Der deutsche Studio rechnet sich aus, daß er vor dem 35. Jahre keine Frau ernähren kann, daß dann seine Lotte auch gegen 30 Jahre, also schon verblüht sein wird und sieht sich vor, daß er nicht hängen bleibt. Sein Herz sucht dann Ersatz in den niederen Regionen, wo man an Vermählung nicht zu denken braucht.

Will man ernstlich der Prostitution steuern, so muß man die jungen Männer früher zu Erwerb und Stellung kommen lassen. Mit 20–25 Jahren sollte jeder junge Mann selbständig sein. Dazu müßten die ganz falschen Schulansprüche, das Phantom der »allgemeinen Bildung« und all die Hemmungen beseitigt werden, die jetzt dem deutschen Jüngling seine Zukunft versperren. Mein Großonkel, Johannes Gurlitt, war mit 23 Jahren (glaub ich) Gymnasialdirektor in Kloster Bergen bei Magdeburg – ging ausgezeichnet! Jetzt läßt man einen geprüften Lehrer von 25 Jahren nur mit Vorsicht unter Assistenz von älteren Lehrern gegen die Sextaner los, mit 30 Jahren wird er denn endlich mit Gottes Hilfe angestellt. Voriges Jahrzehnt kamen viele erst mit 35–40 Jahren dazu und eröffneten ihre Laufbahn mit schon ergrauendem oder kahlem Scheitel und mit erloschenem Herzen. Nachdem ihnen jahrelang der Brotkorb gezeigt und dann wieder entzogen wurde, lernten sie sich vollends den Wünschen der Vorgesetzten willenlos unterordnen. Mit gebrochenem Selbstbewußtsein wie von unten her Geräderte, und im Rückgrat geknickt, traten sie schließlich ihr Amt an, in dem nur gesunde, aufrechte und selbstbewußte Männer Großes leisten können.

So kommt jede Betrachtung zurück auf unsere nötige Erziehungsreform.

In summa; Luft, Licht, Wasser, Bewegung und Spiel im Freien, geselligheiteres Leben, körperliche Anstrengung und gute geistige Anregung – das sind die besten Waffen gegen jede Unsittlichkeit in Schule und Haus und ihre Menschenkraft und Menschenglück zerrüttenden Wirkungen.

Dafür kann man dann getrost einen ganzen Waschkorb voll Schul- und Bücherweisheit in die Rumpelkammer tragen. – –

Noch vor einigen Monaten klagte mir eine Mutter, ihr Sohn (13jähriger Gymnasiast) hätte ihr unter Tränen gesagt: »Ich erlebe im ganzen Jahr keine frohe Stunde.« – Die Schule raubt auch diesem gutartigen, aber etwas langsamen Kinde das Beste, den Sonnenschein, den Frühling des Lebens. Aber getrost. Es soll nicht mehr lange währen. Hören wir, wie die Frühlingsstürme auch schon in Österreich sich erheben (Die Schul-Reform I, Nr. 1):

– – »Was bliebe denn dem Menschen für das Grau des Daseinskampfes übrig, wenn nicht die Erinnerung an den Lenz des Lebens? Und diese Ungebundenheit soll auch schon dem werdenden Menschenkinde vergällt, vergiftet werden, indem man es jahrelang zurechtstreckt und biegt und krumm zieht! Nein, das ist Übereifer, ist Unnatur! Wenn das Übel nicht ärgere Folgen schon gezeitigt hat, so verdanken wir das der unverwüstlichen Lebenskraft der Jugend, die viele Püffe verträgt. Aber eine unnütze Behinderung der Entwicklung bleibt es trotz alledem und darum müssen neue Bahnen beschritten werden.

Lassen wir doch auch im Frühling des Lebens fröhlich alle Knospen springen, die so ein Menschlein in sich trägt! Lassen wir es natürlich heranwachsen und okulieren wir nicht immer an dem jungen Stämmchen herum. Wir werden dann an der Fülle eines neuen Geisterfrühlings auch unsere Augenweide haben.

Schon gärt und wächst es allenthalben; alte Formen zerbrechen, neue Bildungen setzen sich durch. Ein Zug der Erneuerung geht durch die Gesellschaft, seit der Geist der Naturforschung von Erkenntnis zu Erkenntnis braust. Lassen wir diese frische Lenzluft doch auch in unsere verstaubten Lehrburgen ein, wo jahrhundertalter Moder lagert! Auch in diese Jugendgefängnisse muß der Ozon des sozialen Zeitalters einströmen. Die Brillen und Schlafmützen der alten Weisheitsgreise gehören schon längst ins kulturhistorische Kabinett. Noch spuken in der Mauerschule die Gespenster der Ägypter und Assyrer herum und das Ichneumon und das Gürteltier führen ihr sagenhaftes Leben weiter in den Schulbüchern, die von einer Jugendreihe zur ändern wandern. Nein, lüften wir da gründlich, damit die bleichen, verdrossenen Hippokratengesichter uns nicht die Freude am kommenden Geistesfrühling, an den vom Schulzwang und aus Formelhaft befreiten Individualitäten, verleiden!«