Jetzt sind wir durch Ärzte und Nationalökonomen besser belehrt, jetzt wissen wir, daß die Trunksucht unser Volk schwerer schädigt als es die blutigsten Kriege vermochten, daß dabei nicht nur Leben und Lebensglück des einzelnen, sondern auch die Gesundheit, Kraft und Ehre des ganzen Volkes auf dem Spiele stehen.
Schon meldet sich in der besseren deutschen Jugend eine heilsame Einsicht, schon gibt es viele studentische Vereine, die den Trinkzwang abgeschafft haben, ebenso allerlei Wanderbünde und sonstige Gruppen junger Leute, die sich zur Mäßigkeit oder Enthaltsamkeit verpflichten. Ich selbst halte es mit Walther von der Vogelweide:
»Ich trunke gerne da man bi der maze schenket,
Und da der unmaze nieman iht gedenket – –
Er hat niht wol getrunken, der sich übertrinket
Wie zimet daz biderbem man, daz ime diu zunge hinket
Von wine? ich waene er houbetsünde und schände zuo ime winket« – –
Wir entsetzen uns jetzt in Deutschland über zunehmende Unsittlichkeit und damit herabgehende Wehrkraft und Rüstigkeit der deutschen Jugend. Ich glaube gerne, daß die Groß- und Fabrikstädte, das enge Zusammenwohnen der Menschen, die nervenzerrüttenden Wirkungen des geräuschvollen Straßen- und Fabriklebens eine Verführung zu Trunk und Unzucht begünstigen und daß die Kinder früher als sonst moralisch infiziert werden. Tacitus würde heute nicht mehr eine sera invenum Venus der Germanen rühmen können.
Welche Abwehr haben wir gegen diesen Verfall der Sitten? Von dem Kampf gegen den Schmutz in Wort und Bild verspreche ich mir keine starke Wirkung. Meine Gedanken fuhren auf andere Bahnen. Ich kann sie hier nur andeuten: Waldschulen, Landerziehungsheime, große öffentliche Spielplätze, Verlegung der Schulen ins Freie, eingeschränkte Stundenzahl, dafür körperliche Arbeit im Freien, allerlei maßvoll betriebener Sport, zumal kalte Bäder, Schwimmen, Rudern, regelmäßig wiederkehrende Kinderfeste mit Wettspielen, Wetturnen, Massengesang, sodann Kinderwerkstätten, Pflege der Handarbeit zumal der gärtnerischen, Halten von Haustieren (Kaninchen, Vögel), Ausstellungen von Kinderarbeiten – mit einem Worte: Steigerung des Schaffenstriebes und damit Steigerung der Lebensfreude und des Selbstbewußtseins.
Die Freude sucht den hellen Tag, weicht dem Niedrigen, Gemeinen und Dunklen aus. In Lasterhöhlen herrscht kein Frohsinn, sondern höchstens eine durch Alkohol angefachte scheue Wildheit.
Für die heranwachsende und schon erwachsene Jugend wäre eine Reform unseres ganzen sozialen Lebens zu wünschen. Wir leben in ganz kranken Zuständen. Heute bleiben, weil der Mann zu spät oder überhaupt nicht zur Ehe kommt, 40% der Mädchen besserer Stände ledig. Das ist ganz ungeheuerlich, ist ein Frevel gegen alle Vernunft und gegen die Natur. Es ließe sich ändern und müßte notwendig geändert werden.
Unsere jungen Leute müssen eher zu etwas kommen. Vor 100 Jahren heiratete der junge Deutsche mit 20–25 Jahren. So ist es auch heute noch im glücklichen England. Der Bursche von 17 Jahren hält dort schon Ausschau nach seiner Zukünftigen. Das ist normal und schützt ihn vor tausend Abgründen. Denn das Mädchen nimmt ihn in Zucht. Sie spricht wie Julia:
»Wenn deine Liebe, tugendsam gesinnt,
Vermählung wünscht, dann …«
So kommt über die Jünglingsjahre der poetische Hauch einer jungen und zukunftsfrohen Liebe.