diesen Mut gefunden hat, freilich in seiner Ausnahmestellung auch als Gesetzgeber auftreten durfte, wo andere zu strengem und stummen Gehorsam verurteilt sind.
Wer unsere Jugend zur Mannhaftigkeit erziehen will, muß sich offen als Gegner des studentischen Trinkzwanges bekennen. Es ist ein Nonsens, junge grüne Pennäler mit dem Spürsinn und der Wachsamkeit von Detektivs in ihrem »außerdienstlichen« Leben zu überwachen, gleichzeitig aber die studentische Trinksitte offen anzuerkennen und als »alter Herr« die Tyrannei des akademischen Bierzwanges zu ertragen, ja, in gehobener Feststimmung sie mitzumachen.
Ist die ganze Saufpoesie wirklich von solchem Zauber, daß darüber selbst Greise noch in Wonneschauer verfallen, dann dürfte man es jungen Burschen nicht so sehr verübeln, wenn sie bald gleichen Glückes teilhaftig werden wollen.
In meiner Jugend wußte man tatsächlich noch nicht, welche Verheerungen der Alkohol an der Gesundheit und Kraft unseres Volkes anrichtet und meinte, wenn der Rausch verraucht, dann wäre auch die Sache abgetan.