XV.
Stärkung des Selbstbewusstseins.

Selbstbewußtsein hat seine Wurzel in der Kraft.

Alte Herren, denen es mehr um ihre Eitelkeit und um ihre dauernde Wertschätzung, als um einen kräftigen, selbstbewußten deutschen Nachwuchs zu tun ist, klagen über den Mangel an Respekt bei der Jugend. Die Klage ist so alt, wie die Kenntnis der menschlichen Geschichte. Ich will mich hier mit dem Nachweise nicht zu lange aufhalten, erinnere aber alle Bibelfesten an die einschlägigen Bibelstellen und nenne eine Stelle aus dem Kirchenvater Chrisostomus: »Die Eltern beklagen sich oft über die Unbändigkeit der Jugend; aber sie sollen die Dornen ausreißen, ehe sie tiefe Wurzeln geschlagen haben. In dem zarten Alter hätten sie sich ohne Mühe ausrotten lassen; wäre die Aufsicht über die Leidenschaften nicht versäumt worden, sie würden nicht so zugenommen haben und jetzt nicht so schwer zu bestreiten sein.« Auch Walther klagte im Alter, daß die Eltern tölpelhafter Junker, Salomos Lehre mißachtend, die Rute zu sehr gespart hätten. Der Zufall spielt mir ein Regensburger Blatt aus dem Jahre 1832 in die Hände. Das war doch die Zeit unserer Großväter, die wir so oft rühmen hörten. Da aber lesen wir von einer »verwildeten, respektlosen« Jugend und die Ermahnung: »Eltern, Lehrer und Meister! ihr seht die Früchte der heutigen Erziehung; legt nicht die Hände in den Schoß, sondern legt sie ans Werk, erhaltet und rettet, was noch zu erhalten, zu retten ist! Ist einmal die Ehrfurcht, der Gehorsam gegen die geistliche Obrigkeit verletzt, so folgt der Ungehorsam gegen die weltliche von selbst nach, und der Strom des Verderbens, Aufruhr und Empörung möchte dann auch uns ergreifen und in den Abgrund ziehen.«

Ich könnte Zeugnisse aus unserer eigenen Jugendzeit beibringen, Zeugnisse, in denen von uns als von einer »entarteten Jugend« gesprochen wird – (und wir waren doch so nette Kerle!).

Die Klagen über wachsende Autoritäts- und Pietätslosigkeit der heutigen Jugend weisen Direktor Evers (Direktoren-Verhandlungen Bd. 51, als Buch: »Auf der Schwelle zweier Jahrhunderte«. Berlin 1898, Weidmann) und Direktor Max Nath (a. a. O. S. 61 ff.) mit Recht ab. Evers schreibt: »Vor allem erscheint mir unsere Jugend viel maßvoller, wohlerzogener, zahmer, verfeinerter schon in den Mittelklassen … Weder in körperlicher noch in sittlicher Hinsicht steht unsere Jugend schlechter, im allgemeinen sogar besser (als früher)« und Nath sagt dazu: »Das sind Worte, die ich freudigen Herzens und aus vollster Überzeugung unterschreibe.« Ebenso hatte bekanntlich auch Paul de Lagarde schon früher gesprochen. Aber immer noch beruft man sich auf Caprivis Wort von der verwilderten Jugend, als ob Caprivi eine Autorität wäre. Ich kenne wenige Menschen, die sich im öffentlichen Leben durch ihre Kurzsichtigkeit so wie er bloßgestellt haben. Man verweist auch auf die zunehmende Zahl von Delikten und Strafen an Jugendlichen niederen Standes. Darauf ist zu sagen: erstens leben wir in latentem Kriegszustande, zweitens ist jene Jugend ihren Autoritäten, den sozialistischen Führern, höchst gehorsam, nur zu gehorsam, drittens, eine übereifrige Polizei, auch numerisch verstärkt, straft für Delikte, die man früher belächelte.

Auf jene Statistiken ist also wenig zu geben.

Es ist vielleicht ein Verdienst der sozialistischen Führer, daß sie die niederen und niedrigsten Volksschichten an Disziplin gewöhnen. Diese großartige Arbeit werden erst spätere Jahrhunderte voll anerkennen. Das Machtwort Bebels verbietet den Sozialisten Gewalttaten – und mit Erfolg! Man spottet über diese strenge Parteizucht: man sollte sie bewundern. Es wird hier durch die Macht der Idee geleistet, was man sonst nur durch eiserne Strenge und Gewalt erreichen konnte. Der Zug von 200 000 Männern, der sich lautlos, ohne jede Störung, in feierlichem Ernst stundenlang als Protest gegen ein veraltetes Wahlgesetz durch die Wiener Straße zog, war nach Zeugnis von Augenzeugen ein ergreifender Anblick.

Wenn Machthaber, Erzieher, Lehrer über Respektlosigkeit der Schutzbefohlenen klagen, dann liegt immer ein Fehler der Leitenden zugrunde. Denn der Mensch hat den inneren Drang, sich anzuschließen und unterzuordnen, wo er Kraft und Einsicht, Wohlwollen und Schutz findet. Sind die Untergebenen unzufrieden, dann ist es hohe Zeit, daß die Herrschenden mit sich zu Rate gehen. Ohne Feuer kein Rauch. Wer ehrlich sucht, findet auch den Grund der Unzufriedenheit und findet Mittel der Abhilfe, sofern nicht, wie vor 100 Jahren in Frankreich und heute in Rußland, der rechte Zeitpunkt durch Gedankenlosigkeit und brutalen Egoismus schon versäumt ist.

Nach meinem Urteile, das sich auf eine langjährige Beobachtung begründet, ist unsere jetzige »bessere« Jugend – die anderen kenne ich leider zu wenig – nicht zu respektlos, sondern zu zahm, zu autoritätsgläubig, zu unselbständig im Denken und Handeln. Diese Schwäche teilt sie mit ihren Eltern. Ihre grenzenlose Hochachtung vor Beamteten, Betitelten, Ordengeschmückten und tönenden Namen lähmt all ihr Urteil. Es wird höchste Zeit, daß man dem Volke all diese bewunderten Leute einmal in der Unterhose zeige.